Früher war es leicht, sich als Rebell zu fühlen. Denn früher, noch vor einer kleinen Ewigkeit von vierzig Jahren, genügten lange Haare, um den Zorn der Alten zu erregen. Wenn mein Kind so rumlaufen würde!, wetterten Zaungäste der ersten deutschen Studentendemos, und manch brav Gescheitelter drohte die Ungekämmten gar totzuschlagen. In der DDR galten Langhaarige damals als Staatsfeinde und konnten im Gefängnis landen. Dass wilde Frisuren heute gesellschaftsfähig sind, ist ein Fortschritt. Doch der Trend zum rebellischen Habitus hat auch etwas von Heuchelei. Unangepasstsein ist heute Mode und der Ruf nach Rebellion längst eine Allerweltsforderung, gern erhoben von der Werbeindustrie. »Rebellion is the only thing that keeps you alive!«, lautet der neue Slogan für die Turnschuhmarke Converse-Allstars, dazu tanzen auf Plakaten junge Sonnenbrillenmenschen mit Wuschelfrisuren. Eine Figur zeigt ihren freien Oberkörper, der »zugescheppert« ist mit Tattoos, wie der Rapper Joe Rilla sagen würde. So sieht Werbung im Zeitalter der Che-Guevara-T-Shirts aus. Kann man eine Jugend, die von klein auf agitiert wurde, sich mit den Insignien der Rebellion zu schmücken, sinnvoll für ihre Rebellionsunlust anprangern?

Wer heute die mangelnde Aufsässigkeit der Jugend beklagt, ist schon Teil des Problems und müsste seine Klage erst einmal aus dem zähen popkulturellen Verblendungszusammenhang herausarbeiten. Er müsste den kollektiven T-Shirt-Individualismus als Ersatzrevolution entlarven. Dürfte frisch angestellte Turnschuhwerbetexter nicht heftiger geißeln als graue Turnschuhkonzernbosse, seine Attacke gegen unsere unsolidarische Gesellschaft nicht schwächen, indem er Junge vorführt und dadurch Alte exkulpiert. Die vorsorgliche Erstickung jugendlichen Aufbegehrens zu beschreiben genügt nicht. Man muss auch sehen, dass der moderne Kapitalismus das vorhandene Rebellische absorbiert, vermarktet, unschädlich macht durch Einverleiben. Ist das nicht das Hauptgeschäft der Medien? Schon am Beispiel James Dean zeigte sich, wie man das Lebensgefühl einer Beat-Generation hollywoodisieren und den Zorn von Außenseitern in einen Kinoerfolg verwandeln kann.

So propagieren die Medien Rebellion und unterminieren sie zugleich. Es gibt aber heute Künstler, die scharfe Gesellschaftskritik üben, mit Hilfe des Pop gegen die nivellierende Kraft des Pop ein rabiates Rebellentum verherrlichen. Sie nennen sich Public Enemy oder Kollegah. Sie sprechen die sozialen Verlierer als Community an, als Klasse, und versetzen sie in permanente Alarmbereitschaft für den Tag X. Die Propagandisten des Hip-Hop wenden sich an Millionen Junge, die keine Hedgefonds managen und keinen Bachelor anstreben, kein Geld für »bewussten Konsum« und keine Chance haben, sich als »effiziente Idealisten« einzurichten. Im intellektuellen Agitationsrap Ende der achtziger Jahre lauteten die Parolen Rebel without a Pause (eine kritische Reminiszenz an James Dean), Louder than a Bomb (eine Kampfansage an das FBI) oder Security of the First World (ein Ultimatum an die weiße Mittelschicht). Die heutigen Hymnen der proletarischen Hardcoresozialästhetik heißen Willkommen in Abschaumcity oder Mukke aus der Unterschicht . Gezielt greift der neue Deutschrap das Kapital an und verhöhnt Marktmechanismen, was bei Summer Cem aus Mönchengladbach folgendermaßen klingt: »Ich habe keine GmbH und keine Tochtergesellschaft, aber wenn ich will, leistet mir deine Tochter Gesellschaft.« Man kann es auch mit den Worten des Brooklyners Jay-Z sagen: »I am not a businessman. I am a business, man.« Das ist der zynische Sturm und Drang unserer Zeit. Er ist nicht bloß Attitüde, sondern Haltung. Denn seine Repräsentanten kommen von unten, ihre Aufmüpfigkeit ist anhand der eigenen Biografie erlernt.

