Pendlerpauschale Ich will alles, und zwar sofortIch will alles, und zwar sofort

Die Pendlerpauschale zeigt: Nicht nur Politiker handeln kurzsichtig, sondern auch viele Konsumenten

Die Pendlerpauschale zeigt: Nicht nur Politiker handeln kurzsichtig, sondern auch viele Konsumenten von Marc Brost

Erst aufs Land ziehen, wo die Mieten günstiger sind – und sich dann vom Staat den längeren Weg zur Arbeit bezahlen lassen: Für die meisten Deutschen ist das kein Widerspruch. An diesem Mittwoch haben die Verfassungsrichter in Karlsruhe über die Wiedereinführung der alten Pendlerpauschale verhandelt; ihr Urteil werden sie wohl erst zum Jahresende fällen. Das Volk jedoch hat längst geurteilt: Die frühere Pauschale soll wieder her. 30 Cent für jeden Kilometer. Für jeden Arbeiter oder Angestellten, der mit dem Auto, der Bahn oder zu Fuß zur Arbeit kommt. Alles andere wäre ja ungerecht. Oder?

Von wegen. Wer sich die reinen Fakten anschaut, kommt ziemlich schnell zu dem Schluss, dass die Wiedereinführung der alten Pauschale den meisten Pendlern gar nichts brächte: Ihre Fahrtkosten sind niedriger als jene 920 Euro Steuernachlass, die ihnen der Staat ohnehin einräumt – über die Arbeitnehmerpauschale. Diese 920 Euro bekommt jeder Angestellte als Ausgleich dafür, dass Selbstständige fast alle Spesen beim Fiskus absetzen dürfen.

Das also sind die Fakten, man könnte sie kennen. Aber was zählt schon der Kopf, wo es doch um den Bauch geht: Obwohl die meisten Deutschen wissen, dass die vom Staat subventionierte Fahrt zur Arbeit nur die Stadtflucht belohnt; obwohl sie wissen, dass sie der Natur schadet, weil sie die Zersiedelung des Landes fördert; obwohl sie wissen, dass diese Subvention klimaschädlich ist; obwohl die meisten Deutschen all das wissen, wollen sie doch ihre alte Pauschale wiederhaben. Ihr Bauchgefühl sagt nämlich: Das Geld steht dir zu.

Das eine zu wissen, aber das andere zu wollen ist ziemlich charakterlos. Doch leider ist dieses merkwürdige Verhalten eher die Regel als die Ausnahme. Wir beklagen wortreich die weltweite Erderwärmung – wollen aber bitte schön billig in den Urlaub fliegen. Wir sind für den Klimaschutz – aber ein Tempolimit auf der Autobahn wäre ein schwerwiegender Eingriff in unser Grundrecht auf Freiheit. Wir halten branchenweite Mindestlöhne für wichtig – wollen aber beim Einkaufen bloß nicht zu viel zahlen. Wir geißeln die Globalisierung und den Renditedruck des Kapitalmarkts – jagen aber selbst nach den höchsten Zinsen für unser Tagesgeld. Und ganz klar, der Staat soll sparen und Schulden abbauen – doch wenn es darum geht, dass dieser Staat uns Steuern erlässt oder Pauschalen gewährt, dann finden wir das viel besser.

Man hat ja immer gedacht, dass nur Politiker so kurzsichtig handeln. Anthony Downs hat das 1957 in seiner Economic Theory of Democracy zumindest so formuliert. Den Politikern, so Downs, gehe es nicht um Visionen oder lange Linien, sondern bloß darum, die nächste Wahl zu gewinnen. Opportunistisch würden sie jede Position vertreten, die ihnen die meisten Stimmen verspricht. Und es stimmt ja auch: Politiker denken sehr viel an die nächste Wahl, den nächsten Parteitag, die nächste Umfrage. Das Problem ist nur: Die meisten Bürger denken noch kurzfristiger – gerade mal an den nächsten Tag.

Wie sonst kann es sein, dass die ganze Republik auf einmal über den hohen Benzinpreis stöhnt? Dass der hohe Ölpreis so viele Hausbesitzer zur Verzweiflung bringt? Jeder weiß seit Langem, dass fossile Brennstoffe langfristig knapp sind und daher teurer werden. Aber sich deswegen frühzeitig ein spritsparendes Auto kaufen? Oder gezielt in die Wärmedämmung des eigenen Hauses investieren? Doch nicht in Deutschland!

Die Deutschen beharren lieber auf ihre Vollversorgung durch den Staat: Der soll einen Ausgleich schaffen, wenn die Benzinpreise steigen. Er soll Sozialtarife einführen, wenn der Ölpreis klettert. Und wenn die Arbeitsstelle kilometerweit von der eigenen Wohnung entfernt ist, dann soll der Staat die Fahrtkosten subventionieren.

