Die Unesco berichtet, beinahe 300.000 Österreicher seien funktionelle Analphabeten, also weder des Lesens noch des Schreibens mächtig. Letzteres stellt bei Wahlen aber kein wesentliches Problem dar, da ohnehin nur ein Kreuz auf den Stimmzettel gemalt werden muss. Allerdings ist zuvor eine Leseleistung erforderlich, um die richtige Zeile für die favorisierte Partei ausfindig zu machen. Hier könnten Piktogramme oder Karikaturen der Spitzenkandidaten helfen. Nicht zu unterschätzen ist auch der sogenannte sekundäre Analphabetismus, bei dem zwar prinzipiell die Fähigkeit des Lesens besteht, der Sinn einer Textpassage jedoch nicht mehr erfasst wird. Auf dieses Wählersegment verzichtet die ÖVP mit ihren Schriftplakaten von vornherein. Wobei auch durchaus alphabetisierte Menschen kaum den Sinn dieser Kampagne erkennen können. Dem wenig beachteten tertiären Analphabetismus, bei dem Schriftliches zwar gelesen, aber nicht decodiert werden kann, huldigen die Grünen. Das »VdB« auf ihren Plakaten soll kein neues Parteikürzel sein, sondern es handelt sich um die Initialen des Parteivorsitzenden. Leider wurde sein Titel weggelassen. Schade, »ProfVdB« hätte noch geheimnisvoller ausgesehen. Wohl wegen dieser Probleme vertraut die SPÖ allein der Kraft der Bilder. Doch statt eines vitalen Kanzlerkandidaten lächelt ein gruselig-trauriger Krone -Liebling von ihren Werbesujets. Liegt hier etwa das Paradoxon eines bislang noch unbekannten Bilder-Analphabetismus vor?

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben