Amazon-Kindle

Der Lesekasten

Mein erster Tag mit dem E-Book-Reader von Amazon. Ein Selbstversuch

Erstes Kennenlernen: Freitag, 16 Uhr. Merkwürdiges Gefühl, ihm endlich von Mensch zu Maschine gegenüberzustehen. Kleiner, weißer Kasten, vor dem die großen Buchkonzerne zittern. 19 mal 13 Zentimeter, die womöglich der Anfang vom Untergang des Buchzeitalters sind. Steckt in einer schwarzen Lederhülle mit Gummiband, sieht aus wie die Hefte, die Bruce Chatwin in Patagonien mit Staub und Tinte gefüllt hat. Eigenname ist Kindle, Gattungsname ist E-Book-Reader. Erster unqualifizierter Gedanke: Schon wieder so ein krankenhausweißes Plasteteil, das uns das Leben erleichtert und es nebenbei verschlingt.

17 Uhr. Wahnsinn. Das Ding enthält eine mittlere bildungsbürgerliche Bibliothek. Sehr viel Goethe, jede Menge Thomas Mann, dazu passend einige Ausgaben der FAZ, den gesamten Shakespeare, eine zufällige Auswahl aus den 166000 Titeln, die bisher für den Kasten bereit stehen.

18 Uhr. Blättere, als sei das immer schon so üblich gewesen auf der Welt, im Lesekasten herum, mache von Romeo und Julia kurz rüber zu Doktor Faustus, sehe nach, was im Werther so los ist. Umblättern nicht mehr nötig. Buch suchen, Buch nicht finden, Buch auf Eichenholz betten, Buch zu Dekorationszwecken in die Jackentasche stecken auch nicht. Der gesamte gutenbergische Prestige-Plunder wie weggewischt.

19 Uhr. Mache im Regionalzug viel provinzmimenhaftes Gewese um meine Wundermaschine. Schalte ein, schalte aus, vertiefe mich bald in die Shakespearschen Sonnette, bald in Schillers Oden, mache Eselsohren in die Kampagne in Frankreich und so weiter. Keiner guckt. Halte hier die Revolution der Lesekultur in den Händen, und die Leute rascheln seelenruhig weiter mit ihren Taschenbüchern.

20 Uhr. Die Kinder begreifen sofort die neue Leichtigkeit der Lage. Wenn das Teil erst aus Amerika, wo es bisher nur erhältlich ist, zu uns gekommen ist, wird ihr Leben um sechs Schulbuchkilo täglich erträglicher werden. Das sind wunderbare 120 Kilo Kinderarbeit weniger im Monat! Dagegen sollen die Schulbuchverlage mal ein Argument finden. Ob die Kinder auf dem Lesekasten gerne lesen würden? Klar. Dann gehen einem im Urlaub nicht schon wieder nach einer Woche die Bücher aus. Und sollte man mal länger zu Fuß in Patagonien unterwegs sein, muss man auf seinen Goethe auch nicht mehr verzichten.

22 Uhr. Noch gar nicht abzusehen, in welche Himmel und Höllen uns das führen wird, aber man kann auf dem Kasten lesen. Angeblich sogar im Freien. Schriftgröße variabel, Volltextsuche, sekundenschnelles Herunterladen. Ein Meilenstein für wissenschaftliches Arbeiten. Eine Erleichterung für Vielleser, die die Wohnungsmieten für ihre Bücher kaum noch aufbringen können. Ein Segen für die, die sowieso nie zu Hause sind. Flexible Bücher für flexible Menschen. Aber auch das Ende unserer überreichen Buchkultur? Oder nur eine willkommene Verbesserung und Ergänzung?

24 Uhr. Fern und kalt nehmen sich die alten Texte auf dem Krankenhausutensil noch aus. Leider ist gerade die Batterie ausgegangen. Alles erloschen. Lese morgen weiter.

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Leser-Kommentare

  1. 1. Danke

    Sehr geehrte Frau Radisch,
    Schulkinder mit schweren Ranzen auf dem Rücken tun mir immer leid. Ich finde es besonders dankenswert, dass Sie auf die Möglichkeit hingewiesen haben mit elekktronische Medien diese Last zu erleichtern. Mögen doch bitte alle Kultusminister Ihren Bericht lesen!