Die Große Koalition hat Anfang 2007 den Fehler gemacht, die Pendlerpauschale nicht komplett zu streichen. Ihr seltsamer Kompromiss, die Steuervergünstigung weiterhin an jene zu zahlen, deren Arbeitsweg länger als 20 Kilometer ist, wird vor den Verfassungsrichtern nicht halten. Ohnehin gibt es inzwischen kaum einen Politiker, der noch für das steht, wofür die Große Koalition einst stand – nämlich Subventionen abzubauen. Es heißt, auch Friedrich Merz, der Bierdeckelreformer, sei jetzt für die Wiedereinführung der alten Pauschale.

Politiker sind verführbar, da hatte Anthony Downs recht. Längst ist die Pendlerpauschale zum Politikum geworden, zum Wahlkampfschlager im bayerischen Landtagswahlkampf. Man kann die Hubers und Becksteins dafür kritisieren. Aber mehr noch als zum Politiker-Bashing taugt der Streit um die Pendlerpauschale als Charaktertest für die Bürger. Was würde passieren, wenn 27 Millionen Arbeitnehmer nach dem Urteil des Verfassungsgerichts sagten: Lasst gut sein, wir brauchen diese Subvention nicht? Es wäre nicht nur eine Überraschung. Sondern endlich einmal charakterfest.

 
Leser-Kommentare
  1. ... wird das nicht langsam langweilig, mit den immer gleichen unbelegten Behauptungen immer wieder gegen die eigenen, ach so selbstsüchtigen und uneinsichtigen Landsleute zu hetzen?

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    Er hat doch Recht.
    Der normale Bürger denkt doch leider nicht einmal von der Wand bis zur Tapete.
    Die Menschen in Deutschland vertrauen aufs Sparbuch, obwohl ihr Vermögen faktisch gesehen durch Inflation dann schrumpft.
    Ist das klug? Ist das vorrausschauend?
    Und genauso kurzsichtig verhalten die Menschen sich in allen anderen Lebensbereichen.

    Er hat doch Recht.
    Der normale Bürger denkt doch leider nicht einmal von der Wand bis zur Tapete.
    Die Menschen in Deutschland vertrauen aufs Sparbuch, obwohl ihr Vermögen faktisch gesehen durch Inflation dann schrumpft.
    Ist das klug? Ist das vorrausschauend?
    Und genauso kurzsichtig verhalten die Menschen sich in allen anderen Lebensbereichen.

  2. 2. -

    Keine Pendlerpauschale, dafür eine Steuerentlastung für alle Steuerzahler wäre die beste Lösung - auch um die ausufernde Bürokratie zu verringern. Aber wir leben in einem Staat, der den Hals nicht voll genug bekommen kann, und zwar schon seit Jahren, und da man den Staat nicht auf geringere Steuern verklagen kann, ...

  3. Genau so wie es Marc Brost geschrieben hat, ist es!

  4. sind eben wahre Volksvertreter.
    Seit 1973 wissen wir, dass Energiesparen die richtige Antwort ist, aber das Gedächtnis ist kurz und wenn der Nachbar einen SUV hat will man selber auch einen. Man kann ja hinterher über die hohen Treibstoffpreise jammern.
    Von Blockheizkraftwerken reden wir schon seit 1975, es hat sich aber nichts getan, wir haben ja Atomenergie und wollen sie länger Nutzen, obwohl wir nicht wissen wohin mit dem Müll. Nach uns die Sintflut ....

    • PW
    • 10.09.2008 um 19:10 Uhr

    Treffend beschrieben. Ähnlich ist die "Empörung", die durchs Netz geisterte, als die Bundesnetzagentur die Preisbindzung für DSL aufgeben wollte, zu verstehen. Daß ein DSL-Anschluß auf dem Land teurer sein soll als in der Stadt kann man manchen Menschen nicht verständlich machen. Bei derartigen Abgründen an Wirtschaftsignoranz braucht man sich über den Zulauf der Linken nicht zu wundern.

  5. Sehr logisch aufgebaut, der Artikel. Üben sie schon für einen Job als Regierungssprecher?

    "Erst aufs Land ziehen, wo die Mieten günstiger sind – und sich dann vom Staat den längeren Weg zur Arbeit bezahlen lassen."
    Natürlich, die Bundesbürger ziehen wegen der Pendlerpauschale aufs Land. Aber nur die Journalisten unter ihnen, weil die nicht rechnen können.
    Man kann sich das Leben als Journalist aber auch einfach machen.

    "Wer sich die reinen Fakten anschaut, kommt ziemlich schnell zu dem Schluss, dass die Wiedereinführung der alten Pauschale den meisten Pendlern gar nichts brächte: Ihre Fahrtkosten sind niedriger als jene 920 Euro Steuernachlass, die ihnen der Staat ohnehin einräumt – über die Arbeitnehmerpauschale."
    Wenn das so ist können wir die Pendlerpauschale ja problemlos wieder einführen. Es bringt uns ja nix also kostet es Steinbrück auch nix.

