Datenschutz Schützen wird schick

Der illegale Handel mit Kundendaten macht den Datenschutz endlich wieder populär

Unsere Daten haben einen Preis. Nicht irgendeinen theoretischen Wert, sondern einen genau bezifferbaren Preis, den mehr oder weniger seriöse Unternehmer für unsere Adressen zu zahlen bereit sind. Und nicht nur dafür: Die Datendealer kaufen Informationen über unsere Lesegewohnheiten, unser Konsumverhalten, unsere Bankgeschäfte. Um uns dann mit Werbung zu überschütten. Oder, im schlimmsten Fall, um unsere Konten zu plündern.

Wahrscheinlich brauchte es die jüngsten Datenhandelsskandale, um diese schlichte Wahrheit ins allgemeine Bewusstsein zu hämmern: Daten, selbst die alltäglichsten, sind kostbar. Vorsichtig mit ihnen umzugehen, wie mit Bargeld oder Kreditkarten, ist keine Hasenfüßigkeit. Es ist reiner Selbstschutz. Und eine Bürgertugend im digitalen Zeitalter.

Jede neue Enthüllung der letzten Wochen macht das deutlicher: erst der Bespitzelungsskandal bei Lidl und anderen Handelsketten, dann der Missbrauch von Telefondaten bei der Telekom, zuletzt der illegale Handel mit Millionen Kundendaten. Auch die jüngsten Urteile des Bundesverfassungsgerichts, die die Datensammelwut der Behörden bremsten – etwa bei der Online-Durchsuchung oder beim Kennzeichen-Screening –, zeigen: Der verbreitete Glaube, wer sich nichts zuschulden kommen lasse, der habe auch nichts zu befürchten von den staatlichen und gewerblichen Datensammlern, ist längst nicht mehr naiv. Sondern töricht.

Dank der Skandale kommt der Datenschutz jetzt endlich heraus aus der Aufmerksamkeitsnische, in die er nach der Volkszählungshysterie Anfang der achtziger Jahre geraten ist. Viel zu lange interessierten sich nur ein paar Berufspessimisten und Erbsenzähler für die Gefahren des Informationsmissbrauchs, schon das Wort Datenschutz klang nach Bedenkenträgerei und Bürokratie. Zu routiniert waren die Warnungen der Datenschützer, zu lang galt allein der Staat als bedrohlicher Big Brother, während sich niemand um die Wirtschaft scherte. Und allzu verlockend schienen die Versprechungen der schönen neuen Online-Welt, in der die Erfüllung beinahe jeden Wunsches nur ein paar Klicks entfernt ist. So hoffnungslos asymmetrisch muss einst auch der Kampf der Umweltschützer gegen die PS-Protzerei der Automobilindustrie begonnen haben. Heute ist der Umweltschutz ein Megatrend der Weltpolitik.

Genauso muss sich auch das neue Datenschutzbewusstsein der Bevölkerung in konkreter Politik niederschlagen. Denn das ist ja das Vertrackte – und Interessante – der neuen Situation: Nur der Staat, der selbst unablässig Daten zusammenrafft und dabei nicht selten übertreibt, kann die Informationsjäger der Wirtschaft in die Schranken weisen. Sich zu dieser schwierigen Doppelrolle zu bekennen wäre ein wichtiger erster Schritt des »Datengipfels«, zu dem sich Innenminister Wolfgang Schäuble, Justizministerin Brigitte Zypries und Verbraucherschutzminister Horst Seehofer am Donnerstag in Berlin treffen werden. Ein erster Schritt, dem viele weitere folgen müssen.

Natürlich benötigen die Datenschützer mehr Geld und mehr Personal. Derzeit überwachen etwa in Schleswig-Holstein vier Datenschützer an die 100000 Unternehmen. Das ist geradezu eine Einladung zum Datenmissbrauch.

Der Datenschutz braucht auch bessere Gesetze. Das geltende Bundesdatenschutzgesetz stammt noch aus der digitalen Steinzeit der Großrechner, auf das Internet ist es nicht zugeschnitten. Doch der Entwurf für eine Runderneuerung, fix und fertig ausgearbeitet, verstaubt seit Jahren in einer Berliner Schublade. Auch er ist ein Opfer der Anschläge vom 11. September. Seither regiert in den Behörden ein unersättlicher Hunger nach Informationen, und alle Appetitzügler gelten als Fesseln im Kampf gegen den Terror.

