Kino Die HalbstarkenBitte lass mich jemanden töten

Mit "Gomorrah" hat Matteo Garrone eine neue Art von Mafiafilm geschaffen. Ein Treffen mit dem Regisseur in Rom, bei dem er von seinem Blick auf die Verbrecher und den Wünschen seiner Darsteller erzählt

Mit »Gomorrah« hat Matteo Garrone eine neue Art von Mafiafilm geschaffen. Ein Treffen mit dem Regisseur in Rom, bei dem er von seinem Blick auf die Verbrecher und den Wünschen seiner Darsteller erzählt Von Petra Reski

Die Halbstarken: Marco (Marco Macor) und Ciro (Ciro Petrone) spielen mit ihren Waffen

Die Halbstarken: Marco (Marco Macor) und Ciro (Ciro Petrone) spielen mit ihren Waffen

Es ist einer jener dunstigen Spätsommertage, in denen Rom noch sich selbst gehört und nicht den gepanzerten Lancias der Parlamentarier. Die Stadt sieht aus wie auf Piranesis Kupferstichen, und Matteo Garrone spaziert in Sandalen und kurzen Hosen in das Hotel Bernini, als sei er ein Tourist, der eben noch im Schatten einer Zypresse Tempel und Veduten bestaunte.

Wir fahren hoch zur Dachterrasse, wo sich die Stadt, inzwischen leicht rosa getönt, lasziv vor den Augen des Betrachters streckt. Aber wir dürfen uns jetzt nicht von Schönheit kleinkriegen lassen, sondern müssen über die Mafia sprechen. Was viele Italiener verdrießt. Ob Matteo Garrone das Thema nicht auch schon oft gelangweilt hat? Ob er die Artikel über die Totengedenktage mit den ewig gleichen Parolen, den Lippenbekenntnissen der Politiker auch schnell überschlagen hat?

Matteo Garrone stutzt kurz. Er ist zu klug, um sich zu politischen Äußerungen hinreißen zu lassen. Keine Namen. Kein Berlusconi-Bashing. »Die politische Botschaft ist an die Sprache gebunden, die man gebraucht«, sagt er. Und lächelt fein. Schließlich ist er kein Mafiaexperte, sondern Regisseur. Als solcher habe er die Mafia als Filmgenre betrachtet – und Gomorrah als Möglichkeit, sich in diesem Genre zu messen.

Mit Erfolg. Gomorrah gewann den Grand Prix des Filmfestivals von Cannes und zog 1,5 Millionen Zuschauer in die italienischen Kinos. Gomorrah kann es aufnehmen mit den berühmtesten Mafiafilmen der Welt: mit dem Paten, mit Goodfellas und Scarface. Mit Es war einmal in Amerika und Die Hände über der Stadt. Die Eingangsszene, in der ein Camorrista im blauen Licht einer Solariumssonne ermordet wird, ist ein Zitat oder, besser: eine Fortentwicklung jener klassischen Mafiamordszene, in der ein Mafioso beim Barbier erschossen wird. Aber damit hat es sich auch schon mit den Gemeinsamkeiten, Gott sei Dank.

Denn Gomorrah ist keiner jener Hochglanz-Gangsterfilme wie Der Pate, dessen DVDs stets gefunden werden, wenn das Versteck eines Mafiabosses ausgehoben wird. Gomorrah eignet sich nicht dazu, von den Mafiosi für ihre Ikonografie vereinnahmt zu werden. So ist es ja selbst Il Camorrista ergangen, dem preisgekrönten Regiedebüt des Oscar-Preisträgers Giuseppe Tornatore aus dem Jahr 1986, das vom Aufstieg des legendären Camorrista Raffaele Cutolo handelt. Wer jemals erlebt hat, wie in Neapel die Zuschauer jubeln, wenn Il Camorrista auf einem Platz im Spanischen Viertel vorgeführt wird, während aus den Handys die Filmmusik aus Scarface als Klingelmelodie tönt, der mag eine Vorstellung davon haben, dass Mafiafilme nicht unwesentlich zur Verklärung und damit zum Fortbestehen der Mafia beitragen. Das ist die eine Falle, in die ein Regisseur bei dem Thema geraten kann. Die andere ist die Pathosfalle. In die viele jener Filme tappen, die Antimafiahelden zum Gegenstand haben. Das italienische Fernsehen zeigt regelmäßig Serien über die ermordeten Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, Heiligenlegenden über tapfere Ermittler und heldenhafte Witwen – die alle in guten Gefühlen ertrinken. Und dann gibt es noch die Folklorefilme. Über schweigsame Bosse, die Schnurrbärte tragen und ihre Ehefrau nie betrügen würden. Erst vor Kurzem lief eine sechsteilige Serie über den sizilianischen Mafiaboss Totò Riina: Der Boss der Bosse . Die Repubblica berichtete mit einer gewissen Ehrfurcht darüber, dass Riina den Film in seiner Zelle nach einem kalten Abendessen goutiert habe.

