Filmfestspiele Im Hier und Jetzt

Die Filmfestspiele in Venedig enttäuschen. Grandios sind nur die Filme von Christian Petzold und Marco Bechis

Kein Mensch kann einem Festival übel nehmen, dass es Filme zeigt, die ihr Thema verfehlen, eine Form überstrapazieren oder an ihrem eigenen Anspruch scheitern. Was aber, wenn es Filme zeigt, bei denen Thema, Form und Anspruch gar nicht erst zu erkennen sind? Über Tage hinweg wirkte das Programm der Filmfestspiele von Venedig so, als habe ihr Leiter Marco Müller auf dem großen Wühltisch des Kinos nur die allerletzten Reste ergattern können: eingelaufene Ausschussware des internationalen Autorenkinos, Ramschfilme mit verwaschenen Farben und fehlerhaften Nähten.

Was hat dort der französische Film L’autre zu suchen, der in schal designten Bildern das Leiden einer fünfzigjährigen Frau ausstellt, die ihrem Geliebten hinterhertrauert? Den Hammer, den sich die Schauspielerin Dominique Blanc auf dem Gipfel ihres Selbstzerstörungstrips gegen den Schädel schlägt, hätte man lieber auf die Kamera niedersausen sehen. Statt Barbet Schroeders japanischem Edgar-Wallace-Abklatsch Inju über mordende Phantomschriftsteller würde man sich lieber gleich Das Phantom von Soho mit Elisabeth Flickenschild anschauen.

Gut, es gehört zur Chronistenpflicht eines Festivals, den neuen Spielfilm von Werner Schroeter zu zeigen. Nuit de Chien spielt in irgendeinem Land zu irgendeiner Zeit in einer nächtlichen Hafenstadt. Schergen der Diktatur bekämpfen Rebellen, an den Quais warten die Flüchtlinge, und im Puff treffen Männer mit schwarzen Lederjacken auf Frauen in roten Kleidern. Dazwischen sucht ein Mann melancholischen Blickes seine frühere Geliebte. Mit langsamen Kamerafahrten und stilisierten Totalen verharrt Schroeter bei der Künstlichkeit und den Überhöhungen von einst. Es ist eine reflexhafte Ästhetik, eine Form, der das Thema abhanden gekommen ist. Nuit de Chien wird zur Parabel, die auf nichts als sich selbst verweist.

Ein obsessiver Film über den deutschen Osten

Denn sie wissen nicht, was sie tun – scheint das Motto zu sein, das über all diesen Werken schwebt. Kaum je hatte man auf einem großen Filmfestival so sehr das Gefühl, seine Lebenszeit im Kinosessel zu verschwenden. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass die Wahl zwischen dem dunklen Saal und einem bei 29 Grad und Meeresblick eingenommenen rot leuchtenden venezianischen Aperitif in diesen Lido-Tagen nicht immer zugunsten der Kunst ausfallen kann.

Und doch ragen zwei Filme aus der allgemeinen Beliebigkeit heraus, weil ihre Regisseure Christian Petzold und Marco Bechis bis in den letzten Winkel jeder Einstellung wissen, was sie tun. In Jerichow erzählt Petzold von drei Menschen in einer Geld- und Liebesverstrickung. Ali (Hilmi Sözer) ist ein türkischer Geschäftsmann, der in Brandenburg ein Imbissbuden-Imperium aufgebaut hat. Doch wie sein Haus und sein großes Auto hat er sich letztlich auch seine Existenz gekauft. Und eine schöne Frau. Mit Laura (Nina Hoss) lebt er einen Tauschhandel von Geld und Gefühlen, der durch das Auftauchen des Exsoldaten Thomas (Benno Fürmann) aus dem Gleichgewicht gerät. Petzold folgt diesen drei Menschen durch eine Region, deren Unwirtlichkeit auch die Gefühle infiziert. Er zeigt sie auf Durchfahrtsstraßen und in Kleingewerbegebieten, auf Raststätten, vor Einkaufszentren, im Auto, immer in Bewegung.

