Der Quizmaster legt seine Stirn in Falten. Der Mann spricht langsam, als buchstabiere er in einer Fremdsprache, er sagt: Welche Frau hat mit ihrer Intellektualität die Geschichte der Bundesrepublik geprägt? Er verliest die Namen: Charlotte Roche? Elke Heidenreich ? Hannah Arendt ? Hanna Schygulla?

Die Scheinwerfer kreisen. Die Musik spielt. Die Musik legt sich über die Stille.

Die Szene ist natürlich erfunden. Ein Scherz, die Frage nach der Rolle der Frau in der intellektuellen Szene der Bundesrepublik, einer, den sich vermutlich Günther Jauch und seine Erben schenken werden. Das wäre dann die gnädige Version einer traurigen Geschichte, in der mal Namen aufblitzen – und gleich verglühen. Welche Namen? Zum Beispiel Gisela von Wysocki, Doktor der Philosophie, Autorin von Hörspielen und eines Buches mit klugen Aufbruchsfantasien, der Titel: Fröste der Freiheit, lange nichts gelesen von Gisela von Wysocki. Da war Marion Dönhoff, Publizistin, Herausgeberin der ZEIT, schon tot. Da ist Gesine Schwan , die Präsidentin einer Hochschule war, heute Kandidatin mit fast keiner Aussicht für die Bundespräsidentschaft, ihr schlägt ein Sturm der Empörung entgegen, er wühlt sich hoch, bis zum Orkan, zu viel der Locken!, brüllt es, zu tief der Ausschnitt! Zu hochhackig die Schuhe! Und das Lachen! Also, man hört ja, die soll total anstrengend sein.

Da ist, unglaublich, Elke Heidenreich an der Spitze der 100 wichtigsten intellektuellen Frauen Deutschlands – im Cicero- Magazin, das erst vor zwei Jahren Eva Herman als weibliche Vordenkerin gepuscht hat, mit so viel Lärm, dass die Erkenntnis, wie wenig Eva Hermans Frauenbild neu ist, wie behaftet es ist mit dem Hautgout des Tausendjährigen Reichs, erst durchdrang, als sie es selbst formulierte.

Man kann Elke Heidenreich, die Queen der Bestseller, nicht mit Eva Herman gleichsetzen oder Wysocki und Schwan nicht mit der Philosophin Hannah Arendt, die schon 1941 nach Amerika entflohen war, ihre Protokolle des Eichmann-Prozesses hat sie in New York veröffentlicht. Wahr ist, Deutschland ist schwieriges Terrain für intellektuelle Frauen. Von Amerika kommen denn auch die Bücher zweier wunderbarer Autorinnen, zwei Bände mit Aufsätzen von Susan Sontag und Joan Didion. Übrigens nicht die ersten Bände dieser beiden hierzulande, es gibt Romane und, nun erneut – Kulturkritik. Politische Reportagen. Ästhetische Theorie. Das Beste! Unter anderem, weil sich an diesem Gegenstand gut überlegen lässt, warum sich in Deutschland eigentlich keine Frauen wie Susan Sontag und Joan Didion finden. Weshalb bei uns die intellektuelle Bühne beherrscht wird von wichtigen Männern mit wichtigen Gesten, wie es passieren konnte, dass die Deutungshoheit in der Republik, nach fünf Jahrzehnten Bildungsreform, noch immer das Privileg von Männern ist. Wieso es in Deutschland nicht gelang, hochgebildete Frauen wie Susan Sontag oder Joan Didion dort zu platzieren, wo sie hingehören, im Rampenlicht.

 

