Reproduktionsmedizin Überfällig

Von der Samenspende bis zum Single-Embryo-Transfer: Experten der Friedrich-Ebert-Stiftung fordern neue Regeln für die künstliche Befruchtung. Zu Recht. Ein Kommentar

Die künstliche Befruchtung ist nicht nur für betroffene Paare häufig mit Scham besetzt. Auch für Parlamentarier gilt der Grundsatz: Bloß nicht dran rühren! Ein Gutachten (.pdf-Datei), das die Friedrich-Ebert-Stiftung in der kommenden Woche vorstellt, nimmt nun einen neuen Anlauf, dieses politische Tabu zu brechen. Die Experten aus den Bereichen Medizin, Theologie und Recht fordern darin mit frischen Argumenten und aktuellen Zahlen, was längst überfällig ist: ein Gesetz, das die Zeugung im Labor auf dem aktuellen Stand der Heilkunst regelt.

Das alte Embryonenschutzgesetz stammt noch aus dem Mittelalter der Reproduktionsmedizin, dem Jahr 1991. Schon damals ließen die Parlamentarier Wichtiges ungeregelt. So erwähnt das Gesetz die älteste Technik, die Samenspende, mit keinem Wort. Heute rächt sich diese Nachlässigkeit. So wächst die Zahl der mit Hilfe eines Spenders gezeugten Kinder, die ihren genetischen »Vater« kennenlernen wollen. Ein Recht darauf hätten sie – doch die Praxen haben die Behandlungsdaten meist längst vernichtet.

Das gravierendste Defizit der antiquierten Rechtslage ist jedoch, dass es die deutschen Ärzte davon abhält, das größte Problem der Zeugung im Labor in den Griff zu bekommen: die hohe Rate an Mehrlingsschwangerschaften. Der unerwünscht große Kindersegen kommt dadurch zustande, dass bei einer künstlichen Befruchtung in der Regel zwei oder drei Embryonen in die Gebärmutter der Frau eingesetzt werden. Doch schon Zwillingsschwangerschaften sind ein Risiko. Erwartet eine Frau gar drei Kinder, gilt für Ärzte der medizinische Notfall. Die Kinder werden immer zu früh geboren, nicht selten kommen sie mit Behinderungen auf die Welt. Im schlimmsten Fall müssen die Mediziner sogar einen Fötus töten, um Leben und Gesundheit der beiden anderen zu schützen.

Fortpflanzungsmediziner im Ausland setzen ihren Patientinnen deshalb zunehmend nur noch einen Embryo in die Gebärmutter. Um die Aussicht auf eine Schwangerschaft dennoch hoch zu halten, wählen sie aus mehreren befruchteten Eizellen mittels mikroskopischer Analyse jene aus, welche die beste Chance haben, sich einzunisten. Genau diese Auslese nach dem Entwicklungspotenzial ist ihren deutschen Kollegen nach der heutigen Regelung verboten. Sie müssen alle Keimlinge einpflanzen, auch wenn diese nie eine Lebenschance haben oder aber am Ende Mehrlinge entstehen.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit – so legt die neue Expertise außerdem dar –, setzen sich immer mehr deutsche Kinderwunschpraxen über dieses Verbot hinweg und wählen aus. Was für einige Juristen ein glatter Gesetzesverstoß ist, interpretieren andere Medizinrechtler als eine Art erlaubte Notmaßnahme im Sinne der Patienten.

Zu Recht fordern die Gutachter, diese Rechtsunsicherheit zu beenden und auch in Deutschland einen »Single Embryo Transfer« zuzulassen. Dabei wird man in Kauf nehmen müssen, dass wie im Ausland auch überzählige Embryonen entstehen. Darauf weisen die Experten ehrlicherweise hin: Eine reine Moral kann es auf dem Feld der Fortpflanzungsmedizin nicht geben. Martin Spiewak

 
Leser-Kommentare
  1. Die deutsche Mutter pendelt schwindelig zwischen ihrer Natur als Frau und ihrem Traum als Mann. Ist die Penetration der Männerdomänen gescheitert, will sie etwas anderes zum Spielen. Am besten  Puppen. Lebende. Denn nur wo sie spielt, ist sie ganz Mensch. Jedoch Natur denkt mit und sperrt sich. Eileiter klemmt. Uterus streikt hysterisch, wie es seine Art ist. Die Reproduktion verliert ihre Unschuld. Mit weit reichenden Folgen.Kinder werden Surrogate eines anderweitig gescheiterten Daseinsentwurfs. Außerdem wird kraft der grassierenden Ich-auch-Mentalität Kinderkriegen zu einem der vielen konkreten Lebensziele, die abzuhaken sind beim persuit of happiness. Männer  hamms leicht: die schreiben ZEIT-Artikel, bauen Häuser, pflanzen Bäume. Oder glauben an den internationalen Terrorismus. Frau kämpft hingegen um das Kind aus der genetischen Bastelstube.Wäre alles nicht so schlimm. Wenn nicht die Ergebnisse so fatal wären. Die verlorene Unschuld des Werdens gebiert Monster. (Genealogie verkürzt).Aber es gibt ja Ritalin ...