»Oft glaubt man, dass man zeigen muss, wer der Gute ist und wer der Böse, um der Jugend eine positive Botschaft mit auf den Weg zu geben. Ich denke aber, dass es wichtiger ist, die Gesichter für sich allein sprechen zu lassen, die Handlungen, die inneren Konflikte der Charaktere«, sagt Matteo Garrone. Sein Film belehrt nicht, sondern zeigt. Bosse in Badelatschen und Bermudashorts. Böse, kleine Jungs, die Frauen verraten. Zwei Narren, die das Leben mit einer DVD verwechseln. Eine in sich geschlossene Welt, in der unten oben ist. Es war ein Glücksfall, dass der Römer Matteo Garrone den Bestseller von Roberto Saviano verfilmen durfte. Denn anders als Saviano, der in Neapel aufwuchs, konnte sich Garrone der Mafia ohne Wut nähern, ohne Moralpredigten.

»Wir wollten einen Film über die Camorra machen, nicht einen Film gegen sie. Wenn du drin bist, merkst du, dass es eine enorme Grauzone gibt, dass du vielleicht auch darin hättest enden können. Wenn du in Neapel-Scampia zur Welt kommst, ist dein Verhältnis zum Gefängnis ein anderes, als wenn du in Rom aufwächst«, sagt Garrone.

Als Jugendlicher träumte Matteo Garrone, dessen Vater Kunstkritiker ist, davon, Tennisstar zu werden, später studierte er Malerei an der Kunstakademie. Bis Gomorrah galt er als Nischenfilm-Regisseur. Er drehte selbst finanzierte Filme über Immigranten, eine Dokumentation über einen neapolitanischen Hochzeitsfotografen, einen Film über einen Leichenbalsamierer – der auch von Domenico Procacci produziert wurde, dem Produzenten von Gomorrah, der sich bereits kurz nach dem Erscheinen des Buches die Filmrechte daran gesichert hatte.

Die Paten erlauben die Dreharbeiten und besorgen ein paar Nebendarsteller

Der Film hält sich nur vage an das Buch, er erzählt fünf von der Vorlage inspirierte Lebensgeschichten: von Don Ciro, dem Buchhalter der Mafia, der sich darauf beruft, immer nur Befehle ausgeübt zu haben. Von Marco und Ciro, die glauben, an den Bossen vorbei für die eigene Tasche arbeiten zu können. Von Franco, dem Unternehmer der Mafia, der sein Lächeln anlegt wie einen Leinenanzug. Vom Schneider Pasquale, der den Chinesen das Schneidern von Haute Couture beibringt. Und von dem Jungen Totò, der zwischen die Fronten der Bandenkriege gerät.

Als Matteo Garrone zusammen mit fünf anderen Autoren mit dem Schreiben des Drehbuches für Gomorrah begann, war die Vorlage schon ein Jahr lang auf dem Markt und Roberto Saviano lebte unter Polizeischutz: zur Ikone verklärt von all jenen jungen Italienern, die den Antimafiabekenntnissen der Politiker nicht mehr glauben – jener Politiker, die Saviano bis heute belagern, um seine Popularität endlich in Wählerstimmen umzuwandeln.

Saviano arbeitete nur sporadisch am Drehbuch mit, wichtiger war die Mitarbeit eines neapolitanischen Theaterregisseurs, Maurizio Braucci, der über die nötige Milieukenntnis verfügte, weil er in Scampia, dem Schauplatz von Gomorrah, bereits Theaterprojekte mit Jugendlichen geleitet hatte. Er war es auch, der den schönen Satz prägte, dass die Camorra die Erlaubnis für den Filmdreh gegeben habe, so wie manche Diktaturen einer Delegation der UN eine Inspektion gestatten.

»Unsere Ankunft war so wie die eines Zirkus«, sagt Matteo Garrone. »Es handelt sich um eine sehr geschlossene Welt. Aber uns gegenüber war sie sehr offen.« Anderthalb Monate drehte die Crew in Scampia, dem nördlichen Vorort von Neapel, dem größten Drogenumschlagplatz der Welt . Während der Dreharbeiten fiel das böse Wort Gomorrah nie, da hieß der Film nur »Sechs Geschichten«. Die sechste wurde nie gedreht.

Nur zwei der Darsteller sind zumindest in Italien berühmt: Toni Servillo, der in Il Divo Andreotti spielte, und Gianfelice Imparato, beide Neapolitaner. Die meisten anderen Darsteller sind Amateure aus Scampia oder Neapel. Es sind Schulkinder wie Totò, der am Ende der Dreharbeiten von den Lehrern nicht versetzt wurde. Es sind Hausierer wie der Boss mit den Kehlkopfproblemen, den Matteo Garrone vor einer Bar ansprach. Es sind Gemüsemarktarbeiter wie Marco Macor oder ambitionierte Amateure wie der 16-jährige Ciro Petrone, der den hakennasigen Trottel Ciro spielt und bereits auf eine gewisse schauspielerische Erfahrung im Theater und in kleinen Filmen zurückblickt. Ciro habe seine Seele für den Film gegeben, sagt Matteo Garrone. In einer Szene musste der Junge seinen Kopf in einen Schlammtümpel stecken. Als er wieder auftauchte, rief er: »Ich habe das nur getan, um nach Cannes zu kommen!« Und Cannes klang wie: der Mond. Als Garrone erfuhr, dass der Film tatsächlich in Cannes laufen würde, war Ciro der Erste, den er anrief.

