Polarforschung Premiere im schmelzenden Eis
Die Schollen stehen günstig: Der deutsche Forschungseisbrecher »Polarstern« will als erstes Schiff den Nordpol umrunden
Heinz Miller ist Vize-Direktor des Alfred Wegener Instituts für Polar- und Meeresforschung. Er erklärt, was es mit der neuen Mission der "Polarstern" auf sich hat.
DIE ZEIT: Ihr Flaggschiff Polarstern versucht derzeit den Nordpol ganz zu umrunden. Öffnet der Klimawandel bald neue Schiffsrouten?
Heinz Miller: Der Rückgang der Meereisdecke im Sommer könnte durchaus neue Schifffahrtswege in der Arktis öffnen. Aber ich glaube nicht, dass dies in den nächsten Jahren geschieht. Selbst bei weitgehender Eisfreiheit treiben dort dicke Meereisfelder, die normale Schiffe gefährden können.
ZEIT: Wäre diese Umrundung eine Premiere?
Miller: Bisher hat es noch kein Forschungsschiff geschafft, über die Nordwestpassage in den arktischen Ozean vorzudringen, den Nordpol zu umrunden und via Nordostpassage zurückzukehren.
ZEIT: Die Crew berichtet von Nebel, Schneefall, Kälte um null Grad. Lässt warme Luft das Eis schmelzen oder eher einströmendes Warmwasser?
Miller: Beides; die Luft hat sich erwärmt, aber auch der Zustrom warmen Wassers über die Barentssee. Außerdem beeinflussen große Windfelder die Eismenge. Sie verstärkten im letzten Jahr den Eisexport aus der Arktis über die Frahmstraße. Das Rekordtief 2007 beruht auf vielen Faktoren.
ZEIT: Steht diesmal ein neuer Rekord bevor?
Miller: Das ist nicht vorhersagbar. Noch ist die Eisbedeckung deutlich größer als beim niedrigsten Stand Ende September 2007. Das Schmelzen dauert noch einige Wochen. Es betrifft wegen des Vorjahres vermehrt dünnes, einjähriges Eis. Aber der letzte arktische Winter war kälter als der vorherige. Entscheidend sind nun Winde und Strömungen.
ZEIT: Sind die nicht berechenbar?
Miller: Nein. Wir wissen beispielsweise nicht, wie weit Warmwasserzungen ins arktische Becken vorgedrungen sind. Sie bewegen sich meist in mittlerer Tiefe. Die Polarstern soll sie genauer messen.
ZEIT: Wird die Arktis 2030 eisfrei oder erst 2070?
Miller: Berechnungen des Weltklimarates IPCC ergeben 2070 als Mittelwert. Das Eis schwindet derzeit jedoch schneller als vorhergesagt. Die Ursachen hierfür kennen wir nicht genau. Beispielsweise gibt es nachweislich kräftige Langzeitschwankungen der arktischen Temperaturen, die zehn oder mehr Jahre dauern können. Ob die rasche aktuelle Erwärmung künftig gedämpft wird, weiß keiner. Wir brauchen dringend mehr Daten und Forschung, um die Prognosen zu verbessern. Noch sind Vorhersagen wie »2030« Vermutungen.
ZEIT: Lässt auch die Schiffbarkeit der berühmten Nordwest- beziehungsweise Nordostpassage also noch Jahrzehnte auf sich warten?
Miller: Für konventionelle Schiffe werden diese Routen noch mehrere Jahrzehnte lang gefährlich und schwer planbar bleiben. Selbst wenn die Arktis im Sommer künftig eisfrei ist, im stockdunklen Winter friert sie wieder zu. Deshalb werden auch dann die Passagen nur an etwa 120 Tagen im Jahr befahrbar sein. Das erfordert eine extrem teure Infrastruktur für Notfälle wie Eisbrecher, rettende Tiefseehäfen oder Reparaturwerften.
ZEIT: Geben deshalb die Russen die Nordostpassage noch nicht frei?
Miller: Die Kanadier sind ebenso äußerst zurückhaltend. Wir mussten ihnen die Sicherheit der Polarstern genau belegen. Auch aus Umweltgründen sollen dort nur eisverstärkte oder Doppelrumpfschiffe fahren, keine normalen Blecheimer.
ZEIT: Was sind die Hauptziele der Polarstern?
Miller: Unter anderem geologische Messungen, um die Entstehungsgeschichte des arktischen Beckens besser zu verstehen. Sedimentproben sollen die Klimageschichte des Ozeans rekonstruieren helfen, insbesondere in früheren Warmzeiten. Auch Vogelbeobachter sind an Bord.
ZEIT: Was ist das größte Ökorisiko der Schmelze?
Miller:
Die Umstellung der Nahrungsbasis von bisher eisgebundenen auf übliche Algen. Das wird erhebliche Umstrukturierungen im Plankton und in der ganzen Nahrungskette nach sich ziehen.
Die Fragen stellte Hans Schuh
- Datum 05.09.2008 - 10:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.09.2008 Nr. 37
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