Joan Didion und Susan Sontag überstrahlen die globale Geisteslandschaft, wie es wenigen Frauen gelungen ist, vielleicht noch einer Simone de Beauvoir, natürlich von Paris aus. Exzentrik gehört zu ihrem Gestus, auf elegante Weise. Man kennt die Didion mit handtellergroßen Sunglasses am Strand von Kalifornien, glamourös wie Sontag, die mit androgynem Charme den Jetset von Andy Warhol aufmischte, nebenbei das ästhetische Empfinden der Szene als Camp mythologisierte und noch, über ihren Tod vor vier Jahren hinaus, eine unwiderstehliche Aura entfaltet. Niemand, der über Fotografie oder die Metaphorik von Krankheit reden möchte, der sie ignorieren könnnte. Susan Sontag, die Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Joan Didion, die grandiose Essayistin. Ihr Weißes Album hat eine ganze Epoche definiert, die der sechziger Jahre mit ihren fiebrigen Träumen, den politischen Lügen, der Orientierungslosigkeit einer Jugend, die zappelnd in einer Endlospubertät festzuhängen schien. Vor zwei Jahren hat Didion über ihre Trauer nach dem Tod ihres Mannes John Gregory Dunne geschrieben, ein Buch, das Leser in der Welt erschüttert hat. Es ist erstaunlicherweise eine junge deutsche Autorin, Antje Rávic Strubel, die Didion für sich entdeckt hat und nun, mit 34 Jahren, Texte neu herausgibt, die Didion, die heute 74 Jahre alt ist, vor 30 oder 40 Jahren geschrieben hat.

Die Essays erscheinen in Auswahl, nur 8 von 20 Stücken aus dem Weißen Album, nur 13 von 20 aus der Stunde der Bestie, was ärgerlich ist, denn beides sind von Didion durchkomponierte Kollektionen, glücklicherweise noch über Amazon zu haben. Man liest diese Reportagen wieder, Begegnungen mit der dunklen Seite von Hollywood, das Nachspüren eines Unfallberichtes, Reflexionen über Moral oder auch nur die Erläuterung ihrer Kofferpackliste für die Abreise zur nächsten Recherche und begegnet einer Autorin, die sich auf hierzulande fast unvorstellbare Weise einen eigenen Duktus erlaubt.

Sorgfältig, nachdenklich tastend, sich selbst infrage stellend, geradezu umständlich formulierend, jedenfalls weit entfernt von dem, was heute als Journalismus der starken These angesagt ist, gelingt es Didion, die Zerbrechlichkeit einer Kultur zu entlarven, die sich anmaßt, ein Weltexportschlager zu sein. Strubel präsentiert das mit einem Vorwort voller Verehrung. In einer Tonlage, in der sie bereits vor zwei Jahren im Tropen Verlag Didion-Texte versammelt hatte, die »von Rinde befreit, weißgewaschen und klar leuchten wie die seltenen, archaischen Hölzer am Ostseestrand«.

Nun. Das ist sehr entfernt von der sehr lakonischen Erzählstimme einer Didion und ihrem Sound von Zigarettenrauch und möglicherweise Bourbon, ein schönes Echo jener Ära, in der ein Dashiell Hammett sich mit Lillian Hellman Gefechte lieferte und Dorothy Parker messerscharfe Bemerkungen dazwischenwarf, falls man sich nicht gerade wieder mit Mary McCarthy duellierte.

Der Sound solcher dunklen Frauenstimmen fehlt natürlich in Deutschland. Weshalb es anrührt, wie sehnsuchtsvoll Strubel in ihrer Zuneigung zu Didion ist, ja wie besitzergreifend: Es sei nur ein kleiner Kreis, der Didion kenne, eigentlich nur Strubel-Freunde. Na, vielleicht noch Elisabeth Raether, 29 Jahre jung, die in der taz bedauert, wie wenige doch Didion zur Kenntnis nähmen, nichts da als »zehn Jahre alte Interviews irgendwo im Internet«.

Das ist falsch. Das Buch selbst bewirbt sich mit lobenden Didion-Rezensionen aus allen großen deutschen Zeitungen. Es ist auf interessante Weise falsch. Da erfindet sich eine Frauengeneration eine eigene Stunde null für ihre Geburt als Neue deutsche Mädchen, so der Titel des Buches von Elisabeth Raether, das sie im letzten Herbst zusammen mit Jana Hensel veröffentlicht hat. Ein Beitrag zum neuen deutschen Feminismus, in Abwehr eines alten. Da werden weibliche Traditionen verdrängt und Vorbilder bewusst ignoriert. Wieso eigentlich? Und: Wie wirken sich solche Neuanfänge aus?