Sicher werden die Dreharbeiten auch davon profitiert haben, dass Camorristi, anders als sizilianische Mafiabosse und kalabresische ’Ndranghetisti, stets von einem großen Darstellungsdrang getrieben werden. Sie fahren Ferrari, bauen sich Häuser im Hollywoodstil und diktieren Journalisten ihre Lebensgeschichte in den Block, so wie manche Bosse aus dem Clan der Giuliano. Das Wichtigste ist der Respekt, heißt es hier, und an dem ließ es die Filmcrew keine Minute mangeln. So sehr, dass die Camorra auch Nebendarsteller stellte, etwa den rothaarigen, bärtigen Boss, der den Tod der beiden Jungs Marco und Ciro beschließt, weil die sich den Gesetzen der Clans nicht beugen wollen.

Die Amateure kannten das Drehbuch bis zum Schluss nicht ganz, was ihnen zumindest die Illusion der Freiheit gab, über sich selbst bestimmen, Film und Leben miteinander vermengen zu können. »Der Boss sagte zu mir: ›Pass mal auf, ich muss die beiden Jungs umbringen, das ist so in der Wirklichkeit‹«, erzählt Garrone. »Die beiden Jungs protestierten aber: ›Nein, wir wollen aber nicht umgebracht werden.‹ Und ich sagte: ›Mal sehen, wie sich die Geschichte entwickelt. Vielleicht habt ihr Glück und kommt durch.‹ Ihnen war ungeheuer wichtig, einen ersten Mord zu begehen. Um zu zeigen, dass sie im Film nicht zwei einfache Idioten sind, sondern wirklich einen Mord begehen. Alle da aus Neapel wollten unbedingt jemanden ermorden. Vor allem diejenigen, die noch nie jemanden umgebracht hatten. ›Lass mich jemanden umbringen!‹, bettelten sie. Diejenigen aber, die tatsächlich schon jemanden getötet hatten, sagten nichts. Als der Boss erfuhr, dass es nicht er sein würde, der die beiden Jungs umbringt, kam es zu Streit. Bis wir sagten: ›Vielleicht ist es für dich besser, wenn du im Film nicht als Mörder gezeigt wirst.‹« Nach den Dreharbeiten wurde er verhaftet und zu zwei Jahren Haft verurteilt, wegen Drogenhandels.

Der Film zeigt die Verwüstung, die die Mafia in den Köpfen anrichtet

Er habe immer die Karten gemischt, sagt Matteo Garrone, er habe Dokumentarfilme wie Fiktion gedreht und Spielfilme wie eine Dokumentation – herausgekommen ist dabei ein Film, der in Italien wie ein Klopfzeichen aus dem Untergrund empfunden wird. Nachdem neben Gomorrah auch Il Divo, der Film über den vielfachen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, in Cannes ausgezeichnet wurde, hatten viele Italiener das Gefühl, als würden die beiden Preise der Kruste aus kultureller, politischer und sozialer Erstarrung, die auf dem Land liegt, ein paar Risse beibringen. Es ist sicher kein Zufall, dass beide Filme die Mafia zum Gegenstand haben: Gomorrah zeigt, welche Spuren der Verwüstung die Mafia in den Köpfen und in der Landschaft hinterlassen hat. Und Il Divo zeigt, wie es dazu kam, dass die Mafia in den letzten sechzig Jahren unangefochten die italienische Politik beherrschen konnte.

Er habe viel mehr Kritik auf seinen Film erwartet, sagt Matteo Garrone. »Ich hatte fast das Gefühl, als hätte niemand den Mut, den Film offen anzugreifen. Denn ich glaube, dass Gomorrah vielen Leute gegen den Strich gegangen ist. Aber der Film war in Cannes, er hat einen Preis bekommen, er war ein Publikumserfolg – es wäre nicht einfach gewesen, ihn zu diskreditieren. Ich nehme an, dass man sich das für meinen nächsten Film aufgespart hat.«

In Neapel war Gomorrah auch ein großer Erfolg. Schon am Tag nach dem Start kursierten Schwarzkopien. Matteo Garrone war seither nicht mehr in Neapel: »Man kehrt nicht an den Tatort zurück.«

 
Leser-Kommentare
    • Gafra
    • 13.09.2008 um 18:01 Uhr

    Und endlich mal ein Film, der diese Art von Männlichkeit nicht feiert und Verbrecher zeigt als das, was sie sind und nicht irgendwie als Outsider-Helden.
    Sehr zu empfehlen. Schön wäre es, würde er etwas bewegen, in den Köpfen oder in der Politik. Aber dafür ist wohl zu viel Geld im Spiel, für die Armen... und für die Einfluss-Reichen sowieso.

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