Italienische LiteraturAuf der dunklen Seite der Welt

Zum 100. Geburtstag des großen Turiner Melancholikers Cesare Pavese erscheint sein Roman »Die einsamen Frauen« von Maidt-Zinke

Wer etwas über die Besonderheiten und Bizarrerien der Stadt Turin erfahren will, muss nicht nur den Kriminalroman Wie weit ist die Nacht von Fruttero & Lucentini lesen, sondern auch die Glossen, in denen das berühmteste Autorenduo Italiens die piemontesische Metropole charakterisiert hat. Ein »beklagenswertes Gefühl von Ausgegrenztheit und Abstieg«, behaupteten die beiden in den achtziger Jahren, koexistiere dort mit »leicht verdecktem Technologie-, Stil- und Rassendünkel«. Jede Initiative werde »augenblicklich gedämpft durch Skepsis, jeder Erfolg ironisiert, jede Leidenschaft gebremst durch eine unsichtbare Hand, die einen am Revers packt«. Das Fazit lautete: »Halbkalt, halbprovinziell, halbmodern und halbitalienisch ist Turin auf die ihm eigene, unerklärliche Weise eine essenzielle Stadt, in der nichts passiert, aber alles anfängt, zutage tritt, durchsickert, in der Stille geboren wird.« Mit anderen Worten: »Für Schriftsteller ein Pflichtwohnsitz.«

Cesare Pavese, der große Modernisierer der ita-lienischen Literatur des 20. Jahrhunderts, wurde am 9. September 1908 im Langhe-Dorf Santo Stefano Belbo geboren, wuchs in Turin auf und blieb zeitlebens so eng mit der Stadt und ihrem Wesen verbunden, dass er es an anderen Orten nur für kurze Zeit aushielt. Im Verlag Einaudi, den er mit aufgebaut und maßgeblich geprägt hatte, hätte er den beiden jüngeren Kollegen noch begegnen können, wäre er nicht im Sommer 1950 freiwillig aus dem Leben geschieden. Ihm, der durch den frühen Tod des Vaters traumatisiert war und Melancholiker von Jugend an, fehlte die satirische leggerezza jenes Duos ganz und gar. So konnten sich die Turiner Nebel, die Halbkälte, die dämpfende Skepsis ungehindert auf sein Gemüt legen: Die seltsame Affinität der Torinesi zur dunklen Seite der Welt, die Fruttero und Lucentini in schwarzmagischen Zirkeln aufspürten, äußerte sich bei ihm als lebensverfinsternde Traurigkeit. Zugleich war die halbprovinzielle Stadt, in der permanent »alles anfängt«, für ihn eine unersetzliche Quelle schriftstellerischer Inspiration.

Einen intensiven Eindruck dieses janusgesichtigen Heimatgefühls vermittelt der Roman Die einsamen Frauen, der zu Paveses hundertstem Geburtstag in neuer Übersetzung erschienen ist. Vergleicht man die beiden deutschen Fassungen, jene aus dem Jahr 1960 und die aktuelle von Maja Pflug, staunt man darüber, wie schwer es damals fiel, diese glasklare, alltagsnahe, an amerikanischen Vorgängern und Zeitgenossen durch eigene Übersetzungsarbeit sehr bewusst geschulte Sprache angemessen zu übertragen. Erst jetzt lässt sich die »musikalische Magie«, die sie einst auf Walter Jens ausübte, im Deutschen so recht nachvollziehen; erst jetzt erscheint auch im Sprachtransfer plausibel, dass Pavese literarisch mit den Neorealisten in Verbindung gebracht wurde, von denen ihn freilich das Fehlen einer politischen Botschaft unterscheidet – was umso bemerkenswerter ist, als er 1935 wegen seiner dezidiert antifaschistischen Haltung für ein Jahr nach Kalabrien verbannt wurde. Politisches und ästhetisches Engagement gehörten für ihn zwei verschiedenen Welten an.