»Die Diskussion ist wie ein Schluckauf«, sagt, belustigt, Silvia Bovenschen, deren Buch Die imaginierte Weiblichkeit vor Jahrzehnten eine Diskussion anstieß und noch heute Kult ist, wenn auch leiser als der um eine Sontag. Immer wieder gehe es von vorn los, »als wäre nie etwas gedacht worden!«, sagt Bovenschen. So sei es schon vor 30 Jahren passiert. Die Debatte läuft in Schleifen zum Ausgangspunkt zurück. Kein Wunder, dass Frauen nicht vorankommen. Man kann es auch als Verweigerung sehen, sich weiter nach vorn zu wagen.

 

Die Rolle der intellektuellen Frau ist nicht deutlich gezeichnet

Ein deutsches Phänomen, findet die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun, die in Italien aufwuchs, in Frankreich und Amerika gelehrt hat und zum Wintersemester an der Humboldt-Universität zu Berlin als Graduiertenkolleg »Geschlecht als Wissenskategorie« anbietet. Fragt man Braun, warum sich in Deutschland Frauen immer wieder zurücknähmen, sagt sie, das Problem sei eine Abwehr des Mutterbildes, und zwar weniger das der Nazis als das des Weiblichkeitsideals der fünfziger Jahre.

Sie beschreibt es – die Hausfrau, die Gattin, die aufopferungsvolle Weiblichkeit. Die gewählte Abstinenz von einer öffentlichen Rolle. Der dezidierte Nichtintellektualismus, der in dieser Rolle liegt. Die Rolle der intellektuellen Frau ist nicht deutlich vorgezeichnet. »Ich bitte Sie, wenn bei uns eine Alice Schwarzer als große Emanzipationsfigur gilt…«, sagt Braun. »Alice Schwarzer!«, sagt Bovenschen. Und erinnert sich, wie die Debatte um den Paragrafen 218 in alle Diskussionen »hineingegrätscht« sei, alle anderen Themen aus dem Feld geschlagen habe. Das hielt die Mädchen beschäftigt. Frauen verpassten es, sich in jene Zeitdebatten einzumischen, in denen Didion und Sontag prominente Rollen spielten. In differenzierten Essays, nicht als Stichwortgeberinnen in Talkshows.

Die Aufsätze von Didion und Sontag sind in großen Magazinen erschienen. Copyright: The New Yorker . Oder: Vanity Fair . Oder: Life . Eine Sontag oder Didion fand Redakteure und Verleger, die sie nach vorn brachten, weil sie ihr Glamour-Potenzial erkannten. Männer also, die Frauen etwas zutrauten. Wie die Dinge laufen können, erzählt Bovenschen, habe sie nach der Veröffentlichung ihres ersten Buches erfahren. Sofort Nachdrucke in Amerika! Und die Offerte für eine Reise zu Vorträgen an vier, fünf Universitäten, übrigens hoch bezahlt! Leider musste sie absagen, aus Krankheitsgründen. Nicht dass es in Deutschland keine Angebote gegeben hätte. Aber es war eine andere Öffentlichkeit. Vortrag in Bielefeld für 150 Mark, so in der Art.

Frauen mit starker Meinung werden nach ihrer Frisur beurteilt

Bei uns, sagt Braun, traue die Öffentlichkeit dem Denken der Frauen nicht. Mehr noch – trauten sich Frauen etwas zu, werde das nicht gerne gesehen. So ist es: Frauen, die eine starke Meinung haben, werden vor allen Dingen als Frauen gesehen. Man schaut auf ihre Frisur, die Schuhe, siehe oben.

»Schriftsteller sollten uns mit dem, was sie tun, frei machen, lockern, aufrütteln. Sie sollten dem Mitgefühl und neuen Interessen neue Wege bahnen…«, sagte Susan Sontag, als sie im Mai 2001 den Jerusalem-Preis entgegennahm, in einer Rede, die auch der neue Band enthält, und definiert für sich eine grandiose Rolle, ohne Bescheidenheit. Anlässlich von 9/11 kommentierte Sontag die amerikanische Außenpolitik und entfachte eine internationale Debatte, in diesem Band hochspannend nachzulesen. Es fällt schwer, sich in der deutschen Landschaft eine Frau zu denken, die sich so zu produzieren wagte. Man hört aber deutsche Professorinnen darüber kichern, wie man sich in der Fakultätssitzung kleiner, zarter, harmloser mache, um den Testosteronspiegel der Kollegen nicht in Wallung zu bringen, die sich so sehr provoziert fühlen angesichts anschwellender Frauenkonkurrenz, von etwa 5 auf weniger als 15 Prozent in 20 Jahren.

Eine Sontag leistet es sich genüsslich, in wenigen Sätzen von Goethe zu Dr. Johnson zu wandern und über Dostojewskij zu Halldor Laxness und immer wieder in großen Ellipsen zurückzukommen auf Oscar Wilde, auch so einer, der Selbstbewusstsein zur Kunst stilisiert hat. Didion gelingt das Kunststück, Selbstzweifel im Stile des legendären Stadtneurotikers kokettierend vorzutragen – und stellt dem entgegen ein Selbst, das in der Ahnenreihe ihrer Vorfahren steht, Pionierinnen auf dem Treck nach Westen, ohne Furcht vor irgendwas. Didion beschreibt eine dieser Frauen, wie sie im bodenlangen Lederkostüm aus der Werkstatt eines der teuersten Schneider des Landes auf einem Fels in der Wüste der Sierra Nevada steht, an den Füßen kleine Stiefel, aus denen des Morgens die Skorpione geschüttelt wurden und unter denen gerade nichts ist als jener messerscharfe Vorsprung aus Granit, von dem aus sie in die Wüste blickt, in der die Kinder auf den Trecks damals gelegentlich verdurstet sind. Aber es gab trotzdem einen Ausblick auf bessere Zeiten von diesem steinigen Felsen aus. Besser kann man nicht in Szene setzen, was Didion »eine Extravaganz des Geistes« nennt. Man sucht diese Extravaganz in Deutschland vergebens. Vielleicht könnte man sie bei den tapferen Trümmerfrauen entdecken, dann sieht man Eva Mattes vor sich, wie sie mit rutschenden Söckchen den Kinderwagen durch die Trümmer Berlins schiebt, vor Augen die Scham Deutschlands, nun, es ist nicht dasselbe.

So liest man also mit ein wenig Neid die Essays von Didion und Sontag, eine Gattung übrigens, die dem deutschen Geist natürlich zuwiderläuft. Der Essay sei bei uns ja eine Kümmerform, sagt Bovenschen, der erst vor zwei Jahren gelang, mit aphoristischen Betrachtungen, Älter werden, einen Publikumserfolg zu erringen. »Sontag und Didion schreiben journalistisch!«, sagt Braun, »und das ist bei uns ein Totschlagargument – unseriös!« Sie selbst hat letztes Jahr mit Bettina Mathes ein 500-seitiges Werk über die Rolle der Frau zwischen Islam und Westen veröffentlicht, Verschleierte Wirklichkeit , sie sehne sich jetzt nach Zeiten, wo sie befreit sei vom deutschen Fußnotenwesen, wieder ausdrücken könne, was sie wolle.

Das klingt kampfeslustig. Aber wie aussichtsreich ist es, dass in Zukunft auch in Deutschland Frauen auf der Bühne stehen, sich einmischend, und Gehör finden? Fragen wir Barbara Hahn, die über Hannah Arendt habilitierte und wie diese nach Amerika gegangen ist, wo sie als distinguished professor of German zunächst in Princeton und nun an der Vanderbilt University lehrt und nur gelegentlich nach Berlin zurückkommt. »In Deutschland braucht es keine Frauen«, sagt Barbara Hahn. »Das ist doch die furchtbare Tradition in Deutschland.«

Sie sagt: »Wenn ich bei einer Dinnerparty in Berlin sage, dass ich den neuen Wehler über die Geschichte der Bundesrepublik nicht kenne, gelte ich als ignorant. Aber wenn einer das neue Buch von Frau X nicht liest, ist es vollkommen egal.«

Wer wäre denn Frau X?

»Ach setzen Sie doch ein, wen Sie wollen!«

Okay: Susan Sontag!

Also da muss Barbara Hahn schallend lachen. »Susan Sontag ist in diesem Sinne keine Frau«, sagt Barbara Hahn: »Die wird doch ernsthaft gelesen.«