Armut

Trendwende bei der Armut

Neue Zahlen zeigen, dass schon seit 2006 wieder weniger Menschen in Deutschland in Not leben.

Es ist erst ein paar Wochen her, da sorgte der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung für Schlagzeilen. »Soziale Kluft in Deutschland wächst«, titelte die Süddeutsche Zeitung, »Arbeit schützt vor Armut nicht«, mahnte die Frankfurter Rundschau, und die Financial Times Deutschland meldete: »Auch in Deutschland nimmt das Armutsproblem zu.« Einzelne Experten wie der Kölner Politologe Christoph Butterwegge malten ein düsteres Zukunftsbild: »Ohne die Lage zu dramatisieren, kann man prognostizieren, dass es in der Bundesrepublik künftig noch mehr (Kinder-)Armut geben wird.« Jetzt liegen neue Statistiken vor, die auf eine Trendwende hinweisen: Demnach steigt die Armut in Deutschland nicht an, sondern geht deutlich zurück – und das wahrscheinlich schon seit rund drei Jahren.

Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergab: Zwischen 2005 und 2006 sank der Anteil der als arm geltenden Bundesbürger von 18 auf 16,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das heißt: Binnen eines Jahres gelang es 1,2 Millionen Menschen, der Armutsfalle zu entfliehen. Die Ursache für diese Entwicklung vermuten Fachleute im wirtschaftlichen Aufschwung, der 2006 den Arbeitsmarkt erreichte. »Man sieht offenbar die ersten Auswirkungen der besseren Beschäftigungslage«, sagt der Frankfurter Armutsforscher Richard Hauser. »Arbeitslosigkeit«, erklärt der emeritierte Professor, »ist der dominierende Treiber der Armutsentwicklung.« Für 2007 und 2008 liegen bisher keine Daten vor. Doch da auch in diesem Zeitraum deutlich mehr Menschen wieder einen Arbeitsplatz gefunden haben, vermutet Hauser: »Wahrscheinlich ist die Armutsquote seither weiter gesunken.« Es wäre ein neuer Trend, nachdem fast zehn Jahre lang die Gruppe am unteren Rand wuchs.

Ein Single mit weniger als 891 Euro im Monat gilt als armutsgefährdet

Einen objektiven Maßstab für Armut gibt es nicht. In wohlhabenden Ländern gilt heute als arm, wer über deutlich weniger Geld verfügt als die große Masse der Bevölkerung. Die Grenze wird üblicherweise bei 60 Prozent des mittleren Einkommens gezogen. Wer weniger hat, gilt je nach Definition als »arm« oder »armutsgefährdet« (EU-Norm).

Berücksichtigt werden dabei das gesamte Einkommen nach Steuern und Sozialabgaben sowie alle Leistungen wie Kindergeld oder Sozialhilfe, außerdem die Zahl der davon lebenden Personen. Nach dieser Definition zählte 2006 ein Alleinstehender als arm oder armutsbedroht, wenn er monatlich über weniger als 891 Euro netto verfügte. Das ergibt sich aus den DIW-Zahlen.

Dass sich diese Armutslage nun verbessert hat, scheint vielen Statistiken zu widersprechen, die eine seit Jahren wachsende Lohnkluft in Deutschland belegen. Während die Gewinne und Einkommen aus Vermögen stark gestiegen sind, nahmen die Gehälter kaum zu. Und vor allem sank der durchschnittliche Arbeitslohn in den untersten Einkommensgruppen sogar noch weiter, wie Forscher der Universität Duisburg-Essen erst vor zwei Wochen meldeten. Um vierzehn Prozent sei das Durchschnittsentgelt der Geringverdiener zwischen 1995 und 2006 inflationsbereinigt gefallen. Die Niedriglöhner, so lautete das Fazit der Forscher, seien die Verlierer dieses Aufschwungs.

Kann da trotzdem die Armut abnehmen? »Das passt durchaus zusammen«, sagt Christoph Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Ziel der Reformpolitik sei es gewesen, schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose wieder in Jobs zu bringen. »Das ist zum Teil gelungen, aber es war klar, dass viele von ihnen eher zu geringen Löhnen wieder in Arbeit kommen.« Dadurch sinke zwar der durchschnittliche Lohn, aber die Einkommenssituation der Menschen verbessere sich. »Wer wirklich wissen will, wie sich der Wohlstand verbessert, darf deshalb nicht nur auf Durchschnittslöhne gucken«, sagt der Arbeitsmarktexperte.

Noch wollen nicht alle Experten an eine Trendwende glauben. Petra Böhnke, Armutsforscherin am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), hebt hervor, dass einige Berechnungsfaktoren in der DIW-Studie noch vorläufigen Charakter hätten. Außerdem verweist sie auf andere Daten, nach denen die Armutsquote nur geringfügig sinkt (zuvor allerdings auch nicht so rasant gestiegen ist). Politikwissenschaftler Butterwegge äußert grundsätzliche Zweifel gegenüber »manipulierbaren Befragungsdaten«. Die amtliche Statistik der Bundesagentur für Arbeit zeige hingegen, dass die Zahl der Kinder im Alter bis 15 Jahren in Hartz-IV-Haushalten noch bis März 2007 gestiegen sei. Allerdings nimmt auch diese Zahl seither ab.

Wer absteigt, bleibt länger einkommensschwach als früher

Anlass, sich zurückzulehnen, bieten die neuen Daten ohnehin nicht, auch wenn sie eine Trendwende signalisieren. Denn es sind zwar viele Menschen wieder näher an das mittlere Einkommen gerückt, gleichzeitig hat sich ebendieses aber kaum verbessert. Um die Inflation bereinigt, blieb es zwischen 2005 und 2006 praktisch unverändert. Außerdem beobachten Forscher, dass sich die Armut verfestigt. »Es steigen weniger Menschen ab, dafür sind mehr Betroffene über viele Jahre arm«, sagt Böhnke. Markus Grabka, der am DIW die Einkommensverteilung untersucht, meint gar, es drohe eine »Sockelarmut«.

Letztlich dürften heute immer noch mehr Menschen in Deutschland von Armut bedroht sein als in den neunziger Jahren. Damals traf es etwa jeden achten Bundesbürger, 2006 nach den neuen Zahlen jeden sechsten. Das entspricht 13,5 Millionen Männern, Frauen und Kindern, die sich am unteren Rand der Einkommensverteilung bewegen.

Die Konjunktur allein, die sich ohnehin schon wieder eintrübt, wird diese Probleme kaum lösen. Studien zeigen: Am häufigsten gehören Arbeitslose zu den Einkommensschwachen (etwa jeder Zweite). Gleich danach folgen aber Alleinerziehende und Einwanderer – etwa jeder Dritte von ihnen lebt unterhalb der Armutsschwelle. Beide Gruppen sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewachsen.

Zu drei Vierteln, sagt der Bonner Sozialforscher Meinhard Miegel, seien Einwanderung und mangelnde Integration dafür verantwortlich, dass die Zahl einkommensschwacher Haushalte steige. Mehr Singles und Alleinerziehende tragen ebenfalls zur Ungleichheit bei. Denn traditionelle Familien ebnen Unterschiede ein: Mal wird das hohe Einkommen eines Einzelnen auf viele Personen verteilt, mal dämpft der Partner im Fall von Arbeitslosigkeit den finanziellen Absturz. »Diese Umverteilungsfunktion der privaten Haushalte hat abgenommen«, sagt Joachim Frick, Sozialforscher am DIW. »Der Staat tut sich schwer, das auszugleichen.«

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Leser-Kommentare

  1. Miegel (das den überhaupt noch jemand ernsthaft als "Sozialforscher" bezeichnet... Wissenschaft ist das Streben nach Wahrheit nicht das Verbreiten von Ideologien und das Verwirklichen von Eigeninteressen) und andere Wirtschaftsliberale wollen die Armut wegreden und Butterwege und andere eher links orientierte wollen sie herbeireden. Alle Studien werden ideologisch ausgeschlachtet. Daran ändert auch die hundertste Studie nichts.
    Was objektiv richtig ist, bleibt auf der Strecke. Hängen bleibt beim Leser nur eine Schlagzeile nach dem Motto "es gibt gar keine Armut", ob das tatsächlich stimmt spielte ohnehin nie eine Rolle.
    Aber möglicherweise sollten wenigstens unsere anspruchsvolleren Medien diese Vorgehensweise hinterfragen und nicht einfach zusammentragen, dass alle immer noch das sagen, was sie schon immer gesagt haben.

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    @Veil of ...   BernhardS

    Zitat: "Aber möglicherweise sollten wenigstens unsere anspruchsvolleren Medien diese Vorgehensweise hinterfragen und nicht einfach zusammentragen, dass alle immer noch das sagen, was sie schon immer gesagt haben."

    Warum, glauben Sie, habe ich die Zeit abbestellt?

    Ich bin mal gespannt, wie lange sich Herr R. v. Heusinger bei der FR hält! Jedenfalls haben die Kölner Zeitungsherrscher die FR auf den Redaktionsstab zusammengestaucht. Und die alte FR war schon willfährig, die neuen Beherrscher der FR wissen erst recht Ihr Interesse zu wahren. Das muss zu erheblichen Spannungen führen...

    Zurück zur "Die Zeit": Es gibt keine nicht-manipulativen Printmedien mehr. Die Schere beginnt schon oft im Kopf, so dass ein "ehrenwerter" Journalist dies selbst nicht mehr bemerkt.

    Wann hat Herr Joffe sich das letzte Mal durch investigativen Journalismus hervorgetan? Das wäre eine Frage an die mitlesenden Redaktionsmitglieder.

    Arme Zeit, armes Deutschland. Tsss....

  2. Was in den ersten Zeilen noch so positiv klingt, wird dann auf der zweiten Seite ins Gegenteil verkehrt.
    Wenn der Meridian sinkt ist es ganz logisch, dass mehr Menschen die formale Armut nicht erreichen. Gewonnen hat die Bevölkerung demnach durch die Agenda nichts-einfach gar nichts......Armes Deutschland

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    kleine pedanterie   Chemical Brother

    Mit dem Meridian hat das wohl weniger etwas zu tun, als vielmehr mit dem Median.

    Ihre Kritik ist nicht ganz unberechtigt. Gleichzeitig aber muß man auch hinterfragen, welches Armutskonzept man anlegt. Man gilt in Deutschland als arm, wenn man weniger als 60% des Durchschnittseinkommens erhält. Für Singles sind das immerhin 780 Euro. Selbst wenn sich über Nacht alle Einkommen verdoppeln würden, wäre die Armut nicht verschwunden, weil sich dann auch die Armutsgrenze verdoppelt. Obwohl es allen deutlich besserginge, blieben die Armen statistisch arm.

    • 15.09.2008 um 9:37 Uhr
    • TDU

    Vielleicht haben wir wirklich nicht mehr so viel Arme. Nach der Interpretation der Ergebnisse im Artikel, können diese überwiegend höchstens in den Stand der Geringverdiener aufgestiegen sein. Und wieviel Güter, Urlaub usw. sich diese leisten können, wäre wohl auch mal eine Untersuchung wert.
    Denn sie bekommen keine Transferleistungen. Und an welcher Stelle da die Familien stehen, könnten sie vielleicht auch mal untersuchen. Vielleicht sind ja welche dabei, die zusammenbleiben und die Frau/ Mann trotzdem überwiegend allein erziehen, da Job und Wege den ganzen Tag in Anspruch nehmen. Das Erziehungsgeld dient ja, wie wir in der letzten Studie lesen konnten überwiegend der Deckung von Mindestbedarf.

  3. »Arbeitslosigkeit«, erklärt der emeritierte Professor, »ist der dominierende Treiber der Armutsentwicklung.«

    Wahnsinn, auf diese Erkenntnis wäre ich niemals gekommen. Wie gut, daß wir Wissenschaftler haben, die so hoch komplexe Schlussfolgerungen ziehen können.

  4. ist genau das Institut, was in dieser Sache aktiv werden muss. Machen wir doch gleich den Bock zum Gärtner. Kein Prof.Dr.Dr.?

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    Schlecht informiert   Friedrich Poeschel

    Das DIW ist, anders als das IW (Arbeitgeber) und das IMK (Gewerkschaften) unabhaengig und erfreut sich meines Wissens des besten wissenschaftlichen Rufs aller deutschen Institute in diesem Gebiet. Sie meinten wahrscheinlich das IW. Informieren Sie sich doch einfach mal.

  5. Das DIW ist, anders als das IW (Arbeitgeber) und das IMK (Gewerkschaften) unabhaengig und erfreut sich meines Wissens des besten wissenschaftlichen Rufs aller deutschen Institute in diesem Gebiet. Sie meinten wahrscheinlich das IW. Informieren Sie sich doch einfach mal.

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    Vielleicht doch...   soziales Gewissen

    nicht so frei? Wer bezahlt es denn ????

  6. Mit dem Meridian hat das wohl weniger etwas zu tun, als vielmehr mit dem Median.

    Ihre Kritik ist nicht ganz unberechtigt. Gleichzeitig aber muß man auch hinterfragen, welches Armutskonzept man anlegt. Man gilt in Deutschland als arm, wenn man weniger als 60% des Durchschnittseinkommens erhält. Für Singles sind das immerhin 780 Euro. Selbst wenn sich über Nacht alle Einkommen verdoppeln würden, wäre die Armut nicht verschwunden, weil sich dann auch die Armutsgrenze verdoppelt. Obwohl es allen deutlich besserginge, blieben die Armen statistisch arm.

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    Vielleicht ist es aber auch der Mittelwert? Vielleicht würde bei einer Verdoppelung der Einkommen u.U. (in einer Klassengesellschaft) sogar mehr "Armut" entstehen? Wer weiß, wer weiß.

    Fakt ist, dass neben dem Sinken des inflationsbereinigten Durchschnittsnettos der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seit Ende der 80er auch die Einkommensverteilung breiter geworden ist. Da sollte man sich leicht ausmalen können, was das für die unteren Einkommensschichten bedeutet.

    Ob Sie mit der Unterscheidung

    Median - Meridian

    die 68er und deren PISA-Linx-Epigonen nicht über Gebühr überfordern?

    Ganz zu schweigen, dass Wissen zu postulieren, dass die Anwendung von Begriffen (definierte Ausdrücke) von deren Definitionen abhängt. Die Post-68er sowie deren Mütter und Väter wenden, man kann von ihnen gerechterweise nicht mehr erwarten, wo sollten sie es auch gelernt haben, vielleicht auf einem Antifa-Gewalt-Seminar?, das Normative mit einer Gewissheit an, als handele es sich um klassische Physik.

    In der Welt der Linx-Pisa-Neo-Spießer http://donhobo.blogspot.c...
    ist zwei bei Großverdienern, wo der erste sagen wir mal 1 Mio Euo, der zweite 400.000 Euro Jahres-Einkommen hat, der zweite arm.

  7. "Binnen eines Jahres glang es 1,2 Millionen Menschen, der Armutsfalle zu entfliehen"

    Interessante Aussage:
    Erstens wird die Existenz der Armutsfalle, vermutlich unbeabsicht, bestätigt.

    Schlauer im Sinne der Autoren wäre es gewesen, einfach zu schreiben, diese Menschen wären der Armut entflohen.

    So bestätigt uns ausgerechnet das DIW, dass die Armut nicht etwa auf "natürlichen" Ursachen beruht, wie geringes Sozialprodukt, Bildungsmisere, geringe Industrialisierung, mangelnde Wetbewerbsfähigkeit, schlechte klimatische Bedingungen usw, sondern dass in Deutschland die Armut ein hinterhältig gelegter Fallstrick, eine gut getarnte Grube, eine unversehens sich zuziehende Schlinge ist, keineswegs wirtschaftlicher Notwendigkeit geschuldet.

    Diese Falle heißt natürlich HartzIV, die Arbeitslose und "Arbeitsplatzbesitzer" gegeneinander ausspielt und letztlich alle miteinander in die Armutsfalle oder auch Niedriglohnfalle hineinstürzt.

    Diesseits oder jenseits von Hartz IV - das wird zunehmend wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.

    Weiterhin suggeriert der Ausdruck "der Armutsfalle entflohen", dass dies ein nachhaltiger Zustand wäre, dass diese 1,2 Millionen nun langfristig auf dem Niveau sozialer Sicherheit angelangt seien ohne die Gefahr, wieder in die "Armutsfalle" zurückzufallen.

    Dass die"Flucht aus der Armutsfalle" wohl für die allermeisten dieser 1,2 Millionen Entflohen wohl nur ein vorübergehendes Festklammern am Rand der grausigen Grube bedeutet, dürfte jedem klar sein.

    Der Armutsfalle entkommt kaum jemand. Sie ist im Gegenteil so raffiniert konstruiert, dass immer mehr und immer mehr hineinfallen.

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