Weil der Rapper Sido neuerdings in der Jury einer Castingshow sitzt und der Gewaltapostel Bushido bei einem Anti-Gewalt-Projekt mitmachte, behaupten manche Journalisten, die bösen Jungs seien angepasst. Aber was hat das mit Anpassung zu tun, wenn Bushido durch die Beschimpfung der bürgerlichen Gesellschaft reicher wird als jeder Bürger, sich dann in ihre Mitte fläzt und grinsend sagt: »Ich scheiß auf deine heile Welt, Mann. Wo siehst du Kinder spielen? Ich seh nur Kinder dealen. Wo dein arbeitsloser Vater ohne Kohle ist und deine Mutter auch im Supermarkt den Boden wischt…« Die Botschaft kommt an bei den Arbeitslosenkindern. Denn Wut, Gewaltbereitschaft und Selbstermächtigungsfantasien des Rap entstammen ihrer Wirklichkeit, deshalb verkauft er sich massenhaft. Seit dem Album Staatsfeind Nr. 1 aus dem Jahr 2005 hat Bushido mit drei weiteren Platten Goldstatus erreicht. Noch ist sein Verliererstolz für die Bewohner der heilen Welt bloß ein Musikmarktphänomen. Aber wer behauptet, die heutige Jugend leide still an den Verhältnissen, könnte eines Tages unangenehm überrascht werden vom Ausbruch eines Hasses, der sich bereits lautstark artikuliert. Wer seine Hoffnung auf ökobewusste Abiturienten setzt, die im Wirtschaftsdarwinismus glücklich werden, könnte von Hauptschulabbrechern Faustrecht gelehrt bekommen.

Und wer ist dann schuld? Die traurigen Streber? Oder die traurigen Chefs, die sie einstellen? Oder wir nicht mehr ganz Jungen und noch nicht richtig Alten, die wir uns über anderer Leute Saturiertheit ärgern und trotzdem nicht protestierend die Konferenz verlassen? Wir haben ja die prima Ausrede, dass defensiver Protest sinnlos ist, weil er niemandem wehtut – so wie die Weigerung der Independent-Rockband Notwist, eine Liedsequenz als Klingelton an die Telekom zu verscherbeln. Rebellion lebt davon, als solche erkannt und gefürchtet zu werden. Deshalb setzen junge Extremisten immer krassere Zeichen. Sie hasspredigen oder prügeln oder töten ja längst unter verschiedenen ideologischen Vorwänden. In den letzten zehn Jahren haben sich Neonazis, gewaltbereite Antifas und Islamistengangs fest formiert. Ihre gemeinsame Botschaft ist ein geharnischter Antiparlamentarismus, der gut zur Politikverdrossenheit vieler Normaljugendlicher passt. Sogar der Verfassungsschutz gibt zu, dass das Internet unaufhaltsam demokratiefeindliches Gedankengut verbreitet, zu dem sich viele Schüler offen bekennen. Warum wird das geflissentlich übersehen? Weil es keine sozial erwünschte Art von Unangepasstheit ist?

Jugendbeschimpfung ist die Kehrseite eines Jugendkultes, der besagt, dass die Jugend besonders idealistisch sei. Es gab aber auch schon reaktionären Idealismus. Wenn Jugend die französische Revolution gemacht hat (Desmoulin), hat Jugend auch guillotiniert (Robespierre, Saint-Just). Wenn das Junge Deutschland gegen den Geist des Biedermeier opponierte, wurde es auch von jungen Metternichianern bekämpft. Wer rannte mit Hurra in den Ersten Weltkrieg? Wer sehnte sich in expressionistischen Gedichten nach Weltuntergang? Wer verteidigte den Faschismus? Jugend mit Charakter. Ihr Idealismus war niemals effizient. Ihr Rebellentum ist nicht unbedingt idealistisch.

»Die Bombe tickt« und »der Osten rollt«, rappt Joe Rilla, aber verschweigt, wohin. »Wir haben das Recht auf Widerstand«, skandieren die Freien Nationalisten Altmark West, aber formulieren keine positive Vision. Hier sprechen die Rebellen der postutopischen Epoche. Sie haben kein Ziel und glauben an keine bessere Welt. Sie sind ohne Zuversicht, kaufen nicht Öko und machen keine Karriere, doch das mit Gewalt. Sie sind Apokalyptiker. In ihrem verletzten Gerechtigkeitsgefühl ähneln sie den Revolutionären alten Stils, aber in ihrer Rücksichtslosigkeit sind sie den Börsencrashern und den Selbstmordattentätern verwandt. Man sollte ihre Weigerung, sich einer Moral zu unterwerfen, ernst nehmen. Es hilft nichts, sich die Ohren zuzuhalten. Denn da entsteht eine Massenkultur der Niederlage, in der die Verlierer den Gewinnern mit ultimativer Rache drohen: der Zerstörung unserer Welt.