Wer sich an eine Haydn-Biografie wagt, nimmt nicht nur die Beschreibung eines langen Lebens (1732 bis 1809) auf sich, er muss sich auch einlassen auf die Skizzierung eines gewaltigen historischen Horizonts, einer revolutionär gebrochenen Zeitspanne, die von Maria Theresia bis zum Wien-Eroberer Napoleon reicht. Vor allem aber begibt er sich ins Spannungsfeld einer im genauen Wortsinn unerhörten musikalischen Entwicklung, die zuerst noch von Spätbarock und Rokoko geprägt ist und rasch zur Ausbildung »klassischer« Strukturen führt bis zum Individualstil Beethovens und Schuberts.

Joseph Haydn ist 24 Jahre vor Mozart geboren und hat ihn um fast 18 Jahre überlebt. Er war 60 Jahre alt, als Beethoven, hauptsächlich seinetwegen, nach Wien kam; beide jüngeren Genies haben bei ihm gelernt; aber von beiden auch er. Die epochenüberwölbende Vita war stets geladen mit schöpferischer Vitalität, befördert von der Lust am musikalischen Experiment. Zwar war er (bis auf wenige Jahre in London) immer im Dienst eines einzigen Fürstenhauses, der Esterhazys, denen sein wachsender europäischer Ruhm zunehmend lästiger wurde; aber sein eigentlicher Auftraggeber war dann doch nicht der Adel, sondern sein musikalisches Temperament: »Gewöhnlich verfolgen mich musikalische Ideen bis zur Marter; ich kann sie nicht loswerden, sie stehen wie Mauern vor mir. Ist es ein Allegro, das mich verfolgt, dann schlägt mein Puls immer stärker, ich kann keinen Schlaf finden. Ist es ein Adagio, dann bemerke ich, daß der Puls langsamer schlägt. Die Phantasie spielt mich, als wäre ich ein Klavier.« Eine Äußerung des 74-Jährigen.

Haydn-Biografien leiden bis heute unter dem Missstand, dass man über viele Details seines Lebens (eben wegen des Gleichmaßes) wenig weiß und sagen kann; zum andern aber unter jener Papa-Haydn-Tümelei (»er bliebt seinem Volk verbunden«), die besonders in Wien von keiner Fackel verbrannt werden konnte. Jetzt hat der Musikwissenschaftler und Dirigent Hans-Josef Irmen ein neues Buch über Joseph Haydn – Leben und Werk vorgelegt, das mit solcher Phrasenhaftigkeit aufräumt, aber eher »Haydn in seiner Zeit« heißen sollte. Denn es ist nicht eigentlich eine Biografie (und gibt sich mit Haydns Familienumständen, der ungeliebten Frau und der undankbaren Geliebten nur ganz am Rande ab); aber es behandelt auch das unermessliche Œuvre nur an einigen wenigen Beispielen.

Stattdessen eröffnet Irmen ein großartiges historisches Panorama, führt ein in das musikfanatische Wien des 18. Jahrhunderts, erst unter dem begeistert dilettierenden Karl VI., dann unter der mäzenatischen Maria Theresia. Mit seiner »materialistischen« Musikgeschichtsschreibung beschwört Irmen ein klingendes Lokal-Universum herauf, aus dem die Karriere Haydns allmählich leuchtend hervortritt.