Es ist einer jener dunstigen Spätsommertage, in denen Rom noch sich selbst gehört und nicht den gepanzerten Lancias der Parlamentarier. Die Stadt sieht aus wie auf Piranesis Kupferstichen, und Matteo Garrone spaziert in Sandalen und kurzen Hosen in das Hotel Bernini, als sei er ein Tourist, der eben noch im Schatten einer Zypresse Tempel und Veduten bestaunte.

Wir fahren hoch zur Dachterrasse, wo sich die Stadt, inzwischen leicht rosa getönt, lasziv vor den Augen des Betrachters streckt. Aber wir dürfen uns jetzt nicht von Schönheit kleinkriegen lassen, sondern müssen über die Mafia sprechen. Was viele Italiener verdrießt. Ob Matteo Garrone das Thema nicht auch schon oft gelangweilt hat? Ob er die Artikel über die Totengedenktage mit den ewig gleichen Parolen, den Lippenbekenntnissen der Politiker auch schnell überschlagen hat?

Matteo Garrone stutzt kurz. Er ist zu klug, um sich zu politischen Äußerungen hinreißen zu lassen. Keine Namen. Kein Berlusconi-Bashing. »Die politische Botschaft ist an die Sprache gebunden, die man gebraucht«, sagt er. Und lächelt fein. Schließlich ist er kein Mafiaexperte, sondern Regisseur. Als solcher habe er die Mafia als Filmgenre betrachtet – und Gomorrah als Möglichkeit, sich in diesem Genre zu messen.

Mit Erfolg. Gomorrah gewann den Grand Prix des Filmfestivals von Cannes und zog 1,5 Millionen Zuschauer in die italienischen Kinos. Gomorrah kann es aufnehmen mit den berühmtesten Mafiafilmen der Welt: mit dem Paten, mit Goodfellas und Scarface. Mit Es war einmal in Amerika und Die Hände über der Stadt. Die Eingangsszene, in der ein Camorrista im blauen Licht einer Solariumssonne ermordet wird, ist ein Zitat oder, besser: eine Fortentwicklung jener klassischen Mafiamordszene, in der ein Mafioso beim Barbier erschossen wird. Aber damit hat es sich auch schon mit den Gemeinsamkeiten, Gott sei Dank.

Denn Gomorrah ist keiner jener Hochglanz-Gangsterfilme wie Der Pate, dessen DVDs stets gefunden werden, wenn das Versteck eines Mafiabosses ausgehoben wird. Gomorrah eignet sich nicht dazu, von den Mafiosi für ihre Ikonografie vereinnahmt zu werden. So ist es ja selbst Il Camorrista ergangen, dem preisgekrönten Regiedebüt des Oscar-Preisträgers Giuseppe Tornatore aus dem Jahr 1986, das vom Aufstieg des legendären Camorrista Raffaele Cutolo handelt. Wer jemals erlebt hat, wie in Neapel die Zuschauer jubeln, wenn Il Camorrista auf einem Platz im Spanischen Viertel vorgeführt wird, während aus den Handys die Filmmusik aus Scarface als Klingelmelodie tönt, der mag eine Vorstellung davon haben, dass Mafiafilme nicht unwesentlich zur Verklärung und damit zum Fortbestehen der Mafia beitragen. Das ist die eine Falle, in die ein Regisseur bei dem Thema geraten kann. Die andere ist die Pathosfalle. In die viele jener Filme tappen, die Antimafiahelden zum Gegenstand haben. Das italienische Fernsehen zeigt regelmäßig Serien über die ermordeten Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, Heiligenlegenden über tapfere Ermittler und heldenhafte Witwen – die alle in guten Gefühlen ertrinken. Und dann gibt es noch die Folklorefilme. Über schweigsame Bosse, die Schnurrbärte tragen und ihre Ehefrau nie betrügen würden. Erst vor Kurzem lief eine sechsteilige Serie über den sizilianischen Mafiaboss Totò Riina: Der Boss der Bosse . Die Repubblica berichtete mit einer gewissen Ehrfurcht darüber, dass Riina den Film in seiner Zelle nach einem kalten Abendessen goutiert habe.

»Oft glaubt man, dass man zeigen muss, wer der Gute ist und wer der Böse, um der Jugend eine positive Botschaft mit auf den Weg zu geben. Ich denke aber, dass es wichtiger ist, die Gesichter für sich allein sprechen zu lassen, die Handlungen, die inneren Konflikte der Charaktere«, sagt Matteo Garrone. Sein Film belehrt nicht, sondern zeigt. Bosse in Badelatschen und Bermudashorts. Böse, kleine Jungs, die Frauen verraten. Zwei Narren, die das Leben mit einer DVD verwechseln. Eine in sich geschlossene Welt, in der unten oben ist. Es war ein Glücksfall, dass der Römer Matteo Garrone den Bestseller von Roberto Saviano verfilmen durfte. Denn anders als Saviano, der in Neapel aufwuchs, konnte sich Garrone der Mafia ohne Wut nähern, ohne Moralpredigten.

»Wir wollten einen Film über die Camorra machen, nicht einen Film gegen sie. Wenn du drin bist, merkst du, dass es eine enorme Grauzone gibt, dass du vielleicht auch darin hättest enden können. Wenn du in Neapel-Scampia zur Welt kommst, ist dein Verhältnis zum Gefängnis ein anderes, als wenn du in Rom aufwächst«, sagt Garrone.