Physik Das Teilchen Higgs
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"Einen Wettbewerb um die farbigste Erklärung würde ich verlieren"

»Als Erstes bekam ich einen Brief des Physikers Walter Gilbert, der meinte, ich hätte einen Fehler gemacht«, erzählt Higgs und lacht herzlich. Erst der einflussreiche Theoretiker Freeman Dyson erkannte die Tragweite von Higgs’ Gedanken und lud ihn an das weltberühmte Institute for Advanced Studies nach Princeton ein, damit er seine Thesen vortrug. Der damals 36-jährige Higgs fühlte sich, als habe der Himmel persönlich angerufen. Aufgeregt reiste er in die USA, setzte sich ins Auto und machte sich auf den Weg. Doch als das erste Straßenschild »Princeton« auftauchte, befiel ihn Panik. Zitternd musste der Theoretiker an den Straßenrand fahren und warten, bis er sich wieder beruhigt hatte.

Aber der Nobody aus Schottland hielt den kritischen Fragen der Fachkollegen stand, und bald erkannten auch andere, dass Higgs einen Durchbruch erzielt hatte. Darauf aufbauend, arbeiteten Steven Weinberg, Abdus Salam und Sheldon Glashow eine Theorie aus, die zum ersten Mal zwei der vier physikalischen Grundkräfte (die elektromagnetische und die sogenannte schwache Wechselwirkung) vereinte – wofür sie 1979 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Für Higgs selbst war der Vortrag in Princeton allerdings zugleich Höhe- und Endpunkt seiner internationalen Karriere. In der Ausarbeitung seiner Ideen spielte er nur noch eine Statistenrolle. Entscheidende Anstöße konnte er nicht mehr liefern, obwohl er sich mehr denn je in die Physik vergrub. Er vernachlässigte seine Ehe, fuhr auf Konferenzen statt in den Familienurlaub, und bei der Geburt seines ersten Sohnes saß Higgs in einer Bibliothek. Schließlich reichte seine Frau Jodie die Scheidung ein – was Higgs vollkommen aus der Bahn warf.

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»Einen Wettbewerb um die farbigste Erklärung würde ich verlieren«

Ironischerweise begannen gerade zu jener Zeit die Physiker, erstmals vom »Higgs-Mechanismus« zu reden. »Du bist berühmt«, rief ein Freund 1972 ins Telefon, der auf einer Konferenz in den USA gehört hatte, wie plötzlich ständig der Name Higgs fiel. »Die Bezeichnung stammt aber nicht von mir«, stellt Higgs klar, »wenn ich darüber rede, nenne ich es lieber den A-B-E-H-G-H-K-Mechanismus, nach den Physikern Anderson, Brout, Englert, Higgs, Guralnik, Hagen und Kibble, die alle beteiligt waren.« Auch den plastischen Vergleich des Higgs-Mechanismus mit einer Cocktailparty (siehe unten), schätzt Higgs nicht besonders. »Aber ich würde nicht wagen, mich an einem Wettbewerb um die farbigste Erklärung zu beteiligen, weil ich bestimmt verlieren würde.«

Als er in den siebziger Jahren seine Scheidung überwunden hatte und mit Mitte 40 einen neuen Anlauf als Theoretiker nehmen wollte, musste er erkennen, dass es bereits zu spät war. »Man brauchte dafür neue Mathematik, und die Leute, die daran arbeiteten, waren alle jung, um die 25«, erzählt Higgs mit leiser Wehmut. »Ich fühlte mich alt, meine Forschungsaktivität lief aus.«

Auch den Anschluss an das Computerzeitalter verpasste der Theoretiker. Zwar hat die Universität Edinburgh mittlerweile eine E-Mail-Adresse für Higgs eingerichtet; doch in Wahrheit verwaltet sie Alan Walker. Der kommt gegen Ende unseres Gesprächs in den Raum und schwenkt ein Papier. »Hier kommt eine Anfrage von Bild am Sonntag, sie wollen wissen, wie die Weltformel aussieht.« Higgs verzieht das Gesicht. »Schreib du denen ruhig, du kannst das viel besser als ich«, sagt der Weltberühmte.

Eine Frage muss er aber selbst beantworten: Wie sieht er seinen Geistesblitz heute, wie wäre sein Leben ohne jene berühmte Arbeit aus dem Jahr 1964 verlaufen? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: »Mein Leben wäre sicher sehr viel ruhiger gewesen.« Es klingt fast bedauernd.

 
Leser-Kommentare
  1. Wer für die Zeit schreibt, sollte da doch differenzieren können.
    Nichts für ungut.

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  • Quelle DIE ZEIT, 04.09.2008 Nr. 37
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