Autorennen Schnell sein ist nicht alles
Das beste deutsche Team bei der Formula Student kommt von der TU Braunschweig. Ein Interview
DIE ZEIT: Herzlichen Glückwunsch! Ihr Lions Racing Team hat als beste deutsche Mannschaft den zweiten Platz in der Gesamtwertung der Formula Student Germany belegt. Gibt es schon Abwerbeversuche aus der Formel 1?
Ann-ChristinBartölke: Bislang nicht. Aber einige Vertreter großer Autokonzerne haben uns am Hockenheimring, wo der Wettbewerb jedes Jahr stattfindet, ihre Visitenkarten gegeben. Sie wollten wissen, ob wir Interesse an einer Diplomarbeit im Konzern haben oder wann wir mit dem Studium fertig sind.
ZEIT: Welche besonderen Qualifikationen erwerben Sie denn durch die Arbeit im Rennteam?
Bartölke: Man lernt, mit Studenten aus verschiedenen Fächern zusammenzuarbeiten: Neben Maschinenbauern oder Elektrotechnikern sind auch Informatiker, Betriebswirte, Germanisten und Sozialwissenschaftler dabei. In der Formula Student gibt es auch Punkte für Kostenpläne, Designkonzepte oder Verkaufsargumente. Es geht nicht nur darum, wer am schnellsten fährt.
ZEIT: Aber aus dem Team wollen doch bestimmt alle im Cockpit sitzen und mit 250 km/h über die Strecke rasen?
Bartölke: Fahrer zu sein bedeutet eine Menge Druck. Dem will sich nicht jeder aussetzen. Außerdem dürfen die Autos laut Regelwerk auch nur maximal 110 km/h fahren. Es geht in der Formula Student eher um die Beschleunigung. Unser aktuelles Auto, der LR08, kommt in weniger als vier Sekunden von 0 auf 100 km/h.
ZEIT: Was ist noch anders als in der Formel 1?
Bartölke: Die Teams konkurrieren zwar, helfen einander aber auch. Man verleiht Werkzeug, manchmal sogar Motoren. Wir wurden sogar von anderen vorgelassen, als uns wegen einer Reparatur nur noch wenige Minuten für die Wertung blieben. Alle wissen einfach, wie viel Energie die Teams neben dem Studium in den Wettbewerb stecken.
ZEIT: Und wie finden das Ihre Professoren?
Bartölke: Wir bekommen viel Unterstützung an unserer Hochschule. Jedes Institut hat seine eigene Werkstatt. Dort bieten uns die Professoren Maschinenzeit an. Auch die Autoindustrie hilft mit Bauteilen aus. Wir haben uns mit einem »Sponsorenfahren« bedankt: Unsere Unterstützer durften selbst mit dem Rennwagen auf die Teststrecke. Viele wollten gar nicht mehr aussteigen.
ZEIT: Die Teams müssen jedes Jahr mit einem neuen Rennwagen antreten. Was passiert mit den alten?
Bartölke: Unser erster Wagen aus dem Jahr 2002, den wir liebevoll »die Oma« nennen, ist in unserer Uni ausgestellt. Ein weiteres frühes Modell muss heute als »Organspender« herhalten. Alle anderen Wagen werden von uns sehr gepflegt. Manchmal kommen ehemalige Teammitglieder vorbei, um noch mal zu fahren. Aber auf dem Testgelände und nicht im Straßenverkehr – das wäre viel zu gefährlich und würde wegen der Schlaglöcher auch keinen Spaß machen.
Das Gespräch führte Tina Rohowski
Ann-Christin Bartölke, 27, arbeitet im Lion Racing Team
- Datum 05.09.2008 - 15:59 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.09.2008 Nr. 37
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