Chinas Millionäre Goldjunge aus Tianjin

Mit Kräutern und Tabletten hat Li Jinyuan ein Milliardenvermögen erwirtschaftet. Typisch für die jüngste Generation chinesischer Superreicher: Sie sind Unternehmer statt Bonzen, Selbstdarsteller statt Funktionäre.

Li Jinyuan will entspannt wirken. Der beleibte 50-Jährige trägt einen weitgeschnittenen Nadelstreifenanzug mit weißem Hemd und lila Schlips. Er sitzt auf einem breiten, schwarzen Ledersofa, leicht zurückgelehnt, die Beine übergeschlagen. »Mein Lieblingsprodukt ist Wurmgras«, sagt Li Jinyuan gleich nach der Begrüßung. »Das nehme ich jeden Tag.« Er schaut zum Fenster hinaus.

Das Vermögen des Li Jinyuan wird auf zwei Milliarden Dollar geschätzt. In der Weltliga der Superreichen gehört er damit zum oberen Mittelfeld, aber hier in China sind nur 35 Menschen reicher als er. Li zeigt seinen Reichtum gern.

In seinem Büro gibt es zwei Marmorsäulen, sie sind mit weißen Löwen verziert. Vor einem gluckernden Aquarium steht ein ausgestopftes Reh. Alles, was hier glänzt, ist aus Gold: die Vase im Glaskasten neben seinem Sofa, der Löwe mit Flügeln auf seinem Schreibtisch. Die Decke ist goldbeschlagen. Die Bücher im Regal sind golden eingebunden.

»Ich weiß um die besondere Wirkung des Wurmgrases«, redet Li weiter, »ich nehme es seit zehn Jahren.« Er bleibt bei seinem Thema. Es ist das Kraut, das ihn reich gemacht hat. »Am Anfang stand die Idee, Wurmgras im ganzen Land zu verkaufen«, sagt Li.

Heute verkauft Li Wurmgras in der ganzen Welt. Seine Firma heißt Tiens und versorgt nach eigenen Angaben im Direktverkauf regelmäßig 16 Millionen Haushalte in 190 Ländern mit einer bunten Produktpalette von chinesischen Heilmitteln über Kalziumtabletten bis hin zum Pulverkaffee.

In Russland sitzen die meisten Abnehmer, aber auch in Deutschland sind 60.000 Familien als Tiens-Kunden registriert. Weltweit beschäftigt die Firma mehr als neun Millionen Direktverkäufer, festangestellt sind 5.000 Mitarbeiter. Ein kleiner Firmenbereich ist an der amerikanischen Börse notiert.

90 Prozent des Unternehmens gehören Li selbst, und über Umsätze und Gewinne sagt er nichts. Man weiß nur, dass dieser Mann aus der Hafenmetropole Tianjin bei Peking sein gewaltiges Vermögen mit dieser Firma verdient hat. Und dass viele in China ihn verehren und für ein großes Vorbild halten.

Andere sehen ihn kritisch. »Er benimmt sich fast wie ein Religionsführer«, sagt Rupert Hoogewerf, Herausgeber des in Shanghai erscheinenden Hurun Report, der jedes Jahr eine Liste der reichsten Menschen Chinas zusammenstellt. Tatsächlich schafft es Li, ganze Stadien mit seinen Kunden und Vertriebsleuten zu füllen: zum Beispiel kürzlich in Indonesien, wo er sich mit einem Hubschrauber in die Arena einfliegen ließ. Oder im Juli, als er Südafrika besuchte. Danach stand auf seiner eigenen Webseite zu lesen: »Die Flughafenhalle verwandelte sich in ein wahres Freudenmeer. Trommel und Gong wurden geschlagen, als ob sie den endlosen Himmel durchdringen könnten. Steuermann Li winkte zu den Begüßungsmassen.«

Solche Selbstherrlichkeiten will sich Li im Gespräch nicht anmerken lassen. Doch manchmal scheinen sie durch. Sein Charakter, sagt Li über Li, sei von den gutmütigen, hilfsbereiten Großeltern geprägt worden. Schon als Kind habe er einen Drang zur Selbstständigkeit entwickelt und nicht mit Gleichaltrigen gespielt. Als Zwanzigjähriger habe er sich aus Enthusiasmus der Arbeitsbrigade auf einem Erdölfeld angeschlossen. »Ich habe viel von den Arbeitern gelernt«, sagt Li.

