AfghanistanDer Krieg der anderenSeite 2/6

Sechs neue Nachrichten meldet die Mailbox, als er in Kabul sein Handy einschaltet. Sechs Journalisten wollen von ihm ein Statement zum bockigen Clement und zum vergrätzten Beck, Funksprüche aus dem hysterischen Berlin. Annen schaltet das Handy aus, die SPD löst sich auf in der Dunstglocke über der Stadt.

Jetzt ist er ohne seine Partei, und hinter hohen Mauern aus Stein trifft er sich mit Männern von Wadan, einer afghanischen Organisation, die sich für die Menschenrechte einsetzt und in Kabul Parlamentarier berät. »Herr Abgeordneter«, fragt ihn einer der bärtigen Wortführer, »sehen Sie in der Stadt einen Talib? Nein? Aber fühlen Sie sich sicher? Ich auch nicht. Ich verlasse meine Wohnung kaum noch. Hier werden Kinder entführt, allein um Geld zu machen. Korruption, Drogen, Gewalt, Herr Abgeordneter, zwingen Sie unsere Regierung zu handeln!«

Annen muss sich eine Weile sammeln, dann sagt er: »Es ist Ihr Land, nicht unseres.« Er schaut dabei eine Spur zu hilflos, und der Bärtige setzt in rasselndem Englisch nach. »Wer die Operation führt, bestimmt die Bedingungen. Führen Sie Ihre Operation zu Ende.«

Annen stutzt. So konkret wollte er den Krieg nicht haben. Er wollte ein Beobachter sein, doch er wird hier wie ein Feldherr behandelt.

Herr Abgeordneter, so geht es stundenlang hinter blickdichten Lamellen, Herr Abgeordneter, so reden Vertreterinnen von Frauengruppen, Geschäftsleute und abgesetzte Minister, während sich die Ventilatoren auf den Tischen zu Tode schaufeln. Herr Abgeordneter, warum dürfen nicht auch die Taliban an den Verhandlungstisch? Warum erklären Sie den Amerikanern nicht, wie man das Land aufbaut? Was mit leisen Erkundigungen beginnt, kann in zornigen Appellen enden, und aus charmanten Anekdoten erheben sich hitzige Reden über die Erosion der politischen Gewalt. Der Abgeordnete Annen macht sich Notizen, als könne er den Erdrutsch aufhalten, indem er ihn zu Protokoll nimmt. Vielleicht ist der Schreibblock auch nur eine gute Ablenkung, um sich nicht hinabzerren zu lassen von den enttäuschten Hoffnungen eines Niemandslandes zwischen Krieg und Frieden, genannt Islamische Republik Afghanistan.

Niels Annen will nicht verloren gehen in diesem Land, er muss seinen Überblick retten, den er den Wählern in Hamburg auf Plakaten verkauft. Für die Politik, die er macht, braucht er Distanz. Er ist ein Abstandsucher. Er würde sich nicht gefallen als ein Politiker, der in Fakten oder gar in Gefühlen ertrinkt. Er braucht ein Schutzschild gegen all die Erwartungen, die vom Einsatz der Bundeswehr geweckt werden, die Politiker wie Annen hierher geschickt haben.

Es gibt nicht viele Momente während der Reise, an denen Niels Annen den großen Widerspruch offen ausspricht, aber einmal, als er von der Dachterrasse des Hotels Central herabblickt auf das mit Sandsäcken gepolsterte Kabul, da sagt er plötzlich: »Wir reden zu Hause immer von Erfolgen, aber jetzt kann ich hier nicht einmal allein auf die Straße gehen. Das ist schon traurig, wenn man ehrlich ist.«

Vor gut sechs Jahren, als die ersten deutschen Soldaten nach Afghanistan flogen, begleitete sie ein großes Wort, das inzwischen verschwunden ist: Demokratie. Jetzt heißt es nur noch, die internationalen Truppen sollten Sicherheit und Stabilität im Land herstellen, das sei das Ziel.

Niels Annen steigt auf dem Air Field in Kandahar aus einem Flugzeug. 15.000 amerikanische Soldaten sind hier stationiert, Amerikas Knotenpunkt im Kampf gegen die Taliban. Auf dem Flug schärfte er sich noch einmal ein, dass ein Brigadegeneral mehr zu sagen hat als ein Oberst. Ein Praktikant aus seinem Berliner Büro hatte ihm eine Übersicht gemacht.

Die Deutschen sind die Telefonzentrale der Amerikaner

»Major Gauf«, sagt Major Markus Gauf, der Chef der deutschen Kompanie in Kandahar, ein höflicher Mann mit sonnenverbranntem Gesicht. Im Süden Afghanistans, heißt es in Deutschland, gäbe es keine deutschen Soldaten. »Wir sind hier im Schatten der Aufmerksamkeit«, sagt der Major, »ein Glück.« Mit seinen 25 Soldaten, sei- nen Fernmeldern, ist er die Telefonzentrale des Camps. Die Deutschen ziehen Kabel und bedienen Computer. Von der Stadt Kandahar haben sie nie etwas gesehen, sie muss da draußen vor den Schutzwällen irgendwo im Staub liegen. Als die Taliban vor drei Monaten das Gefängnis in Kandahar stürmten und Hunderte Häftlinge befreiten, erfuhr Major Gauf davon erst in den Abendnachrichten. Er merkte es später auch an seinen Nachbarn. Die Amerikaner zogen plötzlich los, danach die Engländer. Auch bei den Kanadiern, den Nachbarn mit dem Militärgefängnis, bewegte sich was.

