Es begann mit einem Kribbeln auf dem linken Handrücken. Erich Paul Richter, Organist und Cembalist der Messiaskirche in Hannover, hatte am 1. Februar 2007 noch spätabends in seiner Wohnung am Flügel gesessen. Als er vom Instrument aufstand, stolperte er. Doch er dachte sich wenig dabei und ging zu Bett.

Das war sein Fehler. Richter ist kein Mediziner, sonst hätte ihn das Kribbeln misstrauisch gemacht. In den ersten drei bis vier Stunden nach einem Schlaganfall gibt es noch Möglichkeiten, das Schlimmste zu verhindern. So aber waren Teile seiner rechten Gehirnhälfte im Schlaf nicht mit Blut versorgt und wurden unwiderruflich geschädigt. Der heute 49-jährige Musiker merkte es erst am nächsten Morgen, als er beim Aufstehen aus dem Bett fiel, weil seine linke Körperhälfte ihm nicht mehr gehorchte.

Nach einem Krankenhausaufenthalt kam Richter in eine neurologische Rehaklinik. Dort mussten zunächst sein linker Arm und sein linkes Bein passiv bewegt werden, um den spastischen Verkrampfungen entgegenzuwirken. Als Nächstes hätte eine langwierige Physiotherapie auf ihn gewartet, um die Feinmotorik wieder zu trainieren: Holzstäbchen in vorgebohrte Löcher stecken, Glasperlen auf eine Schnur fädeln, Flaschenverschlüsse auf- und zudrehen. Nicht gerade anregende Tätigkeiten für Menschen, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind – und zudem eine Therapie mit zweifelhafter Aussicht auf Erfolg.

Richters Glück war es, dass er Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover kannte. Altenmüller ist Musikermediziner und Neurologe. Dessen Doktorandin Sabine Schneider hatte gerade in der Zeitschrift Journal of Neurology die ersten Ergebnisse einer Studie zu einer neuartigen Schlaganfalltherapie veröffentlicht. In dieser und einer weiteren Veröffentlichung konnten Altenmüller und Schneider zeigen: Eine Therapie mit dem Namen Musikunterstütztes Training (MUT) funktioniert. Und sie ist traditionellen Methoden überlegen.

»Ich habe gerade die Katastrophe meines Lebens erlebt – jetzt gehe ich Klavier spielen lernen«, beschreibt Eckart Altenmüller das paradox anmutende Prinzip der Therapie, für die Patienten keine Vorkenntnisse mitbringen müssen. Sie lernen, einfache Melodien nach Art von Alle meine Entchen zu spielen, zunächst grobmotorisch auf großen elektronischen Trommeln, später dann, wenn ihnen die Finger wieder gehorchen, am Keyboard.

Ein arrivierter Berufsmusiker soll nach dem Vorfall, der sein Leben auf den Kopf stellte, Freude daran haben, quälend langsam ein Kinderlied auf der Klaviatur zu buchstabieren? »Klar habe ich andere Vorstellungen«, sagt Richter, »aber ich freue mich daran, überhaupt wieder irgendwelche Bewegungen mit der linken Hand machen zu können.«

Die traditionellen Reha-Methoden zeigten kaum eine Wirkung

250.000 Menschen haben jedes Jahr in Deutschland einen Schlaganfall. Bei 90 Prozent von ihnen ist der Bewegungsapparat betroffen. Thomas Münte, der als Arzt an der Universität Magdeburg den klinischen Teil der MUT-Studien betreute, schätzt, dass ein Drittel dieser Patienten für die Musiktherapie infrage käme – immerhin etwa 70.000 Menschen.

Bemerkenswert an den MUT-Studien ist, dass sie den Kriterien der evidenzbasierten Medizin genügen. Die Methode wurde an einer Gruppe von über 60 Patienten getestet, die Hälfte der Schlaganfallopfer erhielt im selben Umfang traditionelle Therapien. Die wichtigsten Bewegungsparameter verbesserten sich bei den Patienten, die MUT bekamen, im Verlauf von 15 Übungssitzungen deutlich. Und – peinlich für die Rehaszene – die traditionellen Physio- und Ergotherapien brachten praktisch keinen Fortschritt für die Kranken.