Obwohl Spiegeleier auf Fotos ziemlich unappetitlich aussehen, wirbt Yahya Degirmenci mit diesem Motiv für seine Kochkünste. Für die Reklametafel vor seinem kleinen Restaurant hat er außerdem Reibekuchen fotografieren lassen, ein paniertes Schnitzel und ein Stück Erdbeertorte mit Sahne: Deutsche Küche, so wie er sie studiert hat vor 25, 30 Jahren, auf Wangerooge, in Uelzen und in Lübeck.

Yahya hatte an der Hotelfachschule in Ankara gelernt, dann, 1971, schickte das Tourismusministerium den damals 19-Jährigen für ein Praktikum nach Deutschland. Als Yahya 14 Jahre später zurückging in die Türkei, nahm er eine Portion deutsche Esskultur mit nach Göynük, einem Dorf westlich von Antalya, eingerahmt vom Mittelmeer und den mächtigen Gipfelzügen des Taurusgebirges, hinter denen im Spätsommer die Sonne schon nachmittags um fünf verschwindet. Deutschselig nannte Yahya sein Restaurant Forellenhof.

Der türkische Wirt mag die Deutschen, sie waren immer seine Lieblingsgäste. »Leider kommen kaum noch Deutsche hierher«, sagt er, »man hört fast nur noch Russisch, auch in dem Ding da drüben.« Der Gastwirt zeigt auf ein ungeschlachtes Gebäude in Schiffsgestalt mit drei rot-weiß gestreiften Tonnen auf dem Dach, die alles im Dorf überragen. Es ist 20 Uhr, die beste Zeit für einen Restaurantbesuch, doch fast alle Tische im Forellenhof sind leer. »Dabei schmeckt es bei mir viel besser als in den Hotels«, sagt der Wirt und serviert dem einzigen Gast das Beste von der Speisekarte, ein Filetsteak mit geschmorten Zwiebeln, »da drüben gibt es nur noch billiges Einheitsessen.«

Als Yahya 1985 nach Göynük kam, begann er als Food & Beverages Manager im damals einzigen Hotel, einem gediegenen Aldiana-Club. Er stellte junge Leute aus dem Dorf ein und zeigte ihnen, wie man einen Tisch perfekt eindeckt. Göynük war ein Dorf mit 600 Einwohnern; man lebte im gemächlichen Takt der Ernte von Orangen, Zitronen und Tomaten. Dann rückten die Betonmischer, Bagger und Baukräne an. Premierminister Turgut Özal hatte ein von der Weltbank gefördertes Programm zur Entwicklung des Massentourismus in der rückständigen Region in Gang gesetzt. Staatlicher Grund und Boden konnte nun zu günstigen Bedingungen für 49 Jahre an private Investoren verpachtet werden. Arbeiter sprengten den Weg frei durch die Klippen des Taurusgebirges. Für die neue Zeit. Für den Fortschritt.

Die Bausünden der Spanier aus den siebziger Jahren vor Augen, verkündeten seitdem sämtliche Tourismusminister, man werde die malerische Küste nicht mit geschichts- und gesichtslosen Herbergsbunkern verschandeln – um dann doch dem gleichen grenzenlosen Machbarkeits-Optimismus zu verfallen. Niedrige Baukosten und die Verheißung schnellen Profits ließen Hotelanlagen entstehen, teils 10, 15 Stockwerke hoch, die meisten in ausgesprochen schlichter Architektur. Gebaut wurde in drei Schichten, rund um die Uhr. Im Herbst begann der Aushub, im Mai musste alles fertig sein. Man wollte keine Saison verpassen.

Alle zweieinhalb Minuten landet im Sommer ein Jet mit Urlaubern

Zwei Jahrzehnte nach dem Start des touristischen Angriffsprogramms drängen sich auf den Küstenstreifen westlich und östlich von Antalya 605 Hotels mit mehr als 200.000 Betten, 80 Prozent davon gebaut in den letzten sechs Jahren. Bislang hat niemand untersucht, wie viele Hotels, wie viele Betten die Region überhaupt noch verkraften kann, ohne dauerhaft Schaden zu nehmen. Der Tourismus gilt als Segen. »Unsere Zeitungen schreiben, dass die Urlauber auf Antalya herabkommen wie der Regen vom Himmel«, sagt Forellenhof-Wirt Degirmenci. Alle zweieinhalb Minuten landet im Sommer ein Jet mit Urlaubern in der »Badewanne der Türkei«, wie einheimische Reiseleiter die Region nennen.