Und Sie, Herr Major, führen Sie ein ruhigeres Leben? »Ganz ruhig«, antwortet er, »man muss hier richtig aufpassen.« Zuerst sei man unbesorgt, aber dann stelle man sich im Flughafen auf die Gepäckwaage und wundere sich. »Wenn man nicht aufpasst, nimmt man hier zu.«

Leserkommentare
    • TDU
    • 15.09.2008 um 18:14 Uhr

    Das verlangt macher Handwerker von seinen Mitarbeitern. Natürlich ist es hier komplizierter, aber dafür hat er doch studiert. Nichts gegen ihn, aber von oben schaut er herab, pflegt Skrupel und gemessen am Tatbestand Wehwechen und fragt sich, was ist richtig oder falsch. Er sieht eben nicht, was zu tun ist. Gehen alle westlichen Soldaten raus, gibt es dann Frieden und wenn ja zu welchem Preis für die Menschen dort? Oder kommen andere (wieder). Aber jetzt sind unsere Soldaten da, und es fragt sich, ob das was gemacht wird, nicht anders gemacht werden kann. Abzug oder nicht Abzug, Schwarz oder Weiss, mehr ist nicht drin für den Herrn Annen, da ihm zur Entscheidung nichts anderes angeboten wird. Und da ist er nicht der einzige. Nahezu alle, die bald abstimmen werden, sind sich nicht wirklich klar darüber, dass sie nur eine Hand heben und nicht entscheiden müssen: Gebe ich den Befehl, auf einen Wagen mit Frau und Kindern zu schießen.

    Diese mangelnde Klarheit bestimmt die politische Vorgehensweise, der es an Entschiedenheit mangelt. Es wird nach rechts und links, Gut und Böse geurteilt, statt zu sehen, was zu tun ist, hat man einmal die Entscheidung getroffen, sich mit Waffengewalt egal wo und wofür, einzumischen. Will man diesem Dilemma auf immer entfliehen, muss man das gesamte Militär abschaffen, denn Deutschland ist politisch nicht die Schweiz. Aber auch, wenn man einiges gelernt hat. Die Fähigkeit unter Unsicherheit eine Entscheidung zu treffen, ist entscheidend. Es ist wie in der Medizin: Studieren kann man immer. Aber eigenverantwortlich auf z. B. Magenschmerzen oder Magenkrebs entscheiden wollen, muss man schon, um sich Arzt nennen zu können.

  1. einem Land helfen, welches keine Hilfe benötigt? Es gibt genug Probleme, auch in Ländern, in dene kein Krieg herrscht. Einen Vorschlag, wie man sinnvoll Geld ausgeben könnte finden Sie hier: http://www.copenhagencons...

    Es ist eine ganz simple Kosten-Nutzen-Rechnung: Für wie viele Menschen kann ich mit den Vorhandenen Mitteln die Lebenssituation verbessern. Krieg ist immer die teuerste Alternative. Das ist nicht zynisch. Dann wären Sie ja auch zynisch wenn sie mehr Geld fordern um in Afghanistan endlich aufzuräumen und das Geld dann an anderer Stelle fehlt. Es ist egal, wenn ca. 60 Mio. Kinder auf der Welt an Zinkmangel leiden und deshalb auch Millionen als kleine Babys sterben. Wir schaffen jetzt Frieden in Afghanistan und wenn es Jahrzehnte dauert. Ein militärischer Sieg ist nunmal auf absehbare Zeit nicht in Sicht.

    Antwort auf "Hilfe"
    • TDU
    • 15.09.2008 um 20:10 Uhr

    Man muss doch (leider) fragen wo es denn einfacher auf der Welt ist, Probleme zu lösen? Die sich immer mehr überschneidenden Einflusssphären lassen die Hilfe doch immer komplizierter werden. Und die rein humanitäre Hilfe versickert doch schon oft bei denen, die sie verteilen sollen. Ohne politischen Druck geht da gar nichts. Und von da aus ist es nicht weit bis zur militärischen Machtfrage, je nach dem, wer da auch humanitäre Hilfe leisten will. Selbst die NGOs sind in machen Ländern nicht mehr unkritisch gesehen, da sie allzu schnell die Systemfrage stellen, statt einfach ihre Arbeit zu tun. Leider muss man Putin bei der entsprechenden Gesetzgebung recht geben.

    M.E. geht es nicht ohne internationale und durchaus wechselnde Bündnisse, je nach der zu leistenden Hilfe, z. B. auch bei der Bekämpfung des von Ihnen berichteten Zinkmangels. Aber sich nur die genehmen Probleme raussuchen geht auch nicht. Bringt ein anderer Helfer mehr, kann er diese Arbeit gleich mitübernehmen. Deutschland braucht wieder eine Aussenpolitik und Diplomatie, die diesen Namen verdient. Nämlich die Bereitschaft Hilfe zu leisten und zusammen zu arbeiten, bei gleichzeitigem durchaus kritischem Respekt vor den Bedürfnissen des anderen.