Dabei würden manchmal schon Kleinigkeiten genügen, den Bürger besser zu schützen. Derzeit muss, wer die Weitergabe seiner Adresse und anderer persönlicher Daten verhindern will, dies ausdrücklich untersagen. Wenn dieses Prinzip umgekehrt würde, wenn der Handel mit Daten nur mit expliziter Zustimmung der Betroffenen erlaubt würde, wäre schon viel gewonnen.

Doch es genügt nicht, wenn die beamteten Datenschützer mit dem Finger auf die Politik zeigen. Sie selbst müssen anders werden, charismatischer, kreativer, kampfeslustiger. Wer kennt schon den Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar? Ein fähiger Mann, keine Frage, freundlich – und farblos fast bis zur Unsichtbarkeit. Sein jüngstes Buch Das Ende der Privatsphäre enthält lauter brisante Beispiele für den Missbrauch intimster Informationen, aber es liest sich wie eine Denkschrift zum Bürokratieabbau. Auf dem Verwaltungswege jedoch lässt sich der Datenschutz nicht revolutionieren. Auch da könnten die Datenschützer noch eine Menge von der Umweltbewegung lernen.

 
Leser-Kommentare
  1. -- allerdings nur für die Medienkonzerne, die Erfinder und Rechteinhaber des "geistigen Eigentums". Wer sich Kopien z.B. einer mp3 zieht wird als "Raubkopierer" diffamiert. Es stellt sich die Frage, wieso ich kein Urheberrecht an meinen persönlichen Daten besitze?_______________________________________________________
    Die Interessen der ZEIT:
    http://www.mein-parteibuc...
    Was derzeit wirklich passiert:
    http://www.pelastop.de/20...

    • zetti
    • 04.09.2008 um 12:20 Uhr

    Datenschutz fängt in den Köpfen an und hat eine Menge mit dem zu tun was "man" weiß. Hier ist der erste Ansatz um seine eigenen Daten vor Mißbrauch zu schützen. Nur wo lernt man so etwas, außer es ist zu spät? Und nicht nur die glückliche Generation, die ohne EDV aufgewachsen ist, ist davon betroffen.Datenschutz gehört auf den Stundenplan der Grundschule!Solange jeder fröhlich für ein paar Cent bereitwillig seine persönlichen Daten z.B. für eine Kundenkarte rausgibt, ist es ein leichtes diese mit seinen Einkäufen zu einem "Einkaufsprofil" zu verknüpfen. Und das ist noch die harmloseste Form des Datenmißbrauchs.Von den diversen Daten die auf Kontaktseiten im Internet gespeichert sind gar nicht zu sprechen. Manch abgelehnte Bewerber könnte ein Liedchen davon singen - wenn er nur den Grund für seine Absage wüßte.Nur keine Daten gwähren Datenschutz.Nur was ist mit Daten die behördlicherseits erhoben werden? Im Einwohnermeldeamt kann man wenigsten noch ankreutzen, daß es NICHT erwünscht ist, daß diese weiterverkauft werden.Bei dieser unsäglichen Steuernummer AB GEBURT (ist doch pervers- oder?) ist der Bürger hoffnungslos ausgeliefert. Hier wird aus Bequemlichjkeit für die Verwaltung ein Fass geöffnet, das Datenmißbrauch geradezu herausfordert. Eine einfache Verknüpfung und schon wird aus dem gläsernen Bürger ein Sklave seiner Daten.Und zwar sowohl für Wirtschaft und Politik!Darum glaube ich nicht, daß außer viel Bla-Blah tatsächlich was für den Datenschutz getan wird, den leichter läßt sich der grundgesetzlichen Schutz des Privatraumes nicht umgehen. Und dieser Schutz ist unserem gummibereiften Innenminister schon lange ein Dorn im Auge,Zetti

  2. Unsere Daten werden mal eben fremden Geheimdiensten überlassen - ohne dass unsere Politiker/innen entsetzt aufgeschrien haben.Alle unsere Verbindungsdaten sollen möglichst umfassend und lange gespeichert werden - und nur Frau Nahles hatte davon etwas  Bauchschmerzen (aber trotzdem zugestimmt - Danke Frau Nahles !).Ohne unser Verfassungsgericht wären Datenschutz von unseren eigenen Volksvertretern/innen ad absurdum geführt worden.Datenschutz wird für die Politiker/innen nur interessant, wenn es um Nebeneinkünfte, Parteistiftungen und Firmenbeteiligungen der Parteien geht. Ach ja - und bei dem überwiegend gescheiterten Informationsfreiheitsgesetz.Und diese Politiker/innen finden Datenschutz plötzlich schick ? Das ist blühender Unsinn !