    Heinz Georg Schuster

  2. Nur mal am Rande werwähnt : Gerade vor ein paar Tagen ist eine neue Studie erschienen nach der schwere Schulranzen nicht schädlich sind. (http://bildungsklick.de/a...)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke, die zitierte apologetische Studie ist sehr aufschlussreich: das Durchschnittsgewicht der Kinder lag bei 27 kg, das Durchschnittsgewicht der Ranzen bei 5 kg, also 17,2 Prozent des Körpergewichts.

    Mal abgesehen von den naiven Methoden, mit denen hier "bewiesen" werden sollte, dass keine Schäden entstehen (zur Erinnerung: Kinder "bestehen" nicht nur aus Muskeln, sondern auch aus verhältnismäßig weichen Knochen, Gelenken und Bandscheiben): darf man also z.B. einem Erwachsenen von 80 kg, der jeden Tag einen rund 14 kg schweren Laptop auf seinem 15-30 minütigen Fußweg zur und von der Arbeit tragen muss, durchaus die Empfehlung geben, einmal an die tapferen Schulkinder zu denken, bevor er herumjammert ?

    Köstlich, wenn es nicht so traurig wäre.

  3. 3. eBook

    Sicher ist ein eBook handlicher als viele Bücher und trotzdem gibt es das Problem, das man nicht gleichzeitig 3 Bücher aufschlagen kann und mit Ihnen arbeiten, z.B. ein Nachschlagewerk/Formelsammlung, ein Skript und ein Lehrbuch, was sehr sinnvoll beim Lernen sein kann! Auch gibt kein Buch der Welt auf weil die Batterien alle sind.Genausowenig wie "ePlaner" den ordinären Kalender vollständig ersetzt haben, genauso wenig werden eBooks das Buch an sich vollständig ersetzen. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass es für Romane, Erzählungen, Tageszeitungen (kein Entsorgungsproblem mehr!) sinnvoll sein kann, nur noch als "File" zu existieren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich bin auch skeptisch, doch soll das neue ja vor allem in der Technik des elektronischen Papiers liegen:
    1) Reflexionseigenschaften, die demjenigen des echten Papiers ähnlich sind, ohne aktive Beleuchtung
    2) geringes Gewicht
    3) kein Stromverbrauch, wenn nur eine statische Seite angezeigt wird

    Mehrere Bücher: das könnte sich bei sinkenden Preisen erledigen, indem man mehrere eBooks oder eines mit mehreren Displays hat.

    Man wird sehen. Es gibt verschiedene Beispiele aus der Technik, wie alte Technologien ausgestorben sind (Typenschreibmaschine), oder auch überlebt haben (mechanische Uhr).

  4. Leider hat der Kindle einige üble Nachteile gegenüber anderen ebook-Readern (z.B. Cybook von Bookeen, Iliad von Irex):1. Das Gerät unterstützt außer dem eigenen Format nur Mobipocket-Dateien (PRC) ohne DRM und Textdateien, aber keine PDF-Texte.2. Einige andere Formate (z.B. DOC, RTF) können per mail an Amazon geschickt werden um dort (gegen Gebühr) in das interne Format konvertiert zu werden und wieder zurückgeschickt zu werden.3. Die erworbenen ebooks dürfen nicht weitergegeben oder weiterverkauft oder weiterverschenkt werden. Wer also seinen Kindle wieder verkaufen will, muß vorher alle Bücher löschen ohne sein Geld zurückzubekommen.4. Sollten die Leute bei Amazon der Meinung sein, daß ein Benutzer gegen die Lizenzbedingungen verstößt, können sie den weiteren Zugang zu ebooks sperren und die bereits erworbenen Bücher unlesbar machen.5. Das Teil ist eine optische Katastrophe.Alles in allem gefällt mir das Cybook (für einen ähnlichen Preis) deutlich besser, weil dort alle offenen Formate (txt, html, pdf) direkt unterstützt werden und das DRM bei gekauften ebooks nicht so restriktiv ist. Außerdem ist das Gerät bereits in Deutschland erhältlich.Der Iliad ist noch besser (größere Auflösung, mehr Formate), kostet aber fast das Doppelte und ist damit für ein (letztendliches) Spielzeug viel zu teuer.Für Schulkinder wäre so ein eBooks-Leser sicherlich nützlich, aber knapp 300 EUR (+ ebooks) werden wohl nicht sehr viele Eltern dafür ausgeben wollen/können.

