Jetzt bitte nicht lachen! Wilhelm Molterer, die Kanzlerhoffnung der ÖVP, hat den Salzburger Nachrichten in einem Interview ein großes Geheimnis offenbart: einen "Teil meiner bisher unbekannten Seiten", namentlich "Kunst und Kultur". "Ich bin damit sehr persönlich und sehr tief verwoben", gestand der Mann, den sie hinter seinem Rücken Pater Willi nennen. Das mag wohl den Ausschlag dafür gegeben haben, dass Molterer, derzeit noch für die Finanzen der Republik verantwortlich, jetzt angekündigt hat, er werde, sollte er nach der Wahl Bundeskanzler werden, die Kulturpolitik wieder zur Chefsache erklären, also selbst Museums- und Theaterdirektoren ernennen, große Ausstellungen eröffnen und etwa im Mahler-Jahr 2011 (100. Todestag) die Festrede halten. Den restlichen Kram soll ihm ein Staatssekretär abnehmen. Eine "spannende Konstruktion", nennt das Molterer. Sitzt ihm da vielleicht der Schüssel im Nacken?

Von Wolfgang Schüssel, seinem Vorgänger, weiß man, dass er ein begabter Pianist ist und hingebungsvoll das Cello streicht. In dieser Pose präsentierte er sich auch auf Wahlplakaten. Molterer hingegen ließ seiner musischen Neigung bislang vor allem als Virtuose an der Knöpferlharmonika im Volksmusiktrio der früheren ÖVP-Führung (Gitarre: Multitalent Schüssel, Querflöte: Liesl Gehrer) freien Lauf. Alle anderen Aspekte seiner unbekannten Seiten hielt er jedoch bedeckt. Allein diese Begabung dürfte allerdings dazu befähigen, in einer Kulturnation, wie sie Österreich ist, die kulturellen Belange zu steuern.

Nun ist es ein verbreitetes Phänomen, dass jedermann, der gelegentlich Burg oder Oper mit einem Besuch beglückt, meint, an ihm sei ein bedeutender Kulturpolitiker verloren gegangen; und bei der Ressortaufteilung überzeugt dieses Argument ja auch meist. Bei Wilhelm Molterer dürfte das allerdings nicht der Fall sein. Selbst wenn erst jetzt bekannt wurde, dass er von Kunst und Kultur durchdrungen ist.

Molterer stammt aus dem bäuerlichen Umland von Sierning in der Eisenwurzen. Dort wurde der heimatverwurzelte Politiker auch kulturell geprägt. In dieser Gemeinde tritt im ehemaligen Volksheim die Theatergruppe Sierninghofen-Neuzeug auf. Es ist allerdings nicht bekannt, ob Molterer je in diesem Ensemble mitwirkte und ob den Laienspielern ähnlich stupende Shakespeare-Aufführungen gelingen wie deren Kollegen aus dem steirischen Oberzeiring, die ja bekanntlich Schüssel und dessen Staatssekretär Franz Morak zu wichtigen kulturpolitischen Kurskorrekturen veranlasst hatten.

Bekannt ist Sierning aber für seinen seit 1732 jährlich zur Faschingszeit veranstalteten Rudenkirtag, den der Volkskundler Hans Commenda in der Zeitschrift Heimatgaue ausführlich würdigte. Bei dieser Traditionsveranstaltung konkurrieren regionale Volkstanzgruppen, sogenannte Ruden, in der Kunst des Traunviertler Landlers und nehmen in achtzeiligen Gstanzeln, gesungener Mundartlyrik, aktuelle Missstände und deren Verursacher aufs Korn. Diesem "Ansingen" stellte sich Molterer auch als Vizekanzler, und dazu weiß er sich in Interviews kenntnisreich zu äußern.

Weniger bekannt hingegen ist, dass Sierning auch der Geburtsort von Paul Fürst ist, jenem kreativen Kopf, dem die Welt eine der wichtigsten österreichischen Kulturleistungen verdankt: die Mozartkugel. Wilhelm Molterer wurden Kunst und Kultur also nachgerade in die Wiege gelegt. joachim riedl