So erzählt er aus seiner Jugend wie aus einem maoistischen Märchen und lässt dem gleich das kapitalistische Märchen der Tiens-Gründung folgen. »Mir konnte keiner helfen, nur mein Wille, nur meine Kraft«, sagt er über die schwierige Gründerzeit. Das war Mitte der Neunziger Jahre, als er beinahe scheiterte, sich hoch verschuldete, gar einen Selbstmordversuch in einem eisbedeckten Teich unternahm. Damals habe er sogar seinen Mercedes verkaufen müssen, um die ausstehenden Löhne der Arbeiter zu bezahlen, sagt der Selfmade-Milliardär.

Für den Reichenkenner Hoogewerf repräsentiert Li eine neue Generation chinesischer Unternehmer, die sich weitgehend ohne Parteibeziehungen und Korruption aus eigener Kraft nach oben gewirtschaftet hätten. Sie begännen heute damit, ihre Firmen auch nach außen transparenter zu führen. Dass Li inzwischen Interviews gewähre, zeuge davon. »Li verkauft seine Produkte vor allem im Ausland. Schon deshalb ist er in China politisch einflusslos. Dafür hat er Tiens zu einem echten multinationalen Konzern gemacht«, sagt Hoogewerf.

Wer Li allerdings als Wohltäter in Peking erlebt, dem wachsen Zweifel daran, dass der Unternehmer wirklich keinen Einfluss sucht.

Li Jinyuan hat zur Gründung des Li-Jinyuan-Fonds in die Große Halle des Volkes geladen. Plakate mit seinem Abbild, überlebensgroß, zieren die Säle, in denen sonst nur Politbüromitglieder empfangen. 18 Schulmädchen tanzen in uigurischen Trachten und singen: »Dankbares Herz. Ich bin dankbar, dass es dich gibt.« Der Dank gilt Li.

An diesem Tag spendet der Unternehmer umgerechnet drei Millionen Euro für Behinderte. In den vergangenen fünf Jahren hat er 22 Millionen Dollar für wohltätige Zwecke gegeben und zählt damit zu den großen Wohltätern des Landes. Er nutzt dies für seine Auftritte.

Als auf der anschließenden Pressekonferenz wieder einmal nach einer alten Geschichte gefragt wird, nach Schwindelvorwürfen, bleibt Li gelassen. Immer mal wieder haben ehemalige Tiens-Mitarbeiter Gerüchte verbreitet, seine teuren Produkte seien in Wahrheit medizinisch wirkungslos. »Wenn man in einer modernen Gesellschaft lebt, sind Klatsch und Tratsch ganz normal«, entgegnet er. »Es können nicht alle das Gleiche denken.« Weitere Reporterkritik bleibt ihm erspart. Die Fernsehfrau lächelt ihn an. Sie ist eine sehr hübsche Frau. Li bleibt ernst.

Auf Dauer langweilt es ihn, immer nur Wurmgrastabletten zu verkaufen. Li will irgendwann mehr als nur ein Unternehmer sein. Er trifft Persönlichkeiten wie Michail Gorbatschow, den Enkel Nelson Mandelas und den vietnamesischen Vizepräsidenten Nguyen Thi Doan.

»Ich bin fest davon überzeugt, dass die Zukunft noch schöner und harmonischer sein wird«, formuliert er. Je länger er auf seinem Sofa spricht, auf das er sich nach dem Bürorundgang wieder niedergelassen hat, desto freier sprudelt es aus ihm heraus.

Er holt weit aus, lobt Konfuzius, Marx, Mao, Deng Xiaoping und die heutige KP-Führung. Er referiert die Beschlüsse des 17. Parteitags der KP vor einem Jahr, die neue nachhaltige Entwicklungsstrategie, die auch den Umweltschutz betont. Er sagt, dass sich mit innovativer Technologie und wachsendem Konsum alle Probleme des Landes lösen lassen.

»Noch haben wir in China 800 Millionen Bauern. 400 Millionen von ihnen werden in die Städte ziehen. Es werden gleichzeitig neue Trabantenstädte und moderne Dörfer entstehen«, prophezeit er. Der Milliardär spricht vom endlos notwendigen Bau neuer Autobahnen, Schnellzugverbindungen und Flughäfen. Und er selbst würde gern eine neue Spitzenuniversität errichten, die es mit Harvard aufnehmen kann.