Von Anfang an entwickelt Jerichow einen fast physisch erfahrbaren Sog. Er entsteht durch Bilder, die in ihrer lichten Klarheit den deutschen Osten zeigen und doch die Abstraktionskraft einer großen Kinoerzählung besitzen. Und durch Schauspieler, deren Blicke und Körper den Dialogen immer einen Schritt voraus sind. Hilmi Sözer, der den Aufsteiger mit einer Mischung aus felsenhafter Selbstsicherheit und stiller Verzweiflung spielt. Nina Hoss, die zwischen Abgekämpftheit und schlampenhafter Härte schwankt. Benno Fürmann, dessen einsame Körperlichkeit manchmal kaum zu ertragen ist. All das verbindet sich in Jerichow zu einem Rhythmus, der so zwingend und obsessiv vorandrängt, dass die eigentliche Obsession kaum erzählt werden muss. In diesem Film ist die Leidenschaft ein hastiger Kuss. Oder ein Biss in die Hand, von dem man nur die Spuren sieht. Hier wird der deutsche Wald zum nächtlichen Sehnsuchtsraum, in dem die Körper verschwinden und aus dem sie wie Phantome heraustreten.

Drei Menschen, die ihrer Heimatlosigkeit ins Gesicht blicken

Einmal sieht man die drei beim Picknick am Meer. Ali ist schwer betrunken und schwärmt zu türkischer Musik von der Heimat, die er kaum kennt. Dann nötigt er Laura und Thomas, miteinander zu tanzen. Es ist die Angeberei des Mackers, der seine Frau wie ein teures Auto vorführt, mit dem der andere auch mal fahren darf. Es ist die selbstzerstörerische Geste eines Mannes, der ahnt, dass seine Liebe nie erwidert werden wird. Und das Hier und Jetzt dreier Menschen, die an einem wunderschönen Strand ihrer Heimatlosigkeit ins Gesicht blicken.

Womöglich ist es kein Zufall, dass die beiden bisher besten Filme dieses Wettbewerbs die Kamera auf versehrte Regionen richten. Oder umgekehrt: Wenn wache Regisseure wie Christian Petzold oder der Italiener Marco Bechis auf eine Landschaft blicken, dann kommt das Kino gar nicht umhin, auch Bilderpolitik zu sein. In Bechis’ Film The Birdwatcher fährt die Kamera erst über den brasilianischen Urwald und dann über die Weite eines gerodeten Terrains. Die Fahrt erzählt vom Verlust des Lebensraumes und vom Fluch der Globalisierung, von denen, die das Land bewirtschaften und denen, die davon vertrieben wurden: Eine Handvoll Indios besetzt das Feld eines weißen Großgrundbesitzers, um sich einen Teil ihrer Mythologie und Geschichte zurückzuholen. Auch hier ist das Maß der Erzählung der einzelne Mensch, seine Sehnsucht, seine Angst und Begierde.

The Birdwatcher braucht keine lineare Handlung, weil er sich ganz auf die Lebenswirklichkeit seiner Figuren einlässt und auf das, was dahinterliegt. Er zeigt die Grundbesitzertöchter, die bei Fliegensummen am Pool dösen. Er filmt die Indios in ihren kargen Plastikzelten und den weißen Aufseher, der sie in seinem nicht minder kargen Wohnwagen bewacht. Immer wieder eröffnen die Bilder einen mystischen Raum, in dem Körper erst einmal Körper sind und dann erst jung oder alt, weiß oder braun, reich oder arm. Hier ist der Dschungel ein magisches System, in dem sich Menschen in kurzen utopischen Liebesmomenten begegnen. Und dann wieder ein Wald, an dessen Bäumen sich Indios erhängen.

Vielleicht sollte man den mauen Wettbewerb des Festivals an dieser Stelle anhalten. Vielleicht könnte man die Preise einfach auf Jerichow und The Birdwatcher verteilen. Zugegeben, es wäre nicht fair gegenüber den Werken, die da noch kommen mögen. Aber es wäre eine verführerische, irgendwie konsequente, mit noch mehr rot leuchtenden Getränken zu begleitende Option.

 
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