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    • PC1715
    • 05.09.2008 um 14:58 Uhr

    Die "klassische" Art der Reproduktion ist also unschuldig? Da ist
    mir in den letzten 2000 Jahren nur ein Fall geläufig ... Selten einen
    dämlicheren Beitrag zum Thema gelesen. Schon gewußt, daß auch bei der
    künstlichen Reproduktion meistens 2 Menschen beteiligt sind? ... daß
    wenn eine Samenspende notwendig ist, das Problem wohl nicht an der Frau
    liegt? ... es bei der PID darum gesunde Kinder zu bekommen?... Kopfschüttel  ...

    • PC1715
    • 05.09.2008 um 14:58 Uhr

    Die "klassische" Art der Reproduktion ist also unschuldig? Da ist
    mir in den letzten 2000 Jahren nur ein Fall geläufig ... Selten einen
    dämlicheren Beitrag zum Thema gelesen. Schon gewußt, daß auch bei der
    künstlichen Reproduktion meistens 2 Menschen beteiligt sind? ... daß
    wenn eine Samenspende notwendig ist, das Problem wohl nicht an der Frau
    liegt? ... es bei der PID darum gesunde Kinder zu bekommen?... Kopfschüttel  ...

    • PC1715
    • 05.09.2008 um 14:49 Uhr

    Der Artikel ist im Prinzip richtig, die aktuelle Rechtslage
    insbesondere bezüglich der PID (Präimplementationsdiagnostik) ist
    reichlich absurd. (Man darf einen behinderten Fötus zwar abtreiben
    lassen, aber darf die befruchtete Eizelle vor dem Einsetzen nicht
    auf  eben diese Krankheit untersuchen)
    Leider verfügt der Autor bei diesem Thema auch nur über eingeschränktes Wissen:
    "...Sie müssen alle Keimlinge einpflanzen, auch wenn diese nie eine
    Lebenschance haben oder aber am Ende Mehrlinge entstehen. ...
    " Das ist
    einfach nur falsch. Es werden 1 bis drei Eizellen eingepflanzt, je nach
    Empfehlung des Arztes und der Wünsche der Patienten. Die Eizellen
    werden vorher auch selektiert, aber nur "optisch". Es wird i. A. mehr
    als eine Eizelle eingesetzt, um die Erfolgschance für wenigstens ein
    Kind zu erhöhen.

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    • irishi
    • 07.09.2008 um 10:08 Uhr

    Ob das im Artikel geschriebene exakt so stimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber auch wenn Ihre Version, PC1715, richtig ist, gilt für mich:
    Konsistenz in der Rechtslage muss her! Abtreibung nach Beratung ist bis zur 12. Woche ok, und das ist doch irgendwo auch "Auswahl", selbst, wenn man über den Fötus nichts weiss. Aber den Embryo darf derzeit niemand wählen, nicht mal die Mutter selbst, im optischen Verfahren (was ja quasi Lotto ist, da man ja "nichts" sieht)? Das ist doch absurd!
    Weiter denke ich, dass jeder persönlich einschätzen muss, wie er mit einer Situation zurechtkommt. Ich persönlich hätte kein Problem mit Auswahl, wohl aber mit einer Drillingsschwangerschaft oder mit der Tatsache, dass mit einer Mehrfacheinpflanzung ein gesundheitliches Risiko für alle, also Mutter und Föten, entsteht, und der Arzt dieses Risiko und die eventuellen Folgen zu verantworten hat - denn das wäre vermeidbar gewesen!

    • irishi
    • 07.09.2008 um 10:08 Uhr

    Ob das im Artikel geschriebene exakt so stimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber auch wenn Ihre Version, PC1715, richtig ist, gilt für mich:
    Konsistenz in der Rechtslage muss her! Abtreibung nach Beratung ist bis zur 12. Woche ok, und das ist doch irgendwo auch "Auswahl", selbst, wenn man über den Fötus nichts weiss. Aber den Embryo darf derzeit niemand wählen, nicht mal die Mutter selbst, im optischen Verfahren (was ja quasi Lotto ist, da man ja "nichts" sieht)? Das ist doch absurd!
    Weiter denke ich, dass jeder persönlich einschätzen muss, wie er mit einer Situation zurechtkommt. Ich persönlich hätte kein Problem mit Auswahl, wohl aber mit einer Drillingsschwangerschaft oder mit der Tatsache, dass mit einer Mehrfacheinpflanzung ein gesundheitliches Risiko für alle, also Mutter und Föten, entsteht, und der Arzt dieses Risiko und die eventuellen Folgen zu verantworten hat - denn das wäre vermeidbar gewesen!