    • 04.09.2008 um 18:35 Uhr
    • od1
    5. Warum

    zeigt das Bild zum Artikel ein Gerät mit Sony-Branding, welches von einer mandeläugigen Userin bedient wird ? Und der Artikel selber ist auch nicht gerade gehaltvoll. Nur 1:1-Kopien leerlaufender Gedanken des Autors.

    Einziger Lichtblick: der Gedanke an die Schulkinder. O wie habe ich sie gehasst, diese nutzlosen Papierklötze, die man nur für die Hausaufgaben mitgenommen hat. Ich schätze angesichts der Innovationsfähigkeit des öffentlichen Bildungswesens, dass die Rücken unserer Urenkel bereits im Jahr 2050 merklich entlastet werden. Vielleicht schon früher.

    • 04.09.2008 um 18:41 Uhr
    • od1

    Danke, die zitierte apologetische Studie ist sehr aufschlussreich: das Durchschnittsgewicht der Kinder lag bei 27 kg, das Durchschnittsgewicht der Ranzen bei 5 kg, also 17,2 Prozent des Körpergewichts.

    Mal abgesehen von den naiven Methoden, mit denen hier "bewiesen" werden sollte, dass keine Schäden entstehen (zur Erinnerung: Kinder "bestehen" nicht nur aus Muskeln, sondern auch aus verhältnismäßig weichen Knochen, Gelenken und Bandscheiben): darf man also z.B. einem Erwachsenen von 80 kg, der jeden Tag einen rund 14 kg schweren Laptop auf seinem 15-30 minütigen Fußweg zur und von der Arbeit tragen muss, durchaus die Empfehlung geben, einmal an die tapferen Schulkinder zu denken, bevor er herumjammert ?

    Köstlich, wenn es nicht so traurig wäre.

    • 04.09.2008 um 18:49 Uhr
    • od1

    Ich bin auch skeptisch, doch soll das neue ja vor allem in der Technik des elektronischen Papiers liegen:
    1) Reflexionseigenschaften, die demjenigen des echten Papiers ähnlich sind, ohne aktive Beleuchtung
    2) geringes Gewicht
    3) kein Stromverbrauch, wenn nur eine statische Seite angezeigt wird

    Mehrere Bücher: das könnte sich bei sinkenden Preisen erledigen, indem man mehrere eBooks oder eines mit mehreren Displays hat.

    Man wird sehen. Es gibt verschiedene Beispiele aus der Technik, wie alte Technologien ausgestorben sind (Typenschreibmaschine), oder auch überlebt haben (mechanische Uhr).

    Antwort auf "eBook"
  5. Ich denke auch, dass E-Books nie eine Gefahr für Bücher darstellen werden. Zu Büchern gehört mehr als nur das bloße Wahrnehmen des Textes. Mit dem Lesen eines Buches verbinde ich auch Atmosphäre.Dann gibt es ja auch Sammlerstücke.Wertvolle, künstlerisch ausgestaltete Bände. Ein prall gefülltes Bücherregal ist bestimmt beeindruckender als das neuste Modell irgendeines E-Books.Mal ganz davon abgesehen, dass man Gedrucktes viel angenehmer lesen kann als Digitales.Einen Vorteil bringen digitalisierte und online verfügbare Werke dann, wenn man sie zum Beispiel für wissenschaftliche Arbeiten braucht und nicht jedes Mal zur Bibliothek laufen kann. Literaturbeschaffung inklusive wildem Kopieren wäre damit wesentlich vereinfacht. Aber dazu braucht man dann auch kein E-Book, da reicht der PC oder das Notebook.

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  • Von Iris Radisch
  • Datum 1.4.2009 - 12:02 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 04.09.2008 Nr. 37
  • Kommentare 16
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