    • Anonym
    • 04.09.2008 um 12:59 Uhr

    Ich habe erst jetzt gelesen, die Vorratsdatenspeicherung ist Anfang dieses Jahres tatsächlich in der BRD in Kraft getreten. Wie kann man sich nun gegen den Staat schützen?Wen ich anrufe, mit wem ich e-maile oder welche Webseiten und Dienste mit wem ich im Internet benutze geht nun wirklich keinen Menschen etwas an. Wie soll man nun mit dieser neuen Situation umgehen? Im Grunde werden alle Informationen, die etwa einen enormen wirtschaftlichen Schaden für meinen Arbeitgeber bedeuten können, wie Kundenkontakte oder schon allein welche Forschungen wir betreiben, von nun an irgendwo gespeichert und sind stets für irgendjemand zugänglich.Wie sieht es im privaten Bereich aus? Früher fehlte eben die Verbindung zwischen meiner Identität und den Inhalten oder den Spuren die ich auf Websites hinterlasse. Nun kann sie aber jeder, der Zugriff auf meine Vorratsdaten hat, widerherstellen, oder?Schauen wir uns eine unschuldige Site wie Flickr an. Sollte man demnächst einen Hauseinbruch befürchten, wenn man dort deutliche Fotos von seinem zu Hause veröffentlicht? Diese Lektion hatte Dieter Bohlen auch ohne das Internet gelernt. Kontaktanzeigen, Foren, Blogs. Vielleicht sollte man seine politischen, religiösen oder persönlichen Ansichten lieber für sich behalten. Wenn ich nicht mehr mit Sicherheit davon ausgehen kann, daß nicht irgendjemand doch einen Zusammenhang dieser Angaben mit meiner Person herstellen kann. Das ist doch richtig oder?Und was heute noch legal ist, kann morgen schon verfolgt werden. Die USA zeigt, daß es nicht viel braucht, bis der Tag kommt, an dem Menschen in kürzester Zeit radikalisiert werden.Zudem woher weiß ich von nun an mit Sicherheit, daß ich mich online nicht gerade mit jemand unterhalte, der abgehört wird.  Oder etwa eine Site aufrufe, die unter Beobachtung steht, so daß genug Gründe bestehen, die Beobachtung auch auf mich auszudehnen? Eine dumme, ironische Bemerkung und schon steht die Polizei vor der Haustür mit einem Hausdurchsuchungsbefehl.Und wo bitte kann ich, die Daten, die man über mich abspeichert einsehen? Wenn sich Die Zeit Gedanken über Datenschutz macht, sollte sie den Datenkraken Nr. 1 in Augenschein nehmen, unseren Staat. Mich interessiert auch wirklich wenig, weshalb Datenschutz wichtig ist. Die Initiative der Zeit ist da wirklich rührend. Nur ist es etwas zu spät dafür.Viel wichtiger finde ich, was genau wird bei den Vorratsdaten abgespeichert, welche Verbindungen lassen sich damit herstellen und wie gehe ich rein pragmatisch damit um, wenn ich telefoniere oder das Internet nutze. Was bedeutet es von nun an für meine Arbeit und was heißt das für mein Privatleben.

  3. Die Vorratsdatenspeicherung wird in der EU nun umgesetzt. Dennoch ist das Internet (noch?) ein globales Netzwerk, bei dem die Kommunikation auch über Drittstaaten abgewickelt werden kann, die nicht mit der EU Daten austauschen. Bei Email ist es deshalb besonders einfach den großen Bruder zu umgehen (die bösen Terroristen werden dann eben kein gmx verwenden), aber auch Internet Telefonie entzieht sich der Kontrolle, wenn Infrastruktur außerhalb der EU genutzt wird. Der nächste Schritt ist ja bereits auf europäischer Ebene in Diskussion: Staatliche Netzkontrolle,  bei der der Staat die Kommunikation seiner Bürger filtert. China macht es vor. Statt Terroristen müssen diesmal wohl Kinderpornos zur Begründung herhalten.

  4. Die grösste Datenkrake ist der deutsche Staat. Dagegen ist selbst Google nur ein kleiner Fisch.Mit online Zugriff auf alle Verbindungsdaten, Bankkonten, einbrüchen in Privatrechnern und dem Einkauf von Daten aus dunklen Kanälen kann weder Google noch irgend ein Unternehmen mithalten. Wer auf seine Daten aufpasst hat von der Wirtschaft nichts zu befürchten. Welche Daten denen zur Verfügung stehen liegt in der eigenen Hand. Der Staat ist wirklich gefährlich.

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  • Quelle DIE ZEIT, 04.09.2008 Nr. 37
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  • Schlagworte Datenschutz | Datensicherheit
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