Das Eigenartige an Paveses Prosa ist die Spannung zwischen einem geradezu rücksichtslos vordergründigen Erzählton und einer atmosphärisch hochwirksamen Feinarbeit, deren Ziel er in seinen poetologischen Schriften folgendermaßen formuliert: »Erzählen bedeutet, aus der Mannigfaltigkeit des Realen einen bedeutungsvollen Rhythmus, eine unaufgelöste Chiffre des Mysteriums, das Verführerische, eine Wahrheit herauszuhören, die sich ständig offenbaren will und doch ständig entflieht.« Und über allem liegt der Schleier eines Weltüberdrusses, von dem sich nicht genau ausmachen lässt, ob er der epochalen Situation geschuldet ist oder jener unsichtbar zupackenden Hand, die in Turin die Leidenschaften reguliert.

Das Problem, das der ewig unglücklich Liebende mit Frauen hatte, ist ebenfalls nicht eindeutig geklärt. Die letzte, enttäuschende Beziehung zu der amerikanischen Schriftstellerin Constance Dowling war, nach allem, was man weiß, nur der Auslöser, nicht die Ursache für seinen Selbstmord. Fest steht, dass künstlerischer Erfolg für Pavese die Frustration in Liebesdingen nicht kompensieren konnte: Für die Trilogie Der schöne Sommer, die mit dem lakonischen, in seiner Knappheit und Dichte wie kondensiert wirkenden Roman Die einsamen Frauen ihren Abschluss fand, war ihm wenige Wochen vor seinem Freitod der renommierte Premio Strega zugesprochen worden.

Clelia, das erzählende Ich der donne sole, ist eine Turinerin aus kleinen Verhältnissen, die es in der römischen Modebranche zu Erfolg und Unabhängigkeit gebracht hat und nun, nach siebzehn Jahren, in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um die Filiale eines Modehauses einzurichten. In der ersten Hotelnacht erlebt sie den misslungenen Selbstmordversuch eines jungen Mädchens aus vornehmen Turiner Kreisen. Später wird sich der Vorgang wiederholen, diesmal mit tödlichem Ende. In der lebensmüden Rosetta erkennt Clelia ihr eigenes Spiegelbild; sie sucht nach Gründen für das Geschehen, das auf gespenstische Weise den Selbstmord des Autors vorwegnimmt – auch er vergiftete sich in einem Hotelzimmer.

Bei einer trägen Odyssee durch die Salons und Party-Orte der besseren Turiner Gesellschaft begegnet sie Frauen und Männern, die sich mit innerer Leere und Lebensekel mehr oder weniger arrangiert haben. Das nimmt schon Antonionis La Notte vorweg: Eleganz und Ennui in subtil abgestuften Grautönen. Es gibt hier jedoch eine Gegenwelt – nicht die proletarischen Gassen, in denen Clelia ihre Kindheit verbracht hat, sondern die ländliche Umgebung, die in ihrer unverbrauchten Frische so etwas wie ein Hort des Echten und Wahren geblieben ist. Und das Tätigsein, das die Heldin sich unter lauter Müßiggängern als »Laster« gestattet, ganz im Einklang mit Paveses fanatischem Arbeitsethos und seiner Idealisierung des Handwerks: Der unintellektuelle Vorarbeiter Becuccio, mit dem sie eine kurze Affäre hat, ist die einzig positive, sinnlich-vitale Männerfigur weit und breit.

Italo Calvino, der jüngere Freund und Kollege, hielt Clelia für eine vollständig autobiografische Projektion Paveses, in der sich dessen »ungeheure, dickschädelige, verschlingende Liebe zur Arbeit« verkörperte. Die Geschichte aber gefiel ihm nicht, weil solche Frauengestalten für ihn eine unangenehme »Pferdhaftigkeit« ausstrahlten. Und weil ihn die Darstellung des Turiner Bürgertums nicht überzeugte. Das könnten Fruttero & Lucentini später ganz anders gesehen haben. Das »System Arbeits-Einsamkeit« jedenfalls, das für Calvino die eigentliche Botschaft des Romans darstellte, hat Pavese nicht gerettet. Es hat ihm nur seinen Platz in der Literaturgeschichte gesichert.

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    • Schlagworte Literatur | Roman | Belletristik
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