Den wenigsten Gruppen gelingt es, ihre Karriere genau auf dem Scheitelpunkt ihrer Popularität zu beenden. Die Beatles sind das berühmteste Beispiel. Vor knapp zehn Jahren glückte den Britpoppern von The Verve das traurige Kunststück – durch die Trennung blieb ihr schillernder Ruf wie in Bernstein aufbewahrt. Nun scheitern sie daran, es auch dabei zu belassen: 2007 feierten sie die Wiederversöhnung, am letzten Freitag erschien ihr neues Album Forth. Und schon vor dem ersten Ton fragte man sich, ob das eine gute Idee war.

Gewiss, der Gedanke ist derzeit besonders verführerisch, die neunziger Jahre sind sozusagen die Dekade der Stunde. Oasis, Primal Scream, Portishead, Tricky, Damon Albarn von Blur – die großen Vertreter der Zeit feiern auf Festivals oder in den Charts in vielerlei Inkarnationen ihren zweiten Frühling. Dabei haben manche alles falsch gemacht, andere alles richtig. Oasis etwa, laut eigener Einschätzung »die größte Rockband« der Neunziger, waren ohne Unterbrechung stets präsent und haben ihren Lorbeer deshalb weitgehend aufgezehrt. Ganz anders Portishead, die für zehn Jahre völlig von der Bildfläche verschwanden, um sich erst in diesem Frühjahr mit Third auf verblüffende Weise neu zu erfinden.

So ähnlich dürften sich das auch Richard Ashcroft und Nick McCabe gedacht haben, als Sänger und Gitarrist von The Verve die zentralen Figuren ihres Projekts. Selten in der an Hypes wahrlich nicht armen Geschichte des Britpop ist ein Comeback so kunstvoll in Szene gesetzt worden. Erst mit großem Pomp angekündigt, wurde es verschoben, dann wieder neu angekündigt und nochmals auf Eis gelegt, flankiert von opulenten, aber bloß rekapitulierenden Storys in den Musikblättern der Insel. Schließlich schickten die beiden dem Album die programmatische Single Love Is Noise voraus – leider mit wenig verblüffendem Ergebnis. Das Stück lebt von einer einzigen zündenden Idee, die sich rasch in endlosen Wiederholungen des Refrains erschöpft.

Dabei bestand die Leistung von The Verve schon zu ihren besten Zeiten darin, mangelnde Originalität mit großen Gesten wettzumachen. »In der Rockhistorie ist ein Platz für uns reserviert«, dröhnte Richard Ashcroft Anfang der Neunziger, als Selbstbewusstsein oder wenigstens Großmäuligkeit noch trittsichere Sprossen waren auf dem Weg an die Spitze. Im Gedächtnis dürfte neben Hits wie The Drugs Don’t Work, Sonnet oder Bittersweet Symphony vor allem ein Videoclip geblieben sein, der zur Inkunabel eines ganzen Genres werden sollte: Ashcroft, damals wie heute ein mürrischer junger Wiedergänger Mick Jaggers mit vollen Lippen, tief hängenden Jeans und taillierter Lederjacke, geht darin seinen Weg, unbeirrt singend, auch wenn er dabei rüde andere Passanten vom Bürgersteig rempeln muss.

Es adelt eine Rockgruppe nicht unbedingt, wenn die Bilder, die sie produziert, prägnanter sind als ihre Songs. Wenigstens hatten The Verve im Jahrzehnt des Post-Thatcherismus nicht nur leere Formspielereien zu bieten, sie spendierten dem Heer der Außenseiter und Aussortierten eine Botschaft: Wer als Mensch für voll genommen werden will, der muss den Mund voll nehmen, und er muss doppelt so laut schreien, wenn er mit der Hypothek einer proletarischen Herkunft belastet ist. »Alles passiert im Kopf«, erklärte Ashcroft – und stieß damit auf offene Ohren. Ganz offiziell widmeten Oasis ihre Ode Cast No Shadow dem »Genie« Richard Ashcroft, den sie als schön geschundenen Schmerzensmann schilderten, der keinen Schatten wirft, kleine Gratis-Apotheosen unter Kumpeln.

Trotzdem: In künstlerischer Hinsicht gelangte die Band über Secondhand-Hits nie hinaus. Radiohead aus dem bürgerlich-akademischen Oxford gelang es, ihren Rock auf dem Höhepunkt der Karriere eindrucksvoll in elektronische Klangwelten zu transzendieren. The Verve aus der nordenglischen Industriestadt Wigan zerbrachen noch vor dem Versuch, es ähnlich zu machen. Gitarrist Nick McCabe flirtete ernsthaft mit den Möglichkeiten der Elektronik, Ashcroft bestand darauf, auch weiterhin dem hergebrachten Songformat treu zu bleiben. Die offizielle Trennung, eigentlich schon die zweite in der nicht unkomplizierten Geschichte der Band, wurde am 28. April 1999 bekannt gegeben. Das Datum markierte nicht nur das vorläufige Ende dieser Band, sondern auch das endgültige eines ganzen Genres.