Die meisten Hotels wären wohl nie gebaut worden, hätte nicht irgendwann ein Zauberwort alle hier in seinen Bann geschlagen: all-inclusive. Ein Wortgeschöpf der Tourismusindustrie für die 24-Stunden-Versorgung mit Mahlzeiten, Getränken, Sport, Wellness, Kinderbetreuung, Bumsmusik und abendlicher Folklore – alles im Reisepreis enthalten. Als Erster hatte in den sechziger Jahren der französische Club Med für Urlaub in Zelt- und Hüttendörfern tout compris geworben – alles inklusive. Zwei Jahrzehnte später verschaffte die Tourismusindustrie, allen voran der Hotelkonzern Allegro Resorts, dem Rundum-Sorglos-Urlaubspaket in der Karibik den endgültigen Durchbruch. Vor allem in der Dominikanischen Republik setzten die Hotelplaner voll auf All-inclusive – und machten die Insel erst dadurch zum Ziel für den Massentourismus.

Ein türkischer Hotelier sah sich das neue System an Ort und Stelle an und kopierte es. Neidvoll sahen seine Konkurrenten, dass die Urlauber lieber im All-inclusive-Club abstiegen als in ihren Halbpensions-Herbergen. Anfangs ging die Rechnung auch auf. »Bei All-inclusive gaben wir pro Kopf zwar vier bis fünf Euro mehr aus«, erklärt Vural Öger, Seniorchef des größten europäischen Anbieters von Türkei-Reisen, »aber gleichzeitig nahmen wir zehn bis fünfzehn Euro mehr ein.« Umsatz, den die Hotels vor allem von der umliegenden Gastronomie abschöpften. Früher hatten die Gäste sich dort mit Bier, Cocktails oder Kebab versorgt. All dies bekamen sie nun im Hotel, vermeintlich kostenlos. In Wirklichkeit wurde der zusätzliche Verzehr bequem in den All-inclusive-Preis einkalkuliert.

Neue Hotels setzten nun fast durchweg von Anfang an auf die Paketlösung, die anderen stellten binnen kurzer Zeit um. »Dafür haben auch die großen Reiseveranstalter gesorgt«, meint Mesut Güvenç, Öger-Statthalter in Antalya. »Ein Urlaub ohne All-inclusive lässt sich heute kaum noch verkaufen.« Wer nicht umstellen wollte oder konnte, wurde aus dem Katalog gestrichen.

Hoteliers werden zu Anstaltsleitern und Kellner zu Müllmännern degradiert

Vor allem Familien mit knappem Budget schätzen die Vorteile des Systems, weil es sie vor schwer zu kalkulierenden Zusatzausgaben schützt, etwa für Drinks am Pool. Die Kunden wissen von vornherein, wie viel der Urlaub kosten wird, und müssen sich nicht disziplinieren.

In Göynük wurde Yahya Degirmenci Zeuge, wie das Motto all-inclusive vom Dorf Besitz ergriff. »Zu meiner Zeit im Aldiana hab ich mir jeden Tag etwas einfallen lassen, um dem Gast etwas zu verkaufen«, erzählt er, »nachmittags Eiskaffee, Waffeln und Cocktails am Pool, abends eine gute Flasche Wein zum Essen. Den Gast glücklich zu machen und dabei Geld zu verdienen, darauf kam es an.« Heute, wo vorgekochte Speisen in Aluwannen angeliefert werden, »brauchst du als Hotelier nur noch Leute, die Nachschub ranschaffen und die Essensreste beseitigen«. All-inclusive degradiert Hoteliers zu Anstaltsleitern und Kellner zu Müllmännern in weißen Hemden. Manche Urlauber, erzählt Yahya, »sagen, wunderbar, ohne Geld in der Tasche den ganzen Tag saufen«.

Mittlerweile gibt es in Göynük 19 Hotelanlagen mit rund 12.000 Betten. Alle bieten ausschließlich All-inclusive-Urlaub an, auch das ehemalige Aldiana, das heute zur Öger-Gruppe gehört. Vor jedem Hotel passen Wachleute auf, dass sich niemand unbefugt am Buffet bedient.