Atommüll "Der Totenkopf überlebt nicht"
Wie warnt man Menschen in der fernen Zukunft vor Atommüll? Der Semiotiker Roland Posner glaubt, dass unsere Zeichensprache nicht lange genug verstanden wird. Ein Gespräch
DIE ZEIT: Das Zeichen für Radioaktivität wird schon heute nicht von allen verstanden; Kinder halten es für eine Blume oder einen Propeller. Wie kann man Menschen über Zehntausende von Jahren vor Atommülllagern warnen?
Roland Posner: Dieser technische Ansatz – wir brauchen ein klares Zeichen, und das gravieren wir in einen sehr harten Stahl – ist verfehlt. Es gibt keine Sprache, deren Wörter ihre Form und Bedeutung länger als einige Tausend Jahre behalten haben.
ZEIT: Welche Symbole haben denn am längsten überdauert?
Posner: Solche, die mit religiöser Bedeutung verbunden sind: das Kreuz, der Halbmond. Aber auch deren Bedeutungen verändern sich mit der Zeit, das ist kaum beherrschbar und eignet sich deshalb nicht, um gezielt Informationen zu übermitteln.
ZEIT: In der neuen Version des Warnschilds für Radioaktivität ist der Totenkopf hinzugekommen. Welche Chance hat es, die Zeiten zu überdauern?
Posner: Keine große. Es könnte irgendwann als Hinweis auf Essbares verstanden werden. Dazu kommen noch die gekreuzten Knochen, das könnten auch Esswerkzeuge sein. Vielleicht wird das Zeichen einmal als Gasthausschild benutzt.
ZEIT: Könnte man die Warnungen nicht in regelmäßigen Abständen übersetzen?
Posner: Das wird schwierig, wenn man bedenkt, was für ein Theater wir schon um die Rechtschreibreform gemacht haben – und da ging es nur um die Form und einen Zeitraum von hundert Jahren! Die Beschreibung von Inhalten ist extrem abhängig von der Technikentwicklung. Sollte es für eine lange Zeit keine Nukleartechnik mehr geben, wird vielleicht kaum jemand noch wissen, was radioaktiver Müll eigentlich ist.
ZEIT: Es gab auch Überlegungen für eine biologische Lösung, zum Beispiel eine »Strahlenkatze« zu züchten.
Posner: Deren Fell sich verfärbt, wenn sie viel Strahlung abbekommt, genau. Da überlässt man die Informationsübermittlung der Evolution, und die arbeitet auf dem üblichen Weg: Es müssen erst mal sehr viele dran glauben, die es nicht verstehen. Dann setzt sich das vielleicht als Warnung durch. Sicher ist das auch nicht.
ZEIT: Was bleibt denn übrig, wenn alle Arten von Zeichen nicht funktionieren?
Posner: In den USA setzt sich eine Bürgerbewegung dafür ein, dass der Atommüll sichtbar gelagert wird. Wir Semiotiker sprechen von einer ikonischen Lösung, der Gegenstand selbst ist das Zeichen: Da hast du das Zeug, jetzt musst du etwas damit anfangen.
ZEIT: Das gibt aber auch Sicherheitsprobleme.
Posner: Allerdings. Deshalb favorisieren die meisten heute eine gesellschaftliche Lösung. Die Karikatur dieser Idee ist die Atomdiktatur durch einen Rat, der sich immer wieder selbst ergänzt, wie ein Kardinalskollegium. Der hätte eine große Überlebenschance, wenn er sich von der Politik genügend entfernt hielte. Das kann über 2000 Jahre oder länger funktionieren – siehe die katholische Kirche. Aber mit diesem Wissensmonopol kann so ein Gremium natürlich Macht ausüben. Das muss man verhindern, mit einer demokratischen Lösung.
ZEIT: Wie soll die aussehen?
Posner: Ich schlage einen gewählten Zukunftsrat vor, angesiedelt bei den Vereinten Nationen.
ZEIT: Solche gesellschaftlichen Konstruktionen waren bisher noch nie über Tausende von Jahren stabil.
Posner: Man kann nicht garantieren, dass in 10.000 Jahren noch etwas davon übrig ist, aber es ist die beste Chance, die wir haben. Und wir brauchen ein solches Gremium in Zukunft auch für andere Bereiche, in denen Informationen über lange Zeiträume weitergegeben werden müssen: bei Weltraummissionen über mehrere Generationen zum Beispiel. Insofern bin ich auf einem niedrigen Niveau optimistisch.
Das Gespräch führte Stefanie Schramm.
- Datum 31.08.2008 - 09:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.08.2008 Nr. 36
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







So schnell werde ich den Energiekonzernen, deren Tochterunternehmen und deren Wissenschaftlern kein Vertrauen schenken.
