Nehmen wir an, die Jugend wäre, wie Jens Jessen sie sich wünscht: kritische Köpfe mit Parteiausweis im Rucksack und Brecht-Zitaten auf den Lippen. Am ersten Praktikumstag legen sie dem Chef dar, was er alles falsch macht. Wie würde diese Jugend auf Jessens Artikel reagieren? Sie würde sich zum Sit-in vor der ZEIT- Redaktion versammeln und im Sprechchor rufen: »Wer die Jugend so verkennt, gehört schon zum Establishment!«

Nehmen wir an, die Jugend wäre, wie Jessen sie darstellt – angepasst, wirtschaftshörig, charakterlos. Wie würde sie reagieren? Sie würde nicken, die rote Krawatte zurechtrücken und sagen: »Verbindlichen Dank für diese konstruktive Kritik.«

Keins von beidem wird geschehen. Jessens Polemik sagt nichts über die »Jugend von heute« aus. Umso stärker offenbart sie die verquere Weltsicht einer Generation, die ihren Nachfolgern die eigenen antiquierten Maßstäbe aufzwingen will.

Wer richtet denn hier überhaupt? Der Vertreter einer Generation, die in den Siebzigern sozialisiert wurde; einer Generation, die mit ein paar lieblichen Liedern und leuchtenden Buttons die 68er imitierte. Beim Demo-Hopping gingen Jessen & Co. nicht einmal ein Risiko ein: Wer wusste, dass die Rente sicher ist und Arbeitslosigkeit ein Nischenproblem, der konnte leicht ein bisschen durch den Hofgarten demonstrieren. Der Vertreter einer weich gespülten Generation wirft den eigenen Kindern vor, weich gespült zu sein. Bitte?

Man hat sich ja längst eingerichtet im Chefbüro mit Panoramablick. Man darf längst entscheiden über die Karrieren der anderen. Man fände es erfrischend, in der Jugend den Rebellenmut zu sehen, den man selbst einst hatte oder gern gehabt hätte. So beschimpft man die Jungen und verklärt gleichzeitig die eigene Vergangenheit. Die Schulzeit – eine einzige Folge von geschwänzten Mathestunden und Haschisch-Sessions. Das Studium – eine Reihe von Teach-ins und Friedensmärschen.

Hinter dem selbstgerechten »Jetzt rebelliert doch mal!« steckt derselbe Paternalismus wie hinter dem altbekannten »Jetzt benehmt euch endlich!«: Mal soll die Jugend brav sein, mal wild. Dabei ist Aufmüpfigkeit, wie Jessen sie fordert, kein Wert an sich, geschweige denn ein Ausdruck für Charakter. Wer das behauptet, müsste in letzter Konsequenz auch Neonazis für besonders charakterfest halten – schließlich grenzen die sich besonders drastisch von der Mehrheitsgesellschaft ab.

Wenn Jessen über verschärfte Konkurrenz und die Tyrannis der Selbstdisziplinierung lamentiert, was kritisiert er dann wirklich? Er verzweifelt daran, dass die Märkte globaler und die Menschen individualistischer geworden sind. Er verfällt dem Pessimismus einer Generation, die spürt, dass ihr die Welt entgleitet und sie die Jugend nicht mehr versteht. Globalisierung und Individualisierung gelten prinzipiell als böse und erlauben nur eine einzige Reaktion: Entmutigung und Rückzug.