Indien ist noch keine Großmacht, aber es benimmt sich schon wie eine. Jedenfalls wenn es ums Eingemachte geht, so wie vergangene Woche. Da berieten die 45 Delegierten der sogenannten Nuclear Suppliers Group (NSG) darüber, ob Indien mit Atomtechnologie beliefert werden soll. Delegierte aus sechs Staaten hatten größte Bedenken. Sie bekamen den Druck Indiens zu spüren. Nach Angaben von beteiligten Diplomaten habe Indien klargemacht, dass alle, die nicht zustimmten, mit Konsequenzen zu rechnen hätten. Indien verhielt sich nach dem Muster des Amerikaners George W. Bush: Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Das zeigte Wirkung. Die NSG fasste einen einstimmigen Beschluss. Indien hat nun legal Zugang zum Markt der Atomtechnologie. Aus dem atomaren Paria ist eine anerkannte Atommacht geworden. Das ist ein historisches Ereignis.

Wie kam es dazu? Begonnen hat alles um die Wende des letzten Jahrtausends. Die USA entdeckten Indien als strategischen Partner in einer unübersichtlicher werdenden Welt. Indien bot eine strategische Option für den Fall, dass Pakistan, der engste Partner der USA in der Region, auseinanderbräche. Gleichzeitig konnte die größte Demokratie der Welt den USA als Gegengewicht zum aufstrebenden China nützlich sein. Die Aufwertung begann mit einem Besuch des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton im Jahr 2002 und gipfelte in einem Abkommen, das die USA 2005 mit Indien schlossen. Kern des Abkommens ist die Zusammenarbeit auf nuklearem Gebiet. Indien willigte ein, seine zivilen Reaktoren der Kontrolle der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien zu unterstellen, die USA versprachen volle Kooperation auf dem Gebiet ziviler Atomtechnologie. Außerdem sagten sie zu, darauf hinzuwirken, alle nationalen und internationalen Regeln, die eine Kooperation mit Indien verhinderten, aus dem Weg zu schaffen. Das genau ist geschehen: Die Zustimmung der NSG war die vorletzte Hürde. Wenn jetzt noch der amerikanische Kongress einwilligt, ist Indien am Ziel.

Der Vorstoß der USA im Jahr 2005 bedeutete eine radikale Abkehr von einer 40 Jahre lang gültigen Politik, die Proliferation verhindern sollte. Deren Konsequenzen hatte Indien zu spüren bekommen. Als es 1974 seine erste Bombe testete, wurde es mit Sanktionen belegt. Die Inder – das war das Ziel der Sanktionspolitik – würden einsehen, dass der Preis für den Besitz einer Bombe zu hoch sei. Doch das erwies sich als Illusion. Indien weigerte sich standhaft, den Atomwaffensperrvertrag zu unterschreiben. Dieser NPT-Vertrag hat bisher die Regeln der nuklearen Welt bestimmt. 188 Staaten haben ihn 1968 unterschrieben, fünf von ihnen Atommächte. Diese Atommächte verpflichteten sich, den anderen Staaten Technologie für die zivile Nutzung der Atomenergie zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig ihre eigenen Arsenale abzurüsten. Im Gegenzug versprachen die anderen Staaten, keine Atomwaffen zu entwickeln. Indien lehnte den NPT-Vertrag mit dem Argument ab, es sei nicht einzusehen, warum nur Staaten, die vor 1967 eine Bombe hatten, Atommächte sein sollten. Der NPT-Vertrag sei diskriminierend, vor allem gegen Länder der Dritten Welt.

Um Indien aufzuwerten, mussten die USA ein Problem lösen. Wie konnte dieser NPT-Outlaw, der darauf bestand, ein Outlaw zu bleiben, legalisiert werden? Wie konnten die USA gleichzeitig den NPT-Vertrag gegenüber Ländern wie Iran verteidigen?

Der Schlüssel lag in dem Begriff »verantwortungsvolle Atommacht«. Indien habe bewiesen, so das Argument, dass es mit Atomwaffen verantwortungsvoll umgehe. Es war für diese Argumentation sehr hilfreich, dass im Jahr 2004 die dunklen Geschäfte des Abdul Kadir Khan aufflogen. Der Vater der pakistanischen Atombombe hatte einen nuklearen Schwarzmarkt globalen Ausmaßes betrieben. Was also ein verantwortungsvoller Umgang mit der Atombombe sei, war nun klar. Seht her: Indien hat keinen Abdul Kadir Khan hervorgebracht!

Es war vergessen, dass Indien mit seiner Bombe eine atomare Aufrüstungsspirale in Südasien in Gang gesetzt hatte; es war auch vergessen, dass Indien und Pakistan 1999, während des sieben Wochen dauernden Kargil-Krieges 13-mal damit gedroht hatten, Atomwaffen einzusetzen. Dank Abdul Kadir Khan erschien das alles als verantwortungsvoll.