Atommüll Die große End-Sorge
Seit 45 Jahren wird in Deutschland über ein Lager für hochradioaktiven Abfall debattiert – bisher ohne Ergebnis
1963
Erste Arbeiten zur Einlagerung von Atommüll in Salzkavernen beginnen. Vier Jahre später scheitert das erste Projekt in Bunde in Ostfriesland am lokalen Widerstand.
1967
80 Fässer mit schwach radioaktiven Abfällen aus Deutschland werden im Atlantik versenkt. Die Tests werden danach eingestellt. Das Forschungsbergwerk Asse geht in Betrieb. Bis 1978 wird in dem ehemaligen Salzbergwerk fast der gesamte in der Bundesrepublik anfallende, vor allem schwach- und mittelradioaktive Atommüll deponiert.
1974
Die Bundesregierung beginnt, nach einem Standort für ein »Nukleares Entsorgungszentrum« zu suchen. Es soll neben einem Endlager auch eine Wiederaufarbeitungsanlage und Brennelementefabrik umfassen. Nach Protesten an drei möglichen Standorten in Niedersachsen stellt sie die Arbeiten zwei Jahre später ein, weil die neue Landesregierung von Ernst Albrecht (CDU) politische Bedenken hegt. Sie startet eine eigene Suche und entscheidet sich für den Salzstock Gorleben. Die Auswahl verläuft wenig transparent, Bürger werden nicht beteiligt. Das behindert die Einrichtung eines Endlagers bis heute.
1979
100.000 Demonstranten protestieren gegen das geplante Entsorgungszentrum Gorleben. Ministerpräsident Albrecht empfiehlt, Wiederaufbereitung und Endlager zu trennen; das Zentrum sei zwar sicherheitstechnisch realisierbar, aber politisch nicht durchsetzbar. Der Salzstock soll weiter auf seine Eignung als Endlager untersucht werden, der Kreistag Lüchow-Dannenberg und die Samtgemeinde Gartow stimmen zu. Ein Jahr später rufen Atomkraftgegner auf einem Bohrplatz für die Standorterkundung die »Republik Freies Wendland« aus.
1982
Das Planfeststellungsverfahren für ein Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll in der einstigen Eisenerzgrube Schacht Konrad beginnt. 1989, ein Jahr vor der Landtagswahl in Niedersachsen, stoppt Albrecht das Verfahren; die CDU verliert die Wahl dennoch. Kurz vor der Amtsübergabe an die SPD-Regierung genehmigt das Umweltministerium die Fortsetzung des Verfahrens. Sie erfolgt jedoch erst 1991 auf Weisung der unionsgeführten Bundesregierung.
1983
Erkundungsstart im Salz von Gorleben unter Tage.
1995
Den ersten Castor-Transport ins Zwischenlager Gorleben begleiten massive Proteste. Die Demonstrationen wiederholen sich in den kommenden Jahren, richten sich gegen das geplante Endlager und allgemein gegen die Atomenergie.
1997
Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) beschließt, das in der DDR eingerichtete EndlagerMorsleben stillzulegen. Seitdem läuft das dafür erforderliche Planfeststellungsverfahren, Kritiker sprechen von Verzögerungstaktik. Von Beginn der siebziger Jahre bis 1998 wurde in Morsleben schwach- und mittelradioaktiver Abfall eingelagert.
1999
Nach dem Regierungswechsel richtet Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Die Grünen) den Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte(AkEnd) ein. Die 16 Fachleute sollen ein wissenschaftlich fundiertes Auswahlverfahren entwickeln. Trittin befürwortet das Ein-Endlager-Konzept für alle Arten und Mengen radioaktiver Abfälle. 2002 legt der AkEnd sein Ergebnis vor, betont vor allem die Beteiligung der Öffentlichkeit. Bis heute wurden die Vorschläge nicht umgesetzt.
2000
Im Atomkonsens vereinbart die rot-grüne Bundesregierung mit den Stromversorgern den Ausstieg aus der Atomenergie. Die Erkundung in Gorleben wird ausgesetzt bis maximal 2010.
2005
Trittin legt einen Entwurf für ein Standortauswahlgesetz vor: In einem bundesweiten Auswahlverfahren sollen neben Gorleben auch andere Standorte untersucht werden. Doch wegen der bevorstehenden Bundestagswahl wird der Vorschlag nicht weiterverfolgt. Nach der Wahl vereinbart die Große Koalition, die Frage der sicheren Endlagerung radioaktiver Abfälle »zügig und ergebnisorientiert« in dieser Legislaturperiode zu lösen. Doch die Unionsparteien halten an Gorleben fest, während Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) wie sein Vorgänger Trittin ein neues, bundesweites Auswahlverfahren fordert.
2007
Das Bundesverwaltungsgericht weist die letzte Klage gegen den bereits 2002 erteilten Planfeststellungsbescheid für Schacht Konrad ab. Der Ausbau zum Endlager kann beginnen.
2008
Im Juni wird bekannt, dass in der Asse radioaktive Lauge austritt. Der Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, hatte diese abgepumpt, ohne das niedersächsische Umweltministerium zu informieren. Bundesumweltminister Gabriel beruft eine Entsorgungskommission ein; sie soll das Ministerium bei der Stilllegung der durch Einsturz und Wasserzutritt gefährdeten Asse sowie allgemein in der Endlagerfrage beraten. Mitte August legt Gabriel einen aktualisierten Entwurf für die Sicherheitsanforderungen an ein Endlager vor, dieser soll Ende Oktober auf einem internationalen Symposium beraten werden. Es ist aber nicht zu erwarten, dass die Große Koalition bis zur Bundestagswahl im kommenden Jahr einen Kompromiss erzielt. Das jahrzehntelange Ringen um einen Standort hat enorme Kosten verursacht: Allein das Projekt Gorleben kostete bisher 1,5 Milliarden Euro.
- Datum 31.08.2008 - 09:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.08.2008 Nr. 36
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