Was gibt es Langweiligeres als die Grußworte in den Katalogen der großen Filmfestivals? Zum millionsten Mal werden die immergleichen Trends (Gewalt, Sex, Krieg, Zerfall der Familie), die ewige Kraft des Kinos und die Rückkehr des Autorenfilms beschworen. Nicht so im diesjährigen Geleitwort von Venedigs Festivalchef Marco Müller. Sein Text zur 65. Mostra del Cinema muss im Zustand illuminierter Übermüdung entstanden sein, zwischen letzten Programmänderungen, einem Verzweiflungsprosecco und dem Ausrollen des roten Teppichs. Er liest sich ungefähr so, als habe Karl Marx auf Ecstasy versucht, eine Rede des Dalai Lama zusammenzufassen.

Man dürfe das Kino nicht mehr als einen unfehlbaren Kompass ansehen, der die Menschen aus einer problematischen, vielschichtigen, widersprüchlichen Gegenwart herausretten könne, schreibt Müller. Vielmehr sei das Kino eine neue kraftvolle Art zu denken geworden, eine Aneinanderreihung von Ideen, Kräften, Fähigkeiten, Mythen und Geschichten. Sein Fazit lautet: "Das Kino ist nicht mehr (oder fast nicht mehr) Kino."

Was das bedeutet? Es bedeutet wahrscheinlich zweierlei. Erstens weiß Müller offenbar nicht so recht, welchen Reim er sich auf sein in diesem Jahr leicht konfuses Programm machen soll, das weniger Hollywood als gewohnt zu bieten hat und schon die Restaurierung eines Adriano-Celentano-Films von 1975 als internationales Kinoevent verkauft.

Zweitens ist der Eröffnungsfilm der Filmbiennale, Burn After Reading von den Coen-Brüdern, das Werk der Stunde. Es geht um eine Fitnessclub-Angestellte (gespielt von der wie immer großartigen Frances McDormand), die um jeden Preis Geld für eine Schönheitsoperation auftreiben will. Als ihr trotteliger Kollege Chad (gespielt von Brad Pitt mit blonden Strähnchen) im Umkleideraum zufällig eine CD mit Geheimdaten der CIA findet, versuchen die beiden, die Informationen an die Russen zu verkaufen. Zusammen mit Tilda Swinton, John Malkovich und George Clooney entsteht daraus ein typischer Coen-Schlamassel, in dem jeder jeden betrügt, erpresst und ausbeutet. In Burn After Reading ist die russische Botschaft ein Betonwürfel und Amerika die Quersumme aus Fitnesswahn und schlechtem Fernsehen. Über allem schwebt die CIA, die alles beobachtet und aus nichts mehr schlau wird.

In der Welt der Coen-Brüder – da sind sie dem Biennale-Chef Marco Müller, dem Philosophen Karl Marx und dem Dalai Lama deutlich voraus – dreht sich die große Kompassnadel seit je wild um sich selbst. Müde Sheriffs, schwangere Polizistinnen und überforderte CIA-Agenten können in ihren Filmen nur kopfschüttelnd mitansehen, was die Menschen einander antun. Tatsächlich würden die Coens nie auf die Idee kommen, dass uns das Kino Halt, Geleit oder Moral bieten sollte. Oder dass es irgendjemanden von irgendetwas erretten könnte. Aber das Wunderbare ist, dass sie in Burn After Reading nach anderthalb Stunden Lug, Trug, weltdiplomatischen Desastern und mehreren Leichen immerhin noch eine Schönheitsoperation für ihre Heldin herausspringen lassen.