    • PC1715
    • 05.09.2008 um 14:58 Uhr

    Die "klassische" Art der Reproduktion ist also unschuldig? Da ist
    mir in den letzten 2000 Jahren nur ein Fall geläufig ... Selten einen
    dämlicheren Beitrag zum Thema gelesen. Schon gewußt, daß auch bei der
    künstlichen Reproduktion meistens 2 Menschen beteiligt sind? ... daß
    wenn eine Samenspende notwendig ist, das Problem wohl nicht an der Frau
    liegt? ... es bei der PID darum gesunde Kinder zu bekommen?... Kopfschüttel  ...

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    Tut mir leid für Sie, dass Sie persönlich anscheinend bei der "klassischen Reproduktion" "schuldig" werden. Muss ganz schöner Stress sein, was? 10-, 5- 1-mal im Monat? Das läppert sich jedenfalls. Sie wissen ja, dass z.B.der Kölner Dom ein Manifest einschlägiger Wiedergutmachungen ist? Sie sind also nicht allein.Bloß so war das alles nicht gemeint. Falls Sie geneigt wären, Ihr Bewusstsein zu erweitern und sich dazu z.B. gugelnd oder auch in Form der klassischen Recherche um den philosophischen Begriff der "Unschuld des Werdens" zu kümmern, sähen Sie weiter. Viel weiter.Sozusagen ein Laxans bei hartnäckiger moralischer Opstipation.

    Tut mir leid für Sie, dass Sie persönlich anscheinend bei der "klassischen Reproduktion" "schuldig" werden. Muss ganz schöner Stress sein, was? 10-, 5- 1-mal im Monat? Das läppert sich jedenfalls. Sie wissen ja, dass z.B.der Kölner Dom ein Manifest einschlägiger Wiedergutmachungen ist? Sie sind also nicht allein.Bloß so war das alles nicht gemeint. Falls Sie geneigt wären, Ihr Bewusstsein zu erweitern und sich dazu z.B. gugelnd oder auch in Form der klassischen Recherche um den philosophischen Begriff der "Unschuld des Werdens" zu kümmern, sähen Sie weiter. Viel weiter.Sozusagen ein Laxans bei hartnäckiger moralischer Opstipation.

    • irishi
    • 07.09.2008 um 10:08 Uhr

    Ob das im Artikel geschriebene exakt so stimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber auch wenn Ihre Version, PC1715, richtig ist, gilt für mich:
    Konsistenz in der Rechtslage muss her! Abtreibung nach Beratung ist bis zur 12. Woche ok, und das ist doch irgendwo auch "Auswahl", selbst, wenn man über den Fötus nichts weiss. Aber den Embryo darf derzeit niemand wählen, nicht mal die Mutter selbst, im optischen Verfahren (was ja quasi Lotto ist, da man ja "nichts" sieht)? Das ist doch absurd!
    Weiter denke ich, dass jeder persönlich einschätzen muss, wie er mit einer Situation zurechtkommt. Ich persönlich hätte kein Problem mit Auswahl, wohl aber mit einer Drillingsschwangerschaft oder mit der Tatsache, dass mit einer Mehrfacheinpflanzung ein gesundheitliches Risiko für alle, also Mutter und Föten, entsteht, und der Arzt dieses Risiko und die eventuellen Folgen zu verantworten hat - denn das wäre vermeidbar gewesen!

  2. Tut mir leid für Sie, dass Sie persönlich anscheinend bei der "klassischen Reproduktion" "schuldig" werden. Muss ganz schöner Stress sein, was? 10-, 5- 1-mal im Monat? Das läppert sich jedenfalls. Sie wissen ja, dass z.B.der Kölner Dom ein Manifest einschlägiger Wiedergutmachungen ist? Sie sind also nicht allein.Bloß so war das alles nicht gemeint. Falls Sie geneigt wären, Ihr Bewusstsein zu erweitern und sich dazu z.B. gugelnd oder auch in Form der klassischen Recherche um den philosophischen Begriff der "Unschuld des Werdens" zu kümmern, sähen Sie weiter. Viel weiter.Sozusagen ein Laxans bei hartnäckiger moralischer Opstipation.

    Antwort auf "Hallo Föhnix"
  3. Populärer formuliert: Das ganze Gewürge um künstliche Befruchtung und den (höchst profitablen!) Firlefanz drumrum ist ein Mega-lifestyle-Akt. Aus der Gold-Reihe Botulinum, plastische Chirurgie und Abmagerungsmittel jedweder Couleur. Verbrämt mit Kinderliebe und treuer Mutterpflicht. Strengere Indikationsstellung! Und auch eine psychiatrische Vorabuntersuchung der Mutter mindert Folgelasten.

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  • Quelle DIE ZEIT, 04.09.2008 Nr. 37
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