Pop in China Revolution mit BierNr.53
Wenn Bob Dylan ein Chinese wär': Ein Bericht vom Anti-Olympia-Konzert der Rocklegende Cui Jian

© Christof Siemes
Ciu Jian in der Get Lucky Bar
Wenn die Pekinger Get Lucky Bar dereinst von Archäologen ausgegraben wird, werden sie vor einem Rätsel stehen. Wie um alles in der Welt kommt dieses Fresko hierher? »Sakra, wo san denn hier die Promille!«, steht da, darunter sieht man drei Gestalten, die mit einem Zollstock ihre Bierkrüge vermessen. Am Hut der Herren steckt ein Gamsbart, die Dame trägt Dirndl.
Und doch soll dieser Bastard aus Irish Pub und deutscher Kneipe Schauplatz für ein Stück chinesischer Revolutionsgeschichte sein. Wirklich einheimisch ist aber zunächst nur das Dosenbier, das palettenweise hinter dem Tresen gestapelt ist und weggeht wie sonst in diesen olympischen Tagen nur die Pins, die Anstecknadeln, um die sich ein eigener Stamm von Jägern und Sammlern gebildet hat.
Eigentlich verbietet sich dieser Vergleich, denn heute soll die Bar exterritoriales Gelände im allgemeinen Olympiarausch sein. Ein Konzert von Cui Jian ist angekündigt, dem Bob Dylan Chinas. Er hat den Protestrocksong auf Chinesisch erfunden, mehr als 20 Jahre ist das her. 1986 spielt er bei einer TV-Show für Nachwuchskünstler das Lied Yi wusuoyou, »Ich habe nichts«. Es wird die Hymne seiner Generation, der um 1960 Geborenen. Sie haben nicht mehr Mao und auch nicht Deng Xiaoping, sie haben – nichts. Als Cui Jian zwei Jahre später das erste Rockalbum in der Geschichte Chinas veröffentlicht, ist das eine Revolution. Und das weiß Cui Jian auch: Rock and Roll on the New Long March heißt die Platte.
Seither ist er im Land seine eigene Rock-’n’-Roll-Hall-of-Fame, von den Zensurbehörden auch nach all den Jahren argwöhnisch beäugt. Seit Cui Jian mit seiner Gitarre bei den Studentenprotesten von 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens gespielt hat, ist er dem Regime suspekt. »Cui Jian hat immer recht«, sagen seine Fans. Businessfrauen mit Perlenkette gehören genauso dazu wie Taxifahrer mit Buddhafigur und freiem Oberkörper sowie überraschend viele, die Cui Jians Kinder sein könnten.
»Jia you!«, rufen sie alle selbstironisch, los geht’s, das ist der fast zu Tode gebrüllte Schlachtruf der Chinesen bei den Spielen. An diesem Abend ist jedes Wort ein Politikum, Cui-Jian-Konzerte in seiner Heimatstadt Peking sind eine Rarität. Meist spielt er in kleinen Clubs, erst vor zwei Jahren erhielt er die Erlaubnis für ein Konzert im Worker’s Gymnasium vor 8000 Menschen. Dass er, der rockende Stachel im Fleisch der Partei, einen Tag vor der olympischen Schlussfeier eine Auftrittsgenehmigung bekommen hat, ist eine kleine Sensation.
Cui Jian weiß, was er seinem Ruf als Rebell schuldig ist – das Konzert beginnt mit Musik aus Tibet. Sofort bebt der Schwingboden vor der kleinen Bühne, die Boxentürme wackeln gewaltig, der bayerische TÜV hätte das sicher nicht abgenommen. Niu bi sei Cui Jian, rufen die Fans. Das meint so viel wie geil, heißt in Wahrheit aber noch viel Schlimmeres, jedenfalls darf das Wort nicht gedruckt werden. Es handelt sich um die intimen Teile der gemeinen Milchkuh.
Immer wieder wird die rote Fahne mit dem Konterfei des Sängers entrollt. Wie die berühmte Che-Guevara-Ikone ist sein Gesicht darauf in einer Art Schattenriss zu sehen. Über die Jahre hat er es geschafft, sich das ein oder andere Staatssymbol anzueignen und es zu dekonstruieren, den roten Stern zum Beispiel, der seine Mütze ziert und die T-Shirts der Fans. Er verkehrt die Farben der chinesischen Flagge, wo der große gelbe Stern auf rotem Grund für die Kommunistische Partei steht (die vier kleinen repräsentieren Arbeiter, Bauern, Intellektuelle und den Rest des Volkes). Viele Konzertbesucher tragen den Cui-Jian-Stern als Wangen-Aufkleber – auch das eine ironische Brechung der Olympiahysterie, bei der chinesische Flaggentattoos unvermeidlich geworden sind.
»Du bist jünger als Liu Xiang!«, ruft das Publikum, was den Rocker ehren wird, denn der tragisch gestrauchelte Hürdensprinter ist zwei Jahrzehnte nach ihm geboren. Nicht nur Cui Jians äußere Erscheinung ist seltsam alterslos, auch seine Version von Rock ist dank der Zufuhr von Hip-Hop-Elementen und einem Schuss Weltmusik zeitgemäß geblieben. Die Bässe marschieren hier genauso lässig breitbeinig wie in den Clubs von London bis New York, und auch auf Chinesisch lässt sich problemlos rappen. Einzige einheimische Zutaten sind eine knielange Bambusflöte und die dickbauchige traditionelle Trommel.
Die olympische Konterrevolution findet dann doch nicht statt. »Glotzt nicht so viel Fernsehen!«, hat Cui Jian anfangs gerufen. Damit ist er offenbar nicht mal bis zum Tresen durchgedrungen; die beiden Fernseher in der Get Lucky Bar laufen den ganzen Abend weiter. Das chinesische Staatsfernsehen zeigt immer wieder die Siegerehrung der Tischtennisspieler.
Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Bildergalerien gibt's auf zeit.de/musik »
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.
- Datum 29.08.2008 - 13:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.08.2008 Nr. 36
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Ein chineisches Expat-Blog hat versucht, eine Uebersetzung fuer den Spruch an der Wand hinzubekommen. “Sacred, wherever there is a tenth of a percent!” — The German here
is extremely unusual: “Sakra, wo san denn hier die Promille!” San, for
instance, is not a German word, and might be pinyin Chinese inserted
among the German. The slogan, at any rate, appears to be a reference to
blood alcohol content. http://www.theforeignexpe... Bayerisch als Pinyin, die chinesische Lautschrift, das ist nicht schlecht...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren