Jugenddebatte Die Bombe tickt»Die Bombe tickt«

Es gibt auch noch eine andere Jugend. Sie managt keine Hedgefonds und kann sich effizienten Idealismus nicht leisten. Vor ihrer Unangepasstheit sollten wir uns fürchten

Es gibt auch noch eine andere Jugend. Sie managt keine Hedgefonds und kann sich effizienten Idealismus nicht leisten. Vor ihrer Unangepasstheit sollten wir uns fürchten Von evelyn Finger

Früher war es leicht, sich als Rebell zu fühlen. Denn früher, noch vor einer kleinen Ewigkeit von vierzig Jahren, genügten lange Haare, um den Zorn der Alten zu erregen. Wenn mein Kind so rumlaufen würde!, wetterten Zaungäste der ersten deutschen Studentendemos, und manch brav Gescheitelter drohte die Ungekämmten gar totzuschlagen. In der DDR galten Langhaarige damals als Staatsfeinde und konnten im Gefängnis landen. Dass wilde Frisuren heute gesellschaftsfähig sind, ist ein Fortschritt. Doch der Trend zum rebellischen Habitus hat auch etwas von Heuchelei. Unangepasstsein ist heute Mode und der Ruf nach Rebellion längst eine Allerweltsforderung, gern erhoben von der Werbeindustrie. »Rebellion is the only thing that keeps you alive!«, lautet der neue Slogan für die Turnschuhmarke Converse-Allstars, dazu tanzen auf Plakaten junge Sonnenbrillenmenschen mit Wuschelfrisuren. Eine Figur zeigt ihren freien Oberkörper, der »zugescheppert« ist mit Tattoos, wie der Rapper Joe Rilla sagen würde. So sieht Werbung im Zeitalter der Che-Guevara-T-Shirts aus. Kann man eine Jugend, die von klein auf agitiert wurde, sich mit den Insignien der Rebellion zu schmücken, sinnvoll für ihre Rebellionsunlust anprangern?

Wer heute die mangelnde Aufsässigkeit der Jugend beklagt, ist schon Teil des Problems und müsste seine Klage erst einmal aus dem zähen popkulturellen Verblendungszusammenhang herausarbeiten. Er müsste den kollektiven T-Shirt-Individualismus als Ersatzrevolution entlarven. Dürfte frisch angestellte Turnschuhwerbetexter nicht heftiger geißeln als graue Turnschuhkonzernbosse, seine Attacke gegen unsere unsolidarische Gesellschaft nicht schwächen, indem er Junge vorführt und dadurch Alte exkulpiert. Die vorsorgliche Erstickung jugendlichen Aufbegehrens zu beschreiben genügt nicht. Man muss auch sehen, dass der moderne Kapitalismus das vorhandene Rebellische absorbiert, vermarktet, unschädlich macht durch Einverleiben. Ist das nicht das Hauptgeschäft der Medien? Schon am Beispiel James Dean zeigte sich, wie man das Lebensgefühl einer Beat-Generation hollywoodisieren und den Zorn von Außenseitern in einen Kinoerfolg verwandeln kann.

So propagieren die Medien Rebellion und unterminieren sie zugleich. Es gibt aber heute Künstler, die scharfe Gesellschaftskritik üben, mit Hilfe des Pop gegen die nivellierende Kraft des Pop ein rabiates Rebellentum verherrlichen. Sie nennen sich Public Enemy oder Kollegah. Sie sprechen die sozialen Verlierer als Community an, als Klasse, und versetzen sie in permanente Alarmbereitschaft für den Tag X. Die Propagandisten des Hip-Hop wenden sich an Millionen Junge, die keine Hedgefonds managen und keinen Bachelor anstreben, kein Geld für »bewussten Konsum« und keine Chance haben, sich als »effiziente Idealisten« einzurichten. Im intellektuellen Agitationsrap Ende der achtziger Jahre lauteten die Parolen Rebel without a Pause (eine kritische Reminiszenz an James Dean), Louder than a Bomb (eine Kampfansage an das FBI) oder Security of the First World (ein Ultimatum an die weiße Mittelschicht). Die heutigen Hymnen der proletarischen Hardcoresozialästhetik heißen Willkommen in Abschaumcity oder Mukke aus der Unterschicht . Gezielt greift der neue Deutschrap das Kapital an und verhöhnt Marktmechanismen, was bei Summer Cem aus Mönchengladbach folgendermaßen klingt: »Ich habe keine GmbH und keine Tochtergesellschaft, aber wenn ich will, leistet mir deine Tochter Gesellschaft.« Man kann es auch mit den Worten des Brooklyners Jay-Z sagen: »I am not a businessman. I am a business, man.« Das ist der zynische Sturm und Drang unserer Zeit. Er ist nicht bloß Attitüde, sondern Haltung. Denn seine Repräsentanten kommen von unten, ihre Aufmüpfigkeit ist anhand der eigenen Biografie erlernt.

Weil der Rapper Sido neuerdings in der Jury einer Castingshow sitzt und der Gewaltapostel Bushido bei einem Anti-Gewalt-Projekt mitmachte, behaupten manche Journalisten, die bösen Jungs seien angepasst. Aber was hat das mit Anpassung zu tun, wenn Bushido durch die Beschimpfung der bürgerlichen Gesellschaft reicher wird als jeder Bürger, sich dann in ihre Mitte fläzt und grinsend sagt: »Ich scheiß auf deine heile Welt, Mann. Wo siehst du Kinder spielen? Ich seh nur Kinder dealen. Wo dein arbeitsloser Vater ohne Kohle ist und deine Mutter auch im Supermarkt den Boden wischt…« Die Botschaft kommt an bei den Arbeitslosenkindern. Denn Wut, Gewaltbereitschaft und Selbstermächtigungsfantasien des Rap entstammen ihrer Wirklichkeit, deshalb verkauft er sich massenhaft. Seit dem Album Staatsfeind Nr. 1 aus dem Jahr 2005 hat Bushido mit drei weiteren Platten Goldstatus erreicht. Noch ist sein Verliererstolz für die Bewohner der heilen Welt bloß ein Musikmarktphänomen. Aber wer behauptet, die heutige Jugend leide still an den Verhältnissen, könnte eines Tages unangenehm überrascht werden vom Ausbruch eines Hasses, der sich bereits lautstark artikuliert. Wer seine Hoffnung auf ökobewusste Abiturienten setzt, die im Wirtschaftsdarwinismus glücklich werden, könnte von Hauptschulabbrechern Faustrecht gelehrt bekommen.

Und wer ist dann schuld? Die traurigen Streber? Oder die traurigen Chefs, die sie einstellen? Oder wir nicht mehr ganz Jungen und noch nicht richtig Alten, die wir uns über anderer Leute Saturiertheit ärgern und trotzdem nicht protestierend die Konferenz verlassen? Wir haben ja die prima Ausrede, dass defensiver Protest sinnlos ist, weil er niemandem wehtut – so wie die Weigerung der Independent-Rockband Notwist, eine Liedsequenz als Klingelton an die Telekom zu verscherbeln. Rebellion lebt davon, als solche erkannt und gefürchtet zu werden. Deshalb setzen junge Extremisten immer krassere Zeichen. Sie hasspredigen oder prügeln oder töten ja längst unter verschiedenen ideologischen Vorwänden. In den letzten zehn Jahren haben sich Neonazis, gewaltbereite Antifas und Islamistengangs fest formiert. Ihre gemeinsame Botschaft ist ein geharnischter Antiparlamentarismus, der gut zur Politikverdrossenheit vieler Normaljugendlicher passt. Sogar der Verfassungsschutz gibt zu, dass das Internet unaufhaltsam demokratiefeindliches Gedankengut verbreitet, zu dem sich viele Schüler offen bekennen. Warum wird das geflissentlich übersehen? Weil es keine sozial erwünschte Art von Unangepasstheit ist?

Jugendbeschimpfung ist die Kehrseite eines Jugendkultes, der besagt, dass die Jugend besonders idealistisch sei. Es gab aber auch schon reaktionären Idealismus. Wenn Jugend die französische Revolution gemacht hat (Desmoulin), hat Jugend auch guillotiniert (Robespierre, Saint-Just). Wenn das Junge Deutschland gegen den Geist des Biedermeier opponierte, wurde es auch von jungen Metternichianern bekämpft. Wer rannte mit Hurra in den Ersten Weltkrieg? Wer sehnte sich in expressionistischen Gedichten nach Weltuntergang? Wer verteidigte den Faschismus? Jugend mit Charakter. Ihr Idealismus war niemals effizient. Ihr Rebellentum ist nicht unbedingt idealistisch.

»Die Bombe tickt« und »der Osten rollt«, rappt Joe Rilla, aber verschweigt, wohin. »Wir haben das Recht auf Widerstand«, skandieren die Freien Nationalisten Altmark West, aber formulieren keine positive Vision. Hier sprechen die Rebellen der postutopischen Epoche. Sie haben kein Ziel und glauben an keine bessere Welt. Sie sind ohne Zuversicht, kaufen nicht Öko und machen keine Karriere, doch das mit Gewalt. Sie sind Apokalyptiker. In ihrem verletzten Gerechtigkeitsgefühl ähneln sie den Revolutionären alten Stils, aber in ihrer Rücksichtslosigkeit sind sie den Börsencrashern und den Selbstmordattentätern verwandt. Man sollte ihre Weigerung, sich einer Moral zu unterwerfen, ernst nehmen. Es hilft nichts, sich die Ohren zuzuhalten. Denn da entsteht eine Massenkultur der Niederlage, in der die Verlierer den Gewinnern mit ultimativer Rache drohen: der Zerstörung unserer Welt.

Evelyn Finger, 36, ist Redakteurin im Feuilleton der »ZEIT«

 
Leser-Kommentare
  1. Danke für die Realitätsnähe in der Analyse - da weiß ja doch jemand was! Ihre Begründung ist sehr zutreffend, der Schluss, man solle sich fürchten, ist allerdings mehr als rücksichtslos. Dass Isolation zur Aggression führt, und Furcht ein Objekt braucht, also inneren Zusammenhalt durch Ausschluss erzeugt, ist doch klar. Das ist die Politik der Bush-Administration. Wollen sie der Angstgesellschaft etwa den Mund reden? Das ist doch ein überflüssiger Zusatz. Das Wichtige haben sie gezeigt: wenigstens die Anerkennung im Sinne einer Akzeptierung von Menschen, wie sie sind oder sein wollen. Aber diese Einsicht bei der mentalen Macht, die herrscht, mit Drohungen zu erzwingen oder freizukaufen, führt in die entgegengesetzte Richtung zurück. Toleranz und Demut sind doch nicht bloß Eintrittskarten für die oberflächliche Zurschaustellung moralischer Gegensätze? Wo sind denn ihrer Gegensätze genau? So essentialistisch lässt sich nicht ganz argumentieren.
    Vielleicht sollte man weniger in Kategorien denken. Denn wer verändert sich nicht? Auf was gibt es nicht tausende verschieden Perspektiven? Der HipHop ist für die meisten eine Phase, die als Teil des Ganzen irgendwann zurücktritt, und nicht eine politische Ansammlung, die auch wirklich hinter allem steht, was sie sagt. Da hätte man ganz dankbar und einfach den Feind. Aber HipHop ist nur eine der Subkulturen, die ausgeschlachtet werden, unter jungen Leuten zieht man solche Grenzen scharf. Jemand, der ein "Goth" ist, kommt ziemlich unwahrscheinlich mit Rappern klar, aber dass sie alle genug Geld haben, glaube ich nicht. Solidarität ist heute eine Art Stock zwischen den Speichen, weil immer alles eingeordnet werden soll, so, wie die Ordnung es sagt. Ja, es ist natürlich zu sagen, wie machen was wir wollen. Aber dadurch in die Nähe von Staatsfeinden zu rücken, ist eine für die Masse absurde Forderung Ihrerseits. Ist Privatheit schon so sehr Politik? Es ist typisch für unseren Leviathan, Zugeständnisse zu machen, um dann einen Grund zu haben, das Feuer zu eröffnen, wenn sich noch mal etwas muckst. Das bedeutet also eine mutwillige Entfernung von dem, um was es im Zusammenhang geht.
    Ich rate allen Zweiflern, den alten Wein aus den Schläuchen zu lassen und mal zu probieren, wie das auf einen jungen Menschen wirkt, wenn man ihn ernst nimmt und ihm zuhört. Sowas in ein paar Beiträgen hochzufeiern und gleichzeitig erledigen zu wollen, spricht für die Art der deutschen Obrigkeit, wie sie seit je Paraden gehalten hat.
    Vergessen sie nicht, dass die Expressionisten leider so dumm waren, unhinterfragt an den besseren Menschen zu glauben, so dass sie sich von Leuten, die der Macht das Wort redeten, haben ausnutzen lassen, von Älteren, die mehr Erfahrung hatten und schon richtig zu kanalisieren wussten, was da an "gutem" Willen war. So wie sie jetzt. Das einzig gefährliche, was ich an ihrem Artikel also ablesen kann, ist die Vermischung von Kunst und Politik, die zwar in einem Wechselverhältnis stehen, die man aber nicht zusammenrühren kann wie die Zutaten zu einem Kuchenteig. Es waren doch meist Politik und Wirtschaft, welche die Kunst wirksam ausgenutzt haben, und das bis auf den heutigen Tag. Und tun sie bitte nicht so, als ob es die wichtige Kontroverse zwischen Bloch und Lukacs nie gegeben hätte!
    Letztlich, nach genauem Überlegen, ist ihr Schluss noch haarsträubender als der Relativismus Jessens.
    Viele aus dem "Pöbel" haben Hochdeutsch gelernt und die Seiten gewechselt. Jetzt scheinen sie aus Scham und Schwäche die eigenen Wurzeln zu bekämpfen.
    Wer kann was für seine Jugend?
    Leute! Hört zu, und meint nicht gleich, ihr müsstet etwas "gut" machen! Nachvollziehen können, warum jemand schweigt, ist manchmal schon genug. Dann braucht es auch keine ahistorische Umwälzung, vor der man Angst haben muss.

    Langsam entsteht mir der Eindruck, dass dieses Blatt kein Instrument zur Willensbildung ist, sondern eine parteipolitische Parfümerie, dessen Inhaber vor zwanzig Jahren gestorben ist, und dessen Körper den Massen nach wie vor wie eine Marionette vorgeführt wird. Von ganz weit weg.

  2. mal ein blick über den westdeutsch/grossstädtisch/bildungsbürgerlichen tellerrand.
    bei jessens altherren-philippika war ja deutlich erkennbar, dass die relevante "jugend" ausschliesslich aus dem üblichen zeit-referenzrahmen definiert wird (so, wie es bei den unbelehrbar wiederkehrenden pendlerpauschalen-artikeln mit der angeblichen zielgruppe -- westdeutsche grossstädter, die wegen der lebensqualität in's umland ziehen -- auch der fall ist).
    es gibt ein deutschland, das nicht in westdeutschen grossstädten seinen bildungsbürgerlichen hintergrund pflegt -- es wäre hilfreich, wenn jeder der redakteur sich diesen vermerk mahnend an den bildschirm pappt -- dann würde sich vielleicht bei manchen davon auch der horizont weiten ...

    • QUOTE
    • 14.09.2008 um 17:56 Uhr

    ...was ich hier seit LANGER Zeit gelesen habe!

    Nicht nur inhaltlich, auch sprachlich! Bravo!

    • iDog
    • 14.09.2008 um 18:35 Uhr

    Ein bekannter franzoesischer politiker sagte im interview einmal anlaesslich der unruhen in der pariser banlieu : "wer jahrzehntelang wie scheisse behandelt wird , verhaelt sich hinterher auch wie scheisse." eine treffender analyse. wenn nun hier die autorin uns warnt vor der tickenden bombe, dann warnt sie uns alle, wie sie raelistisch belegt, vor uns selber, denn wir haben diese bombe ermoeglicht, wenn wir sie auch nicht mehr unter kontrolle haben. daher wohl auch der furchteinfloessende schluss ? besen besen seis gewesen - moechte man rufen , aber wir sind nicht die meister des zaubertricks, der wie aus dem hut immer mehr verlierer erzeugt und auch zu brauchen scheint , damit der trick weiter funktioniert. ein endliches system dieser trick - soviel steht fest und erreicht langsam mit seiner unausweichlichkeit auch den horizont der intellektuellen elite einer sich zersetzenden gesellschaft ? gerfahrt erkannt - gefahr gebannt ? mitnichten: die systematik ist ein selbstlaeufer. und dieser hoehlt unser gesellschaftlichen werte in einer scheinbaren notwendigkeit aus, bringt die demokratie selber und weiter in immer groessere gefahr.

    "Sogar der Verfassungsschutz gibt zu, dass das Internet unaufhaltsam demokratiefeindliches Gedankengut verbreitet, zu dem sich viele Schüler offen bekenne". sagt der artikel. hoppla - sogar der verfassungsschutz - welch gewaehlte formulierung -ist das hier doch eine kleines werk , um uns anscheinend noch-bildungsbuerger die steigbuegel zu weiteren einschraenkungen der meinungsfreiheit und weiterer kontrolle des einzelnen zu halten, die ja schon im EU parlament im moment verhandelt werden. nachtigal ick hier dir trapsen. hier wird nur die meinungbildung durch die zentralen organe in der variante fuer den halbschlafenden aber eingebildet kritischen bildungsbuerger aufbereitet, das symptom der problematik nicht verschwiegen oder verfremdet, dafuer aber die ursache nicht richtig beim namen genannt. man ergeht sich in andeutungen und ist im effekt mitnichten besser als ein herr jessen, aber erreicht andere leser mit auf diese abgestimmtem tonus.

    eine gesellschaft , die sich seiner demokratischen werte gegenueber nicht mehr selbstbewust stellt, sondern sie sich abkungeln laesst unter wahnhaften vorwaenden, wird sich dieser tickenden bombe nicht erwaehren koennen.

    redemokratisierung kann nur die einzige antwort sein : wir brauchen nicht weniger internet sondern mehr - und zwar als urdemokratisches massenmedium , und nicht als zentralistisches kontrollorgan eines Realitaetsmonopols á la TV.

    weiter zum thema geht es hier.

    euer iDog

  3. Frau finger gelingt eine hervorragende Analyse meiner generation. Ein hervorragender Artikel, der sich mal aus diesen "Jugendanalysen" hervorhebt.

    • zetti
    • 14.09.2008 um 19:23 Uhr

    Die Betrachtung einer Jugend, die auf der Suche nach Idealen oder Vorbildern in unserer Gesellschaft nicht mehr fündig wird. Wo denn auch ?

    In der Politik?
    Schau dir unsere Politiker an und nenne mir eine(n), der zum Vorbild taugt. Schwarze Kassen, Meineide, Erinnerungslücken sind die eine Seite, Lug, Trug und Wahlversprechen die sofort vergessen werden, die Andere.

    Soziale Marktwirtschaft?
    Die Wirtschaft wäre ja OK, wenn unsere Politiker und Beamten nicht für jeden Euro Steuereinnahmen mindestens 1,10 ausgäben. Ein Fass ohne Boden, das von einer Politikergeneration an die nächste weitergegeben wird. Ist ja nicht Ihr Geld.

    Grundgesetz?
    Ist für unseren Gummibereiften Innenminister keine Verpflichtung, sondern ein Hindernis, das seiner Allmachtsphantasie durch totale Kontrolle im Weg steht.

    Freie Presse?
    Hier nur das Beispiel Georgien. Ein total durchgedrehter Saakaschwili greift Süd-Ossetien an und bombt 2 Tage munter drauf los. Kein Schwanz aus Europa oder der Nato scheint es zu Interessiere. Niemand von von Denen, inkl. Presse, die bei Schurkenstaaten wie Iran bei geringeren Verfehlungen losheulen, geben auch nur einen Mucks von sich. Sarkozy (immerhin!) kriegt seinen Arsch erst dann in die Höhe, als Rußland nach 2 Tagen zur Hilfe eilt. Unsere nicht weniger bescheuerte Merkel möchte Georgien auch noch mit der NATO-Mitgliedschaft belohnen.
    Und unsere Presse? Und zwar NUR die "westliche" Presse bezieht einseitig Stellung in einem Maße, daß es an den Rand von Kriegshetze heranreicht. Göbbels hätte seine Freude gehabt.

    Wir sollten uns nicht vor der Unangepasstheit der Jungen fürchten, sondern daß Sie bei einer Eskalation Rückhalt bei allen Generationen finden. Im Gegensatz zu früher sind heute im Zeitalter des Internets vermutlich die Jungen die, die für Werte und einen Idealismus stehen, den wir Alten schon lange vergessen haben.

    Zetti

  4. Eigentlich halte ich viel von Frau Finger. Sie ist sicher eine der talentiertesten in der Zeitredaktion. Aber...

    Denn da entsteht eine Massenkultur der Niederlage, in der die Verlierer den Gewinnern mit ultimativer Rache drohen: der Zerstörung unserer Welt.

    Die Verlierer werden den Gewinnern nichts anhaben können. Sie werden sich nur gegenseitig dezimieren. Und bei den meinen Topkandidaten für den Titel des gefährlichsten Menschen für die Welt ist kein einziger Harz 4 Empfänger dabei, und auch Bushido fehlt auf der Liste.

    Überhaupt Bushido: Das ist doch ein absolut totaler Systemkonformist. Er vertritt doch all die Werte, die in unserer kaptalistischen Welt etwas zählen. Irgendwann wird er seine erste Kinorolle spielen. Schließlich wird er als komödiantischer Sidekick für den sauberen Helden in schlechten Kommerzstreifen enden. Wie weiland Ice Cube. Erinnert sich noch jemand an den? Der war mal "Amerikkka's most Wanted". Alles Pose!!! Und Cube hatte wenigstens noch Talent.

    Ihre gemeinsame Botschaft ist ein geharnischter Antiparlamentarismus, der gut zur Politikverdrossenheit vieler Normaljugendlicher passt. Sogar der Verfassungsschutz gibt zu, dass das Internet unaufhaltsam demokratiefeindliches Gedankengut verbreitet, zu dem sich viele Schüler offen bekennen.

    Ich halte das Internet mittlerweile für die letzte Hoffnung für unsere Demokratie. Das totale Versagen der traditionellen Medien im Umgang mit den Hedgefondmanagern, den Terrorkriegern und den Polit-PR-"Demokraten" hat es so weit kommen lassen. Da wird man schon hellhörig, wenn man immer wieder dieses Internetbashing lesen muss. Sie haben es sicher nicht so gemeint, Frau Finger, dennoch hat eine solche Pauschalkritik des einzigen demokratischen Mediums immer ein Geschmäckle.

    v.

