House-Sitting »Ich bin noch nie gebissen worden«
Hans Hartung hütet fremde Häuser. Ein Gespräch über Dackeldamen und Blätter im Pool
DIE ZEIT: Herr Hartung, Sie haben gerade den 133. Einsatz als Haushüter hinter sich. Was macht Sie so begehrt?
Hans HARTUNG: Ich bin gewissenhaft – und von Natur aus pingelig. Wenn es zum Beispiel im Garten einen Pool gibt, fische ich jedes Blättchen heraus und poliere täglich die Wände. Eine Kundin sagte mal nach dem Einsatz zu mir: Mein Haus war noch nie so aufgeräumt. Aber verheiratet möchte ich nicht mit Ihnen sein.
ZEIT: Ist es nicht seltsam, immer wieder in einem fremden Heim zu leben?
HARTUNG: In den ersten zwei, drei Tagen ist das ungewohnt. Oft hüte ich ja riesige Anwesen, die nur von Bäumen und Wiesen umgeben sind. Da liege ich dann wach und lausche auf jedes Geräusch. Nach ein paar Nächten aber lebt man sich ein. Ich habe viele Stammkunden, die mich seit Jahren buchen, die sogar ihren Urlaub verschieben, wenn ich keine Zeit habe. Da fühle ich mich dann eher wie in einer Zweitwohnung. Das hat aber Grenzen. Ich würde nie in den Schubladen meines Auftraggebers wühlen.
ZEIT: Aber in seinem Bett zu schlafen stört Sie nicht?
HARTUNG: Meist gehe ich ins Gästezimmer. Es gibt aber Ausnahmen. Einmal haben mich die Besitzer extra gebeten, das Elternschlafzimmer zu nehmen – weil ihre Dackeldame es gewohnt war, zu Herrchens Füßen zu ruhen. Das ging dann zwei Nächte gut. Dann lag sie neben mir im Ehebett.
ZEIT: Ist es denn oft so, dass Sie als Haushüter Tiere betreuen?
HARTUNG: Ja. Das hat mich ein bisschen enttäuscht. Mein Motto ist ja: »Wir produzieren Sicherheit durch Anwesenheit.« De facto fürchten sich die Leute gar nicht so sehr vor Dieben. In zwei von drei Fällen werde ich vor allem als Tiersitter eingestellt. Einer meiner Auftraggeber hat sogar eine richtige Ponderosa im Wald, mit Enten, Gänsen und Hühnern. Da muss ich dann morgens Eier einsammeln. Insgesamt habe ich bisher 32 Hunde und 20 Katzen betreut – und zwei australische Agamen, jede Menge Fische, Schildkröten und Vögel sowie drei Ponys und einen Araberhengst.
ZEIT: Und die lassen sich mal eben so von einem Fremden versorgen?
HARTUNG: Das hat mich selbst überrascht. Der Araberhengst etwa ließ sich ohne Murren auf die Weide führen. Auch Hunde sind unkompliziert. Am ersten Tag trauern die um ihr Herrchen. Am zweiten Tag bin ich ihr Herrchen. Die Tiere sind ja in ihrer gewohnten Umgebung. Da sind sie sehr zutraulich. Ich bin noch kein einziges Mal gebissen worden.
ZEIT: Fällt Ihnen da nicht manchmal der Abschied schwer?
HARTUNG: Ja. Zu einem Kunden etwa fahre ich jetzt zum 25. Mal. Sein Hund ist ein bisschen auch mein Hund. Mein Liebling aber war Husemann, ein französischer Hirtenhund. Der ließ sich stundenlang kraulen. Und wenn er bellte, haben die Wände gewackelt. Irgendwann kam dann eine Mail, dass er gestorben ist. Das ging mir schon nahe.
ZEIT: Hunde ausführen, den Pool reinigen – das ist viel Arbeit für die 15 Euro pro Tag, die Sie fürs Haushüten erhalten. Was hat Sie bewogen, gerade diesen Job zu machen?
HARTUNG: Anfangs suchte ich einfach nur eine Aufgabe. Die Bundeswehr hatte mich, wie bei Soldaten üblich, mit 53 in den Ruhestand geschickt. Ich fühlte mich zu jung, um zu Hause auf dem Sofa zu sitzen. Vor dreizehn Jahren sah ich dann die Annonce einer Haushüter-Agentur, die ein Polizeidirektor a. D. leitet. Das schien mir seriös. Da habe ich mich beworben.
ZEIT: Und der hat Sie gleich eingestellt?
HARTUNG: Zuerst kam er zu mir nach Hause und hat mich geprüft. Da wird dann auch mal die Klobrille hochgehoben. Auch das polizeiliche Führungszeugnis muss stimmen. Ein Haushüter soll ein Mensch sein, dem man guten Gewissens seinen Besitz anvertraut. Wir nehmen ja auch Anrufe entgegen, leeren den Briefkasten, mache Kontrollgänge ums Haus. Mein Chef beschäftigt oft pensionierte Polizisten, Soldaten, Justizbeamte und Kaufleute.
ZEIT: Das klingt, als sei Häuserhüten eher ein Job für ältere Menschen.
HARTUNG: Das ist es auch. Junge Leute werden gar nicht erst eingestellt. Studenten etwa haben sich nicht bewährt. Da geht zu viel zu Bruch. Die laden dann ihre Kumpel ein und machen eine Party. Heute werden in der ganzen Branche nur Rentner und Pensionäre beschäftigt. Die sind vorsichtiger. Ich würde zum Beispiel nie das Meissener Porzellan meines Gastgebers benutzen. In all den Jahren ging mir nur einmal etwas kaputt – ein Duschkopf.
ZEIT: Und worin genau besteht der Reiz des Haushütens?
HARTUNG: Ich bin beschäftigt – aber ein bisschen fühle ich mich auch wie im Urlaub. Das sind ja oft schöne Villen, mit Park und Hallenbad und Sauna. Die nutze ich gerne. Mir gefällt auch, dass ich viele andere Städte sehe.
ZEIT: Eine Regel Ihrer Agentur besagt allerdings, dass Sie als Haushüter nur drei Stunden am Tag das Anwesen verlassen dürfen. Viel Zeit für Sightseeing bleibt da nicht.
HARTUNG: Ach, das stört mich nicht. Mir reicht der eine oder andere Spaziergang. Ich liebe es, Ruhe zu haben. Am liebsten wohne ich in Häusern, in denen es ein gutsortiertes Bücherregal gibt. Ich lese nämlich gerne Klassiker. Jetzt allerdings, wo meine Frau Rentnerin ist, kommt sie auch öfter mit. Da ist das mit dem Lesen schwieriger. Jetzt muss ich auch mal reden oder Karten spielen.
ZEIT: Und wann gehen Sie in Ihren zweiten Ruhestand?
HARTUNG: Noch lange nicht! Ein Ehepaar in unserer Agentur ist schon über 80 und immer noch als Haushüter unterwegs. Ich mache weiter, solange der Körper mitspielt – und meine Frau.
Hans Hartung, 65, war früher Berufssoldat. Heute schätzt er die friedliche Stimmung in den Parks und Villen seiner Auftraggeber
Interview: Cosima Schmitt
- Datum 04.09.2008 - 18:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.09.2008 Nr. 37
- Kommentare 4
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... klingt eigentlich ganz reizvoll, aber 15 Euro am Tag?! Das ist ja wohl ein Witz!
Naja, wenn's nur ein kleiner Zuverdienst fuer Rentner ist... Sobald da aber ein ganzer Zoo versorgt werden soll, ist es ganz schoen dreist.
Im ersten Moment dachte ich, dass bei der Klientel ein Stundenlohn von 15.-€ wohl eher bescheiden sei. Erst auf den zweiten Blick stellte ich fest, dass damit die Tagesgage gemeint war. Ich will nicht explizit behaupten, dass dies dreist sei, jedoch könnte manch Einer zu genau der Ansicht gelangen. In der Hoffnung, damit dem Rotstift (***) engangen zu sein...
Ist das wirklich so, dass ein Haushüter für 15 € am Tag "einen ganzen Zoo versorgen soll?"
Wie so oft sieht die Sache bei näherer Betrachtung ganz anders aus:
a) als Tagespreis für die Heimbetreuung berechnen die Haushüter-Agenturen Ihren Kunden durchschnittlich 45 - 50 €.
b) der Haushüter erhält davon 15 € incl. Reisespesen
C) von der Differenz 30 - 35 € pro Tag muss die Haushüter-Agentur die gesetzlichen Sozialabgaben und eine obligatorische Unfallversicherung für seine Haushüter, die Betriebshaftpflichtversicherung, diverse Werbungskosten (Computerhardware und Programme, Intenetprovider, Homepage, Telefon), Kundenbesuche sowie Steuern und Abgaben erwirtschaften.
Bevor Ihnen vor Mitleid die Tränen kommen - natürlich werden für zusätzlichen Aufwand an Betreuung wie: Pool reinigen, Rasen mähen, daheimgebliebene Menschen oder Tiere betreuen jeweils Zuschläge berechnet. Von diesen Zuschlägen erhält der Haushüter einen fairen Anteil, so dass die Basisvergütung in Höhe von 15 € pro Tag mehr die Ausnahme als die Regel darstellt.
Nicht zuletzt bewohnen unsere Haushüter hierbei überwiegend attraktive Anwesen, deren Betreuung für unsere Rentner und Pensionäre eine willkommene Abwechslung Ihres Alltags darstellen.
Sekretär des Alpenländischen Haushüter Forums
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b) der Haushüter erhält davon 15 € incl. Reisespesen
C) von der Differenz 30 - 35 € pro Tag muss die Haushüter-Agentur die gesetzlichen Sozialabgaben und eine obligatorische Unfallversicherung für seine Haushüter, die Betriebshaftpflichtversicherung, diverse Werbungskosten (Computerhardware und Programme, Intenetprovider, Homepage, Telefon), Kundenbesuche sowie Steuern und Abgaben erwirtschaften.
Bevor Ihnen vor Mitleid die Tränen kommen - natürlich werden für zusätzlichen Aufwand an Betreuung wie: Pool reinigen, Rasen mähen, daheimgebliebene Menschen oder Tiere betreuen jeweils Zuschläge berechnet. Von diesen Zuschlägen erhält der Haushüter einen fairen Anteil, so dass die Basisvergütung in Höhe von 15 € pro Tag mehr die Ausnahme als die Regel darstellt.
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Ist das wirklich so, dass ein Haushüter für 15 € am Tag "einen ganzen Zoo versorgen soll?"
Wie so oft sieht die Sache bei näherer Betrachtung ganz anders aus:
a) als Tagespreis für die Heimbetreuung berechnen die Haushüter-Agenturen Ihren Kunden durchschnittlich 45 - 50 €.
b) der Haushüter erhält davon 15 € incl. Reisespesen
C) von der Differenz 30 - 35 € pro Tag muss die Haushüter-Agentur die gesetzlichen Sozialabgaben und eine obligatorische Unfallversicherung für seine Haushüter, die Betriebshaftpflichtversicherung, diverse Werbungskosten (Computerhardware und Programme, Intenetprovider, Homepage, Telefon), Kundenbesuche sowie Steuern und Abgaben erwirtschaften.
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