Energiekonzerne fühlen sich weder gegenüber ihrer Kunden noch den Zukünfigen Generationen gegenüber verfplichtet. Sie sind nur ihren Aktionären verpflichtet, und die wollen bekanntlich eine hohe Rendite. Eine hohe Rendite lässt sich auf dem Strommarkt leider am besten erzielen, wenn man Atomkraft nutzt aber die Folgekosten, die durch die Endlagerung und den damit verbunden Problemen entstehen dem Staat und den kommenden Generationen aufbrummt.
Es ist einfach zum heulen, wie die gekauften oder geblendeten Kernenergiebefürworter immer mehr an Einfluss gewinnen.
Ich bin gegen hohe Renditen für Energieaktionäre - ich will meinen Enkeln kein plutoniumhaltiges Grundwasser zumuten!
Das geschilderte Problem (der langfristigen Warnung) ist m.W. vor
25 jahren das erste Mal ernsthaft diskutiert worden. Ich persönlich
hatte es (schon damals) als ein (nur) akademisches, von der Fragestellung
her dennoch interessantes Problem angesehen. "Nur" akademisch deshalb, da die Tradierung des Wissens automatisch mit
der Nutzung geschieht. Ähnliche Probleme haben wir mit dem Umgang mit
Giftpilzen, mit Schwermetallen u.v.a.m. Der gesundheitlich angemessene
Umgang hiermit wurde in der Tat zunächst durch Versuch und Irrtum
erworben ("Es müssen erst mal viele dran glauben.") Dies war beim Umgang
mit radioaktiven Stoffen nicht anders. Viele wissen vielleicht noch, dass
in der Anfangszeit selbstleuchtender Ziffernblätter die radioaktiven Substanzen
mit einem Pinsel aufgetragen wurden, der regelmäßig mit der Zunge befeuchtet
wurde (so wie man das mit den Schnürsenkeln vielleicht heute noch macht).Ein anderes Beispiel: Im Deutschen Museum fand sich in der Abteilung Metallkunde (zumindest war
das Ende der 70er so) eine Bemerkung zum Kupfer: Kupfer als
Schwermetall sei zwar grundsätzlich toxisch, für den Menschen aber einfach deshalb
nicht mehr so gefährlich ist, da Kupfer zu den am frühesten nutzbaren
Metallen gehörte, mit der Folge, dass man sich an das Kupfer
"gewöhnte" (Genauso wie man sich in Europa an die Verträglichkeit
von Kuhmilch "gewöhnte".)Ich möchte hier nicht zynisch erscheinen. Ich kann mich noch sehr gut an
die empörte, ja geradezu verzweifelte Äußerung einer Mutter erinnern, die
unserem industriellen System vorwarf, gnadenlos eine biologische Selektion
derjenigen Menschen billigend in Kauf zu nehmen, die mit den laufend neu
hinzukommenden Stoffen (nicht) zurechtkommen. Ich habe sie sehr gut
verstanden. Der wesentliche Punkt ist aber der folgende: Eine Gesellschaft, die nur
mittels der Semiotik vor z.B. radioaktiven Abfallprodukten gewarnt
werden könnte, hätte vieles von dem naturwissenschaftlichen insbesondere
vom physikalischen Grundlagenwissen schon verloren. Eine solche Gesellschaft
würde auf einem sehr niedrigen technischen Niveau leben. (Ein bischen
Technik wird es in einem wichtigen Sinne nicht gehen).
Eine solche Gesellschaft wäre gar nicht mehr fähig,
zu den radioaktiven Abfallprodukten vorzustoßen, geschweige denn
sie zu bergen. (Und sollten diese durch eruptive oder sonstige Ausbrüche
freigesetzt werden, wären die Primärschäden durch solche Ausbrüche selbst
um ein vielfaches größer.)Und das bringt mich auf die erwähnten Weltraummissionen. Vielleicht
sollte man es einem Semiotiker nachsehen, wenn ihm über die soziologischen
Fragestellungen solcher Missionen hinweg nicht ganz klar ist, welche
technischen Randbedingungen jene erforderten. Ohne Kerntechnik
jedenfalls
fänden (finden) sie nicht statt. Wie also sollte das Wissen tradiert werden? So wie die Tradierung des Lesens
und Schreiben: durch einen vernünftigen und verpflichtenden
Physikunterricht. Sollte dies nicht mehr funktionieren, dann sind
wir auf (ganz andere) Probleme gelaufen, so dass die radioaktive
Hinterlassenschaft nur noch harmlos wirkt.Deshalb also berühren mich solche Fragestellungen nur akademisch.Herzlichst Crest
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren