Suchen wir uns als Freunde Menschen aus, die uns besonders ähnlich sind? Oder jene, die uns am besten ergänzen und dadurch bereichern? Über diese Frage zerbrechen sich Philosophen schon seit langer Zeit die Köpfe. Eine im wahrsten Sinn naheliegende Erklärung geben sie allerdings selten: dass Freunde Personen sind, die praktischerweise gerade in der Nähe waren, als man sie kennenlernte. Wie wichtig dieser banale Umstand ist, zeigen die Ergebnisse einer Studie, die Psychologen der Universität Leipzig kürzlich veröffentlichten.

Die Forscher um Mitja Back fingen einen ganzen Jahrgang von neuen Psychologiestudenten vor ihrer ersten Vorlesung ab und teilten ihnen per Losnummer willkürlich Sitzplätze im Hörsaal zu. Ein Jahr später fragten sie die Teilnehmer, wie gut sie mit ihren Kommilitonen befreundet seien. Ergebnis: Mit den Personen, neben denen die Befragten zu Beginn ihres Studiums zufällig eine Stunde lang gesessen hatten, waren sie im Schnitt besser befreundet als mit anderen. Auch mit Sitznachbarn, die nur in derselben Reihe gesessen hatten, waren die Studenten ein Jahr danach vertrauter als mit dem Rest des Semesters.

»Das zeigt, wie wichtig der Zufall für das Entstehen von Freundschaften ist«, sagt Mitja Back. Denn durch die Sitzplatz-Lotterie wurde der Einfluss von Ähnlichkeiten zwischen den zukünftigen Freunden eliminiert. Dass wir uns bewusst Freunde aussuchen, die besonders gut zu uns passen, scheint ohnehin ein Mythos zu sein. Schon 1995 bat der kalifornische Psychologe David Funder seine Probanden in Begleitung von zwei guten Bekannten zu einem Persönlichkeitstest. Die Profile der Freunde, so stellte Funder anschließend fest, waren sich nicht ähnlicher als die von zwei komplett Fremden. Trotzdem haben Psychologen meist lieber auf psychische denn auf körperliche Nähe geschaut, um Vertrautheit zu erklären.

Fest steht, dass Bekannte sich vor allem in allgemeinen Merkmalen wie Bildung, Alter und Einkommen ähnlich sind. Das ist nicht verwunderlich, denn in seinem persönlichen Umfeld trifft man öfter auf Leute, die eine vergleichbare Ausbildung und ähnliche Interessen haben. Solche groben Gemeinsamkeiten ermöglichen daher oft erst, dass man sich überhaupt begegnet.

Zuneigung zum Nachbarn ist eine Form von Selbstverliebtheit

Bestehen diese Kontaktmöglichkeiten erst einmal, scheint die räumliche Nähe eine große Wirkung zu entfalten. Das demonstrierte bereits 1950 der Sozialpsychologe Leon Festinger in einem berühmt gewordenen Experiment. Bei der Untersuchung der sozialen Beziehungen in einem Studentenwohnheim stellte er fest, dass die Freundschaften zwischen den Bewohnern hauptsächlich durch die Entfernung ihrer Zimmer bestimmt waren. Mit jeder dazwischenliegenden Tür wurde die Freundschaft mit einem Nachbarn unwahrscheinlicher. Die wachsende Distanz, so vermutete Festinger, reduzierte die Häufigkeit zufälliger Treffen. Die Mühe, auf der Suche nach einem Seelenverwandten in einem anderen Stockwerk vorbeizuschauen, machte sich offenbar kaum jemand.

Der Sozialpsychologe Bibb Latané hält die Wirkung von räumlicher Nähe auf Bekanntschaften sogar für ein bezifferbares Naturgesetz. Er glaubt, dass der Einfluss, den Menschen auf andere haben, mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt; genau wie bei physikalischen Phänomenen wie Schall oder Schwerkraft. In einer Untersuchung fand er tatsächlich eine solche mathematische Beziehung zwischen der Anzahl von wichtigen, persönlichen Gesprächen mit Bekannten und der Entfernung, in der diese Personen wohnten. Dies erstaunte den Forscher umso mehr, als es in Zeiten des Telefons kaum einen Grund gibt, warum seine Versuchspersonen öfter mit 100 Kilometer als mit 500 Kilometer entfernt wohnenden Freunden sprachen.