Syrien Mezze für die Massen

600 Kellner und über 7000 Gäste – das »Tor von Damaskus« ist nicht nur das größte Restaurant Syriens, es ist auch das größte der Welt

Die vierspurige Autobahn führt tief hinein ins Brachland. Verdorrte Kiefern ziehen am Fenster vorbei, Müll liegt im dreckbraunen Gras des Seitenstreifens. Plötzlich ragt aus der kargen Ebene ein antikes Säulenportal in den Himmel. Ganz in der Nähe funkeln weitere fantastische Gebilde; Dornröschenschlösser, Sultanspaläste, künstliche Dschungel, es sind die Erlebnis-Lokale der Ghouta. Der feine Staub in der Luft zerstreut den kalten Glanz ihrer Plastikfassaden.

Die Ghouta-Oase liegt südlich von Damaskus, irgendwo zwischen Autobahn und Flughafen. An jedem Wochenende kommen die Damaszener hierher, um dem Lärm, der Enge, dem Verkehr der Stadt zu entkommen. Einst fanden sie in der Ghouta Wiesen, Obstplantagen und Olivenhaine vor. Von alldem haben Industrialisierung und Klimawandel kaum etwas übrig gelassen. Stattdessen erkannten Investoren das Potenzial der traditionellen Ausflugsgegend. Wo sich früher sattgrün die Natur erstreckte, hat sich eine grellbunte Vergnügungsstadt ausgebreitet.

Mittendrin steht das Bawabe Dimashq, das »Tor von Damaskus« – das größte Restaurant der Welt. Vor dem Eingang erhebt sich eine exakte Replik des Triumphtores von Palmyra. Die Wüstenmetropole rund 260 Kilometer nördlich von Damaskus beherrschte während des 2. Jahrhunderts die Handelsrouten von Europa nach Indien und China. Heute zählen die monumentalen Ruinen zu den beeindruckendsten historischen Stätten der Welt. Hier, im ärmlichen Damaszener Vorland, erscheinen die Säulen unwirklich wie eine Computeranimation.

Vom Eingangstor aus führt ein Pfad nach rechts zu einem Verwaltungsgebäude, das Büro des Geschäftsführers liegt im ersten Stock. Mohanned al Samman, ein 25-Jähriger mit kurz geschnittenem Haar über dem fleischigen Jungengesicht, sitzt hinter einem gewaltigen, mit Perlmutt-Inlay verzierten Schreibtisch. Präsident Baschar al-Assad blickt ihm von einem Bilderrahmen aus über die Schulter.

Mohanned al Sammans Vater, ein Großunternehmer, ließ das Bawabe Dimashq für 32 Millionen US-Dollar errichten. »Er wollte etwas für sein Land tun, was eine Spur hinterlässt«, sagt Mohanned. »Er entschloss sich also, das größte Restaurant Syriens zu bauen. Und dann stellte sich heraus, dass es auch das größte der Welt ist.« Der Superlativ ist seit diesem Jahr offiziell bestätigt: Mohanned al Samman hat die Urkunde vom Verlag des Guinness Buchs der Rekorde in Griffnähe liegen. »Offiziell haben wir 6014 Plätze. Aber wenn wir die Tische näher zusammenrücken, passen bis zu 7500 Gäste rein«, sagt der junge Manager und hastet von seinem Büro aus die Stufen in den Gästebereich hinunter.

Die Ruinen ziehen sich über die gesamte Seite des Innenhofes, maßstabsgetreu nachgebildet bis hin zu den Bruchstellen in den steinernen Blumenranken entlang der Reliefs. Scheinbar endlos reihen sich die Tische. Die Gäste spazieren durch Gänge und Passagen, vorbei an Springbrunnen und Palmenalleen, Treppenfluchten hinauf und hinunter, über Balustraden und Galerien. Am Ende des Areals sprudelt ein künstlicher Wasserfall von der Höhe eines dreistöckigen Hauses.

Gleich dahinter ist ein weiterer Bereich verborgen, eine asiatische Enklave inmitten des syrischen Restaurants: Mit dem India Gate spielt das Bawabe Dimashq auf die Rolle der einstigen Handelsmetropole Palmyra als Tor nach Fernost an. So werden am India Gate indische und chinesische Gerichte serviert. An einer Terrasse thront ein Bauwerk, dessen Architektur gleich mehrere Stile aufeinanderprallen lässt. Zwiebeltürme stehen neben ionischen Säulen, Drachen und Elefanten sind umgeben von arabischen Ornamenten.

Eine Baufirma aus Pjöngjang hat die 4500 Quadratmeter große Anlage errichtet. Nordkorea und Syrien sind beide sozialistische Diktaturen, aus der ideologischen Gemeinsamkeit entwickelte sich eine Freundschaft. Sämtliche Arbeiter-und-Bauern-Mosaike an den Fassaden von Damaskus sind von Nordkoreanern gefertigt, weil sich die fernöstlichen Verbündeten mit Propaganda wie auch mit der Gestaltung dramatisch-monumentaler Szenerien auskennen.