Dann zeigt er die Skizzen für ein neues Firmengelände mit Nachbauten der Verbotenen Stadt, des Weißen Hauses und des Schlosses von Versailles. Der Pillenhändler Li Jinyuan ist ein Mann mit hochfliegenden Zukunftsplänen. »Meine Lieblingsbeschäftigung ist es, neue Ideen zu entwickeln«, sagt er. Man glaubt es ihm.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 05.09.2008 um 9:45 Uhr

    .. wer hätte das gedacht. Frage an die Zeit-Redaktion: Ist die Information des Reichtums der Reichen jetzt das Gebot der Stunde? Wem nutzt es und wem dient es? Die Verlockung des Geldes und der Macht ist, um in einem Vergleich zu sprechen, eine syphilitische Infektion des sozialen Habitus eines Individuums, mit dem Unterschied, dass die Gefahr der Ansteckung auf viele nahezu gegen Null ist. Das Geld gleicht einer vulgären Öffnung, einem Schlunde, in dem das Treponema Pallidum sein Unwesen treibt.

  1. gehen uns jetzt die Themen aus oder was soll ein solcher Artikel?Sind das jetzt unsere neuen Helden, Menschen, die durch Habgier, Rücksichtslosigkeit und anderen schönen Dingen zu Geld gekommen sind? Was interessieren mich solche Typen, die durch höchst bedenkliche Vertriebsmethoden reich geworden sind und nun meinen, den dicken Larry raushängen zu lassen. Davon haben wir doch hier bei uns auch welche.Oder soll nur der Sozialneid geweckt werden, aber da stellt die ZEIT wohl (noch) nicht das richtige Klientel, obwohl ich in letzter Zeit bei mancher Schlagzeile schon an die unselige BILD erinnert wurde. Ider tauscht man jetzt die Mitarbeiter im Jobsharing untereinander aus?Auch wenn der kritische Journalismus in Deutschland so ziemlich verschwunden ist, wünsche ich mir doch wenigstens eine Nische für halbwegs vernünftige Reportagen und Hintergrundberichte, aber demnächst gibt es hier wohl auch einen Bericht, wenn Kahn's Hund Würmer hat.Naja, wer braucht huete noch wirkliche Aufklärung?

  2. Nun also wieder neoliberaler Friede, Freude, Eierkuchen und die Reichen haben sich ihren Reichtum selbst erarbeitet? Stimmt nicht. Die rund 3200 chinesischen Multimillionäre sind zu
    91 Prozent Kinder von hochrangigen Funktionären der KP. (http://sportnetzwerk.eu/?...) Wenigstens das sollte man dazu schreiben, um nicht nur manipulativ unterwegs zu sein...

  3. Leider bin ich erst jetzt auf diesen ziemlich unkritischen Artikel im Zusammenhang mit Recherchen über dubiose Geschäftemacher in Afrika gestossen. Die Tiens-Gruppe gehört zu den MLM-Multi-Level-Marketing Firmen, verschönend "Direktverkauf" genannt, zu denen auch beispielsweise US-Firmen wie Herbalife und Amway gehören. MLM-Firmen haben einige Ähnlichkeit mit Pyramid-Schemes. MLM Direktverkäufer, das sind Leute, die ständig neue Verkäufer rekrutieren müssen, und von denen sehr sehr wenige sehr viel Geld verdienen und viele, sehr viele,mehr als 90%,letztlich sehr sehr wenig, bzw.so gut wie nichts. Hinzu kommt bei der Firma Tiens erschwerend, dass sie wirkungslose "Gesundheitsprodukte" nach Diagnosen mit "Hokuspokusmaschinen" verkauft, und das in afrikanischen Ländern, die von Malaria, HIV-AIDS, Durchfallerkrankungen etc heimgesucht werden. Klar, dass die Medizin den Patienten nicht helfen kann, und damit gefährlich ist, weil die Patienten dann möglicherweise zu spät effektive Hilfe bekommen.
    Siehe auch: Chinesische Firmen springen auf den MLM-Zug
    http://oraclesyndicate.tw...

    Dr. Alexander von Paleske
    Leitender Arzt
    Bulawayo/Simbabwe
    ex Rechtsanwalt beim Landgericht Frankfurt (M)

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  • Quelle DIE ZEIT, 04.09.2008 Nr. 37
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  • Schlagworte Arbeit | Einkommen | China
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