Platte meines Lebens (22) Katapult ins Herz
Als 1966 The Who über unseren Autor kamen, war ihm, als hätte er jedes Wort, jeden Ton selbst gesetzt. "My Generation" war der Muskel seiner pubertären Revolution
Diese Platte hat mein Leben gerettet. 1966. Die Not war absolut. Ich 16. Den Körper verloren, aus der Familie gefallen, in der Schule gestrauchelt, den Freunden entfremdet. Keine Heimat. Von Gott verlassen. Nicht gelandet bei Mädchen. Niemand nirgendwo, der eh nix versteht, vor allem nicht mich.
Plötzlich diese Platte. Sie kam vom Himmel. Ein Blitz. Erhellt das Stockdunkel meiner Existenz. Als hätte ICH jedes Wort geschrieben! Als hätte ICH jeden Ton gesetzt! Als hätte ICH jeden Refrain gebrüllt, 44 x in 3 Minuten, 19 Sekunden: My Generation.
Pubertät bis zur Halskrause. Pickel bis zum Haaransatz, die Physis zum Platzen gespannt, ein einziger Krampf. Aufgeklärt mit Biene Maja. Panik – der Penis explodiert im Traum. Horror, wo überall Haare wachsen! Ungeliebt, unberaten, unerlöst. A b-big s-s-sensation.
Vater hatte eine neue Musikanlage angeschafft, Stereo – das Schallplattenfach abschließbar! Damit die Söhne keine Beatles hören: »Diese Negermusik macht den Saphir kaputt!« People try to put us d-down.
Kinderzimmer nur KZ, Elternhaus Parteizentrale, mit Vater Adolf und Mutter Eva Braun zu Mittag, Mathe 5, Latein 6, Verweis wegen Rülpsens im Religionsunterricht – die ganze Schulscheiße auf dem Tisch, Häkeldecke. Im Nebenzimmer »Bravi«, der blöde Bruder, hört Peter Kraus im Radio von Schaub-Lorenz. Things they do look awful c-c-cold.
Papi satt, Mami satt, Lehri satt. Alle satt & Alles über 30. Hope I die before I get old.
My Generation knallte wie ein Katapult direkt ins Herz. DAS BIN ICH. 3 Minuten, 19 Sekunden. Gerettet! My Generation ist der Muskel meiner Revolution.
Qual war Wut geworden. Ich kaute nicht mehr auf den Backen herum, biss nicht mehr die Zähne zusammen, ballte die Faust nicht mehr im Sack. Die Rakete der Who hat mich in Radikalität geschossen, an die Grenze zur Tätlichkeit. Gefährlich. Aber, vor allem – ich war nicht mehr allein: Meine Verzweiflung hatte eine Platte.
Und ein Plakat! Als ich zum Englischlernen nach England verschickt wurde, hing es da. In Margate, irgendwo rechts von Dover. Dort sind SIE aufgetreten, die Who. Als ICH da war. Wahnsinn! Aber: Scheiße! Ausverkauft! Ich male mit dem Pelikan-Schulfüller einen »Internationalen Presse-Ausweis« unserer Würzburger Schülerzeitung Ventil.
Eintritt kostenlos. Backstage. ZACK mittendrin. Pete Townshendreißt die Schenkel an den Arsch: My Generation! Roger Daltrey, Mikro am Lasso, röhrt don’t try to dig what we all s-s-say. John Entwistle c-c-cold Bass, Backenbart, Solo, s-s-sensation und: ZACK, ZACK drummer Keith’ 1000 Mikadoschlegel hageln über die Batterie, die Fußmaschine explodiert 44 x in 3’19. Pete schlägt die Gitarre im weiten Kreise mit Gewalt. Daltrey stottert g-g-get around, stottert d-down, stottert talkin’ ’bout my g-g-generation. Townshend drischt die Gitarre in den Boden, Splitter zischen über die Bühne in den Saal: Talkin’ ’bout my g-g-generation.
Heulend, allein, fiebrig, verloren bin ich durch die nasse Nacht geirrt, erfüllt und glücklich wie nie zuvor. Gerettet! Ich hatte mich selbst gefunden.
The Who: My Generation (1965), Brunswick Records, heute bei MCA/Universal
Peter Roos, Jahrgang 1950, lebt als freier Schriftsteller und Autor in Wien und Marktheidenfeld am Main
- Datum 30.10.2008 - 13:46 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.09.2008 Nr. 38
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