  5. Die Jugend hat recht schnell erkannt, dass moralische Attitüde und bürgerliche Prinzipienherrschaft eine sehr seichte Angelegenheit darstellen. Sinngemäß verhält sich das jugendliche Aufbegehren zur gesellschaftlichen Konzeption im außermoralischen Sinn, d.h. Wahrheit und Lüge sind keine Kriterien um das normative Selbstbild der Gesellschaft ins Wanken zu bringen. Und der jugendliche Mensch ist sich dessen bewusst. Sie wissen sehrwohl, dass es möglich ist, die 'richtige Meinung' zu vertreten, aber im vermeintlichem Glanz der Wahrheit sein Gegenüber richten zu dürfen, dieser, von den Alten usurpierte Wahrheitsanspruch, ist vom jugendlichen Gemüt bereits durchschaut worden. Auf das moralische Gejammer der Alten antwortet der jugendliche Flegel mit der Aufhebung des moralischen Surrogats und dessen scheinheiligen Appell an das Gute im Menschen.
    Die Jugend weiß: Der gute Wille ist letztendlich der schärfste Richter, frei nach Goethe, der stets das Gute will, aber das Böse schafft.
    Dass die Antwort der Jugend teils in verrohter Gewalt auftritt, ist nicht überraschend. Beim Anblick des jugendlichen Barbaren treibt es den Alten die Blässe ins Gesicht. Der erhobene Zeigefinger verkommt zur leeren Geste, die moralische Keule bewirkt das Gegenteil.
    Dass Ideologen und Kulturindustrie sich an diesem Umstand bedienen und die wütende Leere der Jugend mit allerlei fragwürdigen Inhalt füllen wollen, ist ein zusätzliches Übel.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vorsicht! Das mit "Ich bin die Kraft..." bringt auch ein Horst Mahler, wenn Michel Friedman Fragen stellt. Es geht mir dagegen ebenfalls sehr um die Vorausbedingungen eines veränderten Bewusstseins, wie du sie als solche richtig ausgesprochen hast. Mich interessiert unvernünftigerweise dennoch die Frage, ob nicht von sich aus auch ein offener politischer Impuls daraus werden sollte oder könnte, oder ob es tatsächlich reicht, die unsichtbare Hand des Geistes vertrauensvoll wirken zu lassen, um in stummer Haltung das jemals unerreichte Wunder schlicht geschehen zu lassen? Lag das Scheitern anderer "Generationen" etwa nur daran, dass sie meinten, sie müssten etwas tun? Lässt man sich nicht doch in eine Idealisierung des Unterlassens gleiten? Und wären dann, wenn es doch so ist, all die anderen, vor insofern "unrichtigen" Idealisierungen geschützt? Ich glaube ja auch an die Menschen, aber sobald ich sie beobachte, bekomme ich Schwierigkeiten, eine so extreme Relativierung der Lage für ganz voll zu halten. Am Ende war bei "uns" dann der Fehler, dass wir ausgerissen sind, uns immerhin zum verräterischen Schreiben von Kommentaren haben verführen lassen, so dass man herausbekommen haben wird, was llief? Klar, das geht ja zum Glück auf taube Ohren, ne?
    Ich sehe halt nur schon meinen Nachbarn, der in zwanzig Jahren dann hundertzwei sein wird und immer noch lebt, wenn die Linken den Bundeskanzler stellen, nachdem sie im Ab- und Ausgleich mit den anderen als "pragmatische" Partei passabel geworden sind. Wenn Eliten nur noch zocken und Bürger nur noch schweigen. Mein Nachbar würde dann irgendwann rufen: Was wolle die? Erlösung? Ei, von was dann? Die könne was erlebe! Dene komm isch! Und dann geht er in den Untergrund. Und dann gehts richtig ab.

    Vorsicht! Das mit "Ich bin die Kraft..." bringt auch ein Horst Mahler, wenn Michel Friedman Fragen stellt. Es geht mir dagegen ebenfalls sehr um die Vorausbedingungen eines veränderten Bewusstseins, wie du sie als solche richtig ausgesprochen hast. Mich interessiert unvernünftigerweise dennoch die Frage, ob nicht von sich aus auch ein offener politischer Impuls daraus werden sollte oder könnte, oder ob es tatsächlich reicht, die unsichtbare Hand des Geistes vertrauensvoll wirken zu lassen, um in stummer Haltung das jemals unerreichte Wunder schlicht geschehen zu lassen? Lag das Scheitern anderer "Generationen" etwa nur daran, dass sie meinten, sie müssten etwas tun? Lässt man sich nicht doch in eine Idealisierung des Unterlassens gleiten? Und wären dann, wenn es doch so ist, all die anderen, vor insofern "unrichtigen" Idealisierungen geschützt? Ich glaube ja auch an die Menschen, aber sobald ich sie beobachte, bekomme ich Schwierigkeiten, eine so extreme Relativierung der Lage für ganz voll zu halten. Am Ende war bei "uns" dann der Fehler, dass wir ausgerissen sind, uns immerhin zum verräterischen Schreiben von Kommentaren haben verführen lassen, so dass man herausbekommen haben wird, was llief? Klar, das geht ja zum Glück auf taube Ohren, ne?
    Ich sehe halt nur schon meinen Nachbarn, der in zwanzig Jahren dann hundertzwei sein wird und immer noch lebt, wenn die Linken den Bundeskanzler stellen, nachdem sie im Ab- und Ausgleich mit den anderen als "pragmatische" Partei passabel geworden sind. Wenn Eliten nur noch zocken und Bürger nur noch schweigen. Mein Nachbar würde dann irgendwann rufen: Was wolle die? Erlösung? Ei, von was dann? Die könne was erlebe! Dene komm isch! Und dann geht er in den Untergrund. Und dann gehts richtig ab.

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  • Quelle DIE ZEIT, 11.09.2008 Nr. 38
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  • Schlagworte James Dean | Telekom | DDR
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