Ein Tabubruch ist angekündigt, und so lauthals, wie alle sich darauf freuen, muss es sich um ein tief sitzendes Tabu handeln. Seit Wochen feiern die deutschen Medien Andreas Dresens neuen Film. Endlich bekämen wir nackte Alte zu sehen! Endlich Sex mit Falten! Endlich unkaschiert! Es schwingt eine schlecht verhohlene Angstlust in diesen Elogen mit, deren Verfasser den grassierenden Jugendwahn geißeln, aber dabei eine jugendliche Perspektive einnehmen. Sie bestaunen das unwahrscheinliche Liebesleben der Generation Vorruhestand, als hätten sie selbst keine Falten und so glatte Affären wie die Stars im Mainstreamkino. Auch für sie ist nur junger Sex schön. Sex im Alter ist hässlich, er erinnert ans Sterben, deshalb muss er die Ausnahme bleiben. Gegen dieses Tabu polemisiert Dresen auf radikal ehrliche Weise. Er entlarvt unsere aufgeklärte Gesellschaft als prüde und zeigt, dass die Prüderie nicht nur unsere Körper, sondern auch unsere Gefühle betrifft.

Auf dem Höhepunkt von Wolke 9 sind die Helden jedenfalls bekleidet. Der Ehekrach findet in keuschen Kostümen in der verschlissenen Kulisse eines langen gemeinsamen Lebens statt, irgendwo in Berlin. Inge trägt ein türkisfarbenes Alte-Damen-T-Shirt, Werner ein kariertes Altherrenhemd, typische Rentnermode für erotisch Tote. »Schämst du dich nicht in deinem Alter?«, schreit der über 70-Jährige die über 60-Jährige an, die ihn mit einem fast 80-Jährigen betrügt. »Was hat das mit dem Alter zu tun?«, entgegnet sie trotzig. »Mensch«, schimpft er flehentlich, »wir haben dreißig Jahre zusammengelebt. Sei doch nicht so ein dummes Gör!«

Das Bügelbrett steht gleich neben dem Ehebett

Die kindische Alte, die sich zur Unzeit verliebt, ist eine emanzipierte Variante des lüsternen Opas, des senex amans, der erstmals in den Apokryphen auftaucht und fortan als peinliche Figur durch die Literatur geistert. Werner weiß das, auch wenn er es nicht ausspricht, denn er war früher Deutschlehrer. Vielleicht denkt er an Kleists Dorfrichter Adam oder Heinrich Manns Professor Unrat, während er seine Frau beschimpft. Vielleicht denkt er auch an die Fernsehkomödien, in denen rüstige Senioren Bratkartoffelverhältnisse pflegen. Seine Inge mit dem gefärbten Haar will also eine Romanze haben? Da wird der stoische Graubart selber zum unwürdigen Greis, der Untertassen zerdeppert, seine weinende Frau höhnisch fragt, ob sie sich einen Jüngeren geangelt habe und ob der »besser fickt, oder was«.

Die Kostümszene illustriert den Liebeskonflikt drastischer als jede Nacktszene, denn man sieht an der Kleiderordnung, dass das Paar sich bereits auf ewige Zweisamkeit eingerichtet hat. Aber plötzlich beansprucht Inge ihr Recht auf Leidenschaft, Unvernunft, Rebellion. Die Küchentapete mit dem Blumentopfmuster bildet dazu einen traurigen Kontrast. Inge steht in der Wohnung wie Besuch im Pflegeheim. Wohin mit ihrer Sehnsucht? Die Kamera misst den engen Spielraum aus, den normale Rentner im Zeitalter der Tantrakurse und Pornovideos für ureigene Wünsche haben. Mag sein, dass pensionierte Topmanager Topmodels heiraten. Mag sein, dass in der gehobenen Torschlusspanikliteratur eines Philip Roth, John Updike, Martin Walser die ältlichen Intellektuellen von immer jüngeren Verehrerinnen beglückt werden. Doch ungeliftete Durchschnittsgroßeltern, von denen Wolke 9 handelt, sollen sich weiterhin verleugnen.

So sitzt Inge zu Beginn des Films auch an ihrer Nähmaschine. Gleichmäßig rattert die Nadel, sorgsam prüfen raue Hände die Naht. Die Heldin hat ein Maßband um den Hals. Das Bügelbrett steht gleich neben dem Ehebett. Es ist eine Schlafzimmersituation aus dem wahren Leben: fleißige Heimarbeit als Allegorie der Alterskeuschheit. Dresen hatte schon immer ein Talent für ungeschminkte Werktagsgesichter, jetzt hat er es auf Allerweltskörper angewendet und den intimsten Film seit Bernardo Bertoluccis Letzter Tango in Paris gedreht. Dresen erzählt bildhaft, fast ohne Worte, in ruhigen Einstellungen. Wir sehen Inge einen Parkweg entlanglaufen. Ein Treppenhaus, eine Wohnungstür. Es öffnet ein Herr im Unterhemd, der einige Schrecksekunden braucht, um zu begreifen, dass die Schneiderin ihm die fertige Hose persönlich vorbeibringt. »Komm’ Se rein«, sagt Karl zu Inge. Zwei Minuten später liegen sie nackt auf dem Teppich und machen, wie man so sagt, Liebe.

Der Regisseur drückt sich unverblümter aus. Ohne Weichzeichner, im hellen Tageslicht filmt er die Gelegenheitsehebrecher. Zart berührt die altersfleckige Hand des Mannes die Wange der Frau. Vorsichtig küssen sie sich. Es folgt umständliches Ausziehen von Unterwäsche. Magere Waden und schwere Brüste in lustvoller Umklammerung. Weil Dresen ein Meister der Einfühlung ist, behalten die Alten ihre Würde. Keine wohltemperierte Choreografie der Gefühle, kein gekünsteltes Stöhnen zu pompöser Musik. Man hört nur das Bimmeln eines Eiswagens. Lakonisch verteidigt der Film die Realität gegen die gewohnheitsmäßige Lüge des Hochglanzkinos.