    Das Vorgehen in Aghanistan haben die zu entscheiden, die diese Aufgabe übernommen haben. Nämlich unsere Abgeordneten. Und wenn die sich die "Hände schmutzig machen" müssen sie und wir damit leben. Sich aus allem raushalten oder sich die moralischen Rosinen aus dem Kuchen picken, geht m. E. nicht.

    • TDU
    • 15.09.2008 um 20:26 Uhr

    hätte er sein Latinum machen sollen. Schärft ungemein die Logik, man lernt die romanischen Sprachen im Schlaf und lernt durch Caesar und Cicero auch was über Politik. Und lernt vielleicht ein wenig über römisches Recht als eine Wurzel unseres Rechtssystems und ist davor gefeit, es durch Dilettantismus aus ideologischen Gründen zum Nachteil der Menschen immer weiter zu banalisieren.

    Antwort auf "Ahja, und?"
  2. Was ist das denn fuer haessliche Propaganda da in Ihrem Kommentar? Wenn die LINKE jetzt schon bei jeder Auesserung zu jedem Thema Wahlkampf macht, gibt das einen deutlichen Hinweis auf ihren totalitaeren Charakter.

    Und uebrigens, die bluehenden Landschaften sind jetzt da: siehe z.B. neuester SPIEGEL-Artikel unter http://www.spiegel.de/spi... . Und dass Sachsen inzwischen unter den erfolgreichsten Bundeslaendern ist, gehoert ja schon zum Allgemeinwissen. Helmut Kohls "Versprechen" wird damit nach langem Warten wahr. Ypsilantis Versprechen und Niels Annens Beteuerungen dagegen sind schon unwiederbringlich gebrochen, und Lafontaines krudes Zeug kann hoechstens in einem Paralleluniversum stattfinden.

    Zugegeben, in den Bundeslaendern Berlin und Mecklenburg-Vorpommern scheinen die vereinzelten Blueten noch keine Trendwende geschafft zu haben. Aber da regiert(e) ja auch die LINKE.

    Eines noch zum Herrn La von Taine (Geldadel residiert eben in Protzvillen: http://img112.imageshack....): Vor der Wiedervereinigung hat er sich mitnichten Sorgen um die ostdeutsche Wirtschaft gemacht, sondern vor allem um seine eigene Karriere. Er war 1990 Kanzlerkandidat der SPD und wusste, dass die SPD nicht von der Wiedervereinigung proftieren wuerde, weil die damalige Spitze der SPD die Wiedervereiningung aufgegeben hatte und somit sehr schlecht aufgestellt war. Ich wuerde vermuten, Lafontaine waere es viel lieber gewesen, es haette keine Wiedervereinigung gegeben und er waere 1990 Kanzler geworden. Da ist es nur konsequent, wenn er sich jetzt mit den Gegnern der Wiedervereinigung aus dem Osten zusammentut.

    Friedrich Poeschel,
    University of Oxford,
    www.friedrich.poeschel.info

    Antwort auf "Linke in der SPD?"
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    Und dass Sachsen inzwischen unter den erfolgreichsten Bundeslaendern ist, gehoert ja schon zum Allgemeinwissen.
    Bitte konkret! Woran merken die Menschen in Sachsen das?
    An den tausenden Einkaufstempeln? (ich war gestern im Baumarkt - für einen primitiven Türstopper muss man im preiswerten Praktiker-Baumarkt mittlerweile 11,99€ bezahlen - das sind fast 24DM!) , an den paar Vorzeigeindustrieansiedlungen in Dresden und Leipzig? oder gar an den Wahnsinnslöhnen in Sachsen?

    Und dass Sachsen inzwischen unter den erfolgreichsten Bundeslaendern ist, gehoert ja schon zum Allgemeinwissen.
    Bitte konkret! Woran merken die Menschen in Sachsen das?
    An den tausenden Einkaufstempeln? (ich war gestern im Baumarkt - für einen primitiven Türstopper muss man im preiswerten Praktiker-Baumarkt mittlerweile 11,99€ bezahlen - das sind fast 24DM!) , an den paar Vorzeigeindustrieansiedlungen in Dresden und Leipzig? oder gar an den Wahnsinnslöhnen in Sachsen?

  3. Und dass Sachsen inzwischen unter den erfolgreichsten Bundeslaendern ist, gehoert ja schon zum Allgemeinwissen.
    Bitte konkret! Woran merken die Menschen in Sachsen das?
    An den tausenden Einkaufstempeln? (ich war gestern im Baumarkt - für einen primitiven Türstopper muss man im preiswerten Praktiker-Baumarkt mittlerweile 11,99€ bezahlen - das sind fast 24DM!) , an den paar Vorzeigeindustrieansiedlungen in Dresden und Leipzig? oder gar an den Wahnsinnslöhnen in Sachsen?

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