Ein »Universum in der Kiste« soll es nach dem Willen seines Schöpfers sein, ein Stück Leben zum Mitnehmen. Fünf Milliarden Jahre Evolutionsgeschichte hat Will Wright in den Rechner gesteckt und ein Computerspiel geschaffen, mit dem man Gott spielen kann. »Spore« heißt sein neues Werk, das in diesen Tagen erscheint.

Kern des Spiels ist der Editor, ein Generator für virtuelle Wesen. Der Spieler gestaltet darin eine biologische Art und entwickelt sie fort. Er kann der Kreatur ein einzelnes Bein geben oder neun Beine, kann ihr Rückgrat in einem langen Schwanz enden lassen, ihr Flügel ankleben oder den Kopf zum Ballon aufblasen – und Wrights Software berechnet gemäß dieser vom Spieler designten Anatomie eine natürlich erscheinende Animation des Wesens.

Das Geschöpf bewegt sich genau so, wie es ihm seine Knochen und Muskeln vorgeben würden, existierte es wirklich. »Prozedurales Animieren« nennt der 48jährige Entwickler diese Technik, die fast jegliches Leben in Spore formbar erscheinen lässt und dem Spieler Möglichkeiten eröffnet wie selten ein Spiel zuvor. Fünf Jahre hat Wrights Team daran gearbeitet.

Im Verlauf der Evolution kann der Spieler sein Wesen neuen Gegebenheiten und Herausforderungen anpassen. Aus der Ursuppe heraus lässt er die Spezies ihre ersten Schritte an Land machen, lässt sie zum Jäger und Sammler werden, Dörfer, Städte und Nationen gründen und erschafft schließlich eine Zivilisation, die ihren Heimatplaneten hinter sich lässt und den Weltraum erforscht. Spore spielt mit der Vergrößerung. Aus mikro wird makro: Die Kreatur muss wachsen, um zu überleben, und dabei wächst der Ausschnitt der Welt, den sie bereisen kann.

Inspiriert hat Wright der Experimentalfilm Powers of Ten, den die Produktdesigner Ray und Charles Earnes 1977 für IBM gedreht haben – ein Spiel mit Maßstäben, Relationen und Entfernungen, inszeniert mit der zu jener Zeit bestmöglichen Computergrafik.

Ein Paar ist zu sehen. Ein Picknick, eine Wiese. Der Ausschnitt, den die Kamera zeigt, ist genau einen Quadratmeter groß. Schritt für Schritt wird er größer. Bald deckt das Bild zehn Quadratmeter ab, dann hundert, ein See erscheint, ein Teil von Chicago, Autobahnen, dann Wolken und schließlich die ganzen USA. Alle zehn Sekunden wächst der Ausschnitt um eine Zehnerpotenz: Der Erdball wird sichtbar, bald dreht sich die Venus ins Bild.

Und wenn unsere Galaxie schließlich nur noch ein winziger Punkt ist, verharrt das Bild kurz. Dann zoomt die Kamera im Sturzflug wieder hinein: an der Sonne vorbei, auf die USA und Chicago zu, durch die Wolken zu dem Paar auf der Picknickdecke. Schließlich umfasst der Ausschnitt noch die Hand des Mannes, dann einen Quadratzentimeter seiner Haut, dann einen Millimeter. Hautzellen werden sichtbar, ein Blutkörperchen, ein Zellkern, DNA, Atome, bald beginnen Elektronen zu tanzen, ein einzelnes Proton füllt das Bild. Ende.