In dem Restaurant arbeiten 1800 Angestellte, 600 davon als Kellner. Sie wirken wie ein Hofstaat: Es gibt Kellner, deren Aufgabe es ist, die Tabletts aus der Küche zu tragen; andere setzen die Gerichte von dort auf die Tische. Das niedrigste Glied in der Kette ist nur dazu da, frische Glut in die Wasserpfeifen nachzulegen.

»Wir müssen vor allem darauf achten, schnell zu laufen«, sagt Hamid Jabbar, der Oberkellner, ein hochgewachsener Mann mit ernster Miene, »sonst wird das Essen unterwegs kalt.« 20 Minuten dauere der Fußmarsch quer durch das Restaurant, »wir wünschten uns Motorroller«.

Ohne Pause strömen Kellner in die Küche hinein, aus der Küche heraus. Im Innern wirkt der Raum mit seinen blank verchromten Oberflächen wie eine Fabrikhalle. Rund 50 Männer beugen sich über Dutzende Gasherde. Wie im Akkord schlagen Löffel gegen Topfwände, rühren Quirle durch Schüsseln. Plötzlich ertönt ein Wutschrei; die dröhnende Stimme des Chefkochs hallt von den Wandfliesen zurück. Dann lacht der schnauzbärtige Mann so herzlich, dass sein fülliger Leib bebt. »Sie sagen, ich brülle wie ein Löwe. Aber ich muss streng sein. Sonst bricht hier Chaos aus«, erklärt Gofran Sarzour, der früher einmal die Küche des Präsidentenpalastes geführt hat. Dort, wo ihm die hohe weiße Mütze auf der Stirn sitzt, quellen dicke Schweißtropfen hervor.

Nahezu alle Lokale in Syrien servieren eine ähnliche Auswahl einheimischer Gerichte. Nur einzelne Restaurants ragen aus der Masse hervor, indem sie die Speisen mit raffinierten Gewürzen verfeinern. Die Mahlzeit beginnt mit einer Vielzahl überwiegend kalter Mezze: Hummus etwa, einem Kichererbsenpüree, oder Muhammara, einer Creme aus Chilischoten, Zwiebeln und Walnüssen. Der Hauptgang besteht meist aus scharf gewürztem Grillfleisch. Das Bawabe Dimashq bietet guten Durchschnitt, schmackhafte arabische Hausmannskost, doch nichts, was lange im Gedächtnis bliebe.

Draußen hat sich mittlerweile die Dämmerung über den Innenhof gelegt. Aus Dutzenden Scheinwerfern fällt fahles Licht auf die Ruinen. Je später der Abend, umso mehr füllen sich die Reihen. Gerade tritt eine Busladung iranischer Pilgerinnen durch das Triumphtor; die Säume ihrer schwarzen Gewänder schleifen über die Fliesen.

Hier und dort hocken Männergrüppchen zusammen, Tabakrauch kringelt sich um ihre Köpfe. Kinder toben umher; eine Damaszener Großfamilie hat so viele Gerichte bestellt, dass die Kellner ihr einen zusätzlichen Tisch heranstellen müssen. Ständig drängeln sich neue Gäste an den bereits sitzenden vorbei. In allen Richtungen blubbern Wasserpfeifen, klappern Teller, rücken Stühle. So ist ein Dinner im Bawabe Dimashq ein Kollektiverlebnis. Der Gast wird Teil einer tausendköpfigen schmatzenden Masse.

Und doch ist dies für viele Besucher weit mehr als ein Ort für ein Mahl: Sie richten die Fotoapparate auf Mauer und Bögen, knipsen Frau und Kind inmitten der Säulen. Fast vergessen scheint, dass dies nur eine Kulisse ist und nicht das berühmte Original.


Syrian Arab Airways fliegt dreimal wöchentlich von Frankfurt am Main direkt nach Damaskus. Günstige Tarife bieten die ungarische Malev oder Turkish Airlines

Einreise:
Ein Touristenvisum kostet 40 Euro, der Reisepass muss mindestens noch sechs Monate lang gültig sein und darf keinen israelischen Stempel enthalten. Visaerteilung über die Botschaft der Arabischen Republik Syrien, Berlin, Tel. 030/5011770, www.syrianembassy.de

Unterkunft:
Klein, aber prachtvoll ist das Beit al Mamlouka (Tel. 00963-11/5430445/6, www.almamlouka.com ) aus dem 17. Jahrhundert mit acht individuell eingerichteten Zimmern und originalgetreu restaurierten Deckenmalereien und Mosaiken. DZ 73 bis 195 Euro

Das Restaurant:
Das Bawabe Dimashq liegt nahe der fünften Brücke an der Autobahn von Damaskus zum internationalen Flughafen, rund 30 Kilometer südlich der Stadt. Reservierungen unter Tel. 00963-11/5475500 oder 00963-933/202075

Auskunft:
Gegen einen frankierten Rückumschlag verschickt die syrische Botschaft Prospekte. Informationen auch unter www.syriatourism.org

 
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