Wenn die Angst zu groß wird, geht sie in den Park, an den kleinen See. »Die Bäume, das Wasser machen mich ruhiger«, sagt Estrellita. Das ist nicht ihr richtiger Name. Aber den will sie lieber nicht gedruckt sehen, nicht einmal in einer Zeitung jenseits des Atlantiks. Denn Estrellita ist illegal in den USA und damit eine von mindestens zwölf Millionen Menschen, die ohne Aufenthaltserlaubnis eingewandert sind. Im Jahr 2001 ist sie aus Kolumbien gekommen. Nach dem Studium von Volkswirtschaft und Politik sah sie in ihrer von Drogenmafia und Bürgerkrieg zerrissenen Heimat keine Chance. »Doch jetzt stecke ich in einem Teufelskreis.« Ob im Bus, beim Schaufensterbummel oder bei der Arbeit als Maniküre in einem Schönheitssalon: Ein ständiger Begleiter ist die Angst. Die Enddreißigerin fürchtet, aufgegriffen, eingesperrt und abgeschoben zu werden – ohne ihre Familie oder ihren Lebensgefährten in den USA wiederzusehen.

Die US-Regierung macht Jagd auf illegale Einwanderer – in ganz großem Stil. Die Zahl der Razzien hat sich in den vergangenen drei Jahren vervielfacht, einige Hunderttausend Illegale sitzen in Abschiebehaft. Ende August marschierten Agenten der Immigration-and-Customs-Enforcement-Behörde (ICE), einer Abteilung des Heimatschutzministeriums, bei Howard Industries ein. Bei dem Transformatorenhersteller aus Laurel, einer Kleinstadt mit 18.000 Einwohnern im Bundesstaat Mississippi, führten sie 595 Arbeiter ab, die meisten in Handschellen. Die Mehrheit kam sofort in ein ICE-Gefängnis, 100 durften mit einer elektronischen Fußfessel nach Hause, »aus humanitären Gründen«, wie eine ICE-Sprecherin Reportern erklärte, meist Mütter mit kleinen Kindern. Der Vorwurf gegen die Festgesetzten: keine Papiere oder falsche Papiere. Die Razzia war eine der größten bisher.

Die spektakulärste ICE-Aktion fand unterdessen in Iowa statt. Dort rückten die Agenten über Nacht mit Abschieberichtern, Übersetzern und Pflichtverteidigern ein. Ziel war Agriprocessors, eine Fleischfabrik in Postville, einem 3.000-Seelen-Dorf. 389 Schlachter, Metzger, Zurichter und Packer, allesamt Immigranten, wurden festgenommen und zum nahe gelegenen National-Cattle-Congress-Gelände verfrachtet. In der Anlage, wo sonst örtliche Farmer Viehschauen veranstalten, wurden innerhalb der folgenden 48 Stunden Abschiebeprozesse für die Verhafteten abgehalten. Die Arbeiter, mehrheitlich aus Guatemala und Mexiko und kaum in der Lage, der Verhandlung in Englisch zu folgen, wurden laut einem Augenzeugen in Zehnergruppen vorgeführt – mit Fesseln an Händen und Füßen.

Ohne die Illegalen käme keine Tomate auf amerikanische Tische

Ihr Verbrechen: Urkundenfälschung. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis. Sie hatten sich gefälschte Sozialversicherungsausweise besorgt, um eine Stelle in dem Betrieb zu bekommen. Die Angeklagten willigten gegen ein Schuldeingeständnis ein, für fünf Monate ins Gefängnis zu gehen und danach abgeschoben zu werden. Übersetzer beschwerten sich später über die Schnellgerichte, und die New York Times geißelte die Vorgänge als »die Schande von Postville«. Und das in einem Land, das wie kein anderes für die Chance steht, es ohne Ansehen der Person oder Herkunft zu Wohlstand und einem Platz in der Gesellschaft zu bringen.

Das Versprechen des amerikanischen Traums verankerten die Gründer 1776 in der Unabhängigkeitserklärung. Es ist ein tragendes Element des amerikanischen Selbstverständnisses, und deshalb wurden illegale Einwanderer stets geduldet, das ganze Staatswesen passte zu dieser Haltung: keine Meldepflichten, keine Pflicht, sich auszuweisen bei einfachen Verkehrskontrollen, nicht einmal einen Ausweis müssen Amerikaner besitzen. Und wenn Arbeitgeber an der vorgelegten Arbeitserlaubnis zweifeln – eine Überprüfung setzt sie möglicherweise einer Klage aus, Einwanderer zu diskriminieren.

Inzwischen verweisen Amerikaner zwar immer noch stolz auf ihre irischen, schottischen, italienischen und deutschen Vorfahren, die sich einst als Pioniere ins Unbekannte aufmachten und dort durch harte Arbeit durchsetzten. Gleichzeitig befürwortet ein wachsender Teil der Gesellschaft aber die härtere Gangart gegen jene Neuankömmlinge, die für niedrigste Löhne die dreckigsten Jobs übernehmen. BILD