    Die Problematik der Staatsverschuldung ist ja schon etwas älter. Das Kabinett Kohl hat mal vor 18 Jahren den Eindruck erweckt, die Wiedervereinigung wäre aus der Portokasse zu bezahlen, weil die blühenden Landschaften nur so sprießen würden... Unter der Führung eines ehemaligen Kabinettsmitglieds aus der Regierung Kohl sind es nun vor allem Sozialdemokraten, die ihrer Klientel, nämlich den kleinen Leuten, das Geld aus der Tasche ziehen um die damals aufgehäuften Schulden zu bezahlen und sich hinterher wundern, das diese kleinen Leute jetzt die Bauernfänger Gysi und Lafontaine oder gar die NPD wählen. Gute Nacht, meine Herren!

    Mit freundlichen Grüßen

    Jörg Zehrfeld

  6. Nach langer Zeit habe ich wieder Zeit-Online besucht.

    Und dann das:

    Ein Artikel zu einem wichtigen Thema der Wirtschaftspolitik, der einseitig und polemisch, besser bei Bild Online untergebracht wäre. Also alles wie gehabt.

    Es gibt tatsächlich Argumente gegen die Pendlerpauschale. Aber dieses Niveau wird noch nicht einmal der Hauptschule gerecht.

    Mir ist bewußt, ein unverbesserlicher Sturkopf zu sein. Von einigen Zeitungen wird nun einmal Qualität verlangt.

    Adieu Zeit. In einem halben Jahr schaue ich vielleicht mal wieder vorbei.

    Aber das Lesen solcher Artikel ist leider Zeit-verschwendung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anonym
    • 10.09.2008 um 22:17 Uhr

    ist nicht nur seit monaten das lesen der artikel,
    das schreiben und publizieren dieser artikel ist erst recht ZEIT-Verschwendung:
    verschwendet wird ein kluges politisch/kulturelles blatt, das zu lesen anregung war, so man zwar vielleicht anderer meinung, aber immer interessiert an anderen sichtweisen und information.
    das ist leider vorbei.
    informationsgehalt überwiegend meinungsgeklittert,
    kulturelles auf nabelhöhe gutverdienender (redakteure?),
    politisch zunehmend hugenbergscher polemik sich annähernd.

    an anderer stelle habe ich schon den ZEITschen wert(e)verlust bemängelt.
    die ZEIT ist nicht mehr mein erster klick, der matt(ussek) gewordenene spiegel bringt mir dennoch mehr information, die politische linie ist differenzierter und längst nicht so messianisch verquast und sachlich falsch.
    die ZEIT ist in ihrer gemächlichen art ein ärgerliches kampfblatt geworden.
    dieser artikel hier ist in seinen schmähungen, unlogischen schlußfolgerungen und widersprüchen beredtes, wenn auch harmloses beispiel.
    sachlich argumentieren, herr kuhn, da habe ich nun noch nicht mal mehr ansatzweise lust, auf pamphlete zu antworten lohnt nur dort, wo diskussion standpunkte relativieren hilft und austausch stattfindet.
    in der ZEIT nicht (mehr!).

    es ist mittlerweile, was spd, linke, arbeitnehmer, 'prekariat', usa, russland, georgien, islamischter 'terror' etc. etc. angeht interessanter die kommentare zu lesen als die artikel. nichts neues im westen, nichts neues von joffe, nichts neues von der ZEIT.
    merkel? nicht vorhanden in der politik, nicht vorhanden in der ZEIT: was sollte man auch von der unsichtbaren kanzlerin berichten. gossenprügleien in der cs/du? nichts über zerrissenheit, widersprüchliche konzepte - die ZEIT hat ruh', westerwelle, who???

    wenn es die 'unten' und die spd nicht gäbe - die ZEIT wäre weiß wie toilettenpapier.
    danke, es reicht jetzt nach vierzig jahren. das kleinere übel vetrage ich jetzt nun auch nicht mehr, will ich wissen, was 'reaktion' ist, lese ich BILD.
    dort schreibe ich keine kommentare.
    bald auch hier nicht mehr?

    weg mit der ZEIT-Verschwendung!

    Also mein lieber "korfstroem": Was soll dieser Beitrag? Was hat Sie dazu veranlasst zu behaupten, dass dieser Artikel bei Bild-Online besser aufgehoben wäre? Passt Ihnen vielleicht das Fazit nicht? Nämlich, dass die Pendlerpauschale alten Zuschnitts tatsächlich ordnungspolitischer Schwachsinn ist? Darüber sind sich fast alle Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler einig. Oder fühlen Sie sich entlarvt? Sie sind ein glühender Verfechter dieser ökologisch-ökonimisch und sozialen Widersinnigkeit? Warum? Hat man das vielleicht an Ihrem Stammtisch so dikutiert?

    Viele Grüße

    • Anonym
    • 10.09.2008 um 22:17 Uhr

    ist nicht nur seit monaten das lesen der artikel,
    das schreiben und publizieren dieser artikel ist erst recht ZEIT-Verschwendung:
    verschwendet wird ein kluges politisch/kulturelles blatt, das zu lesen anregung war, so man zwar vielleicht anderer meinung, aber immer interessiert an anderen sichtweisen und information.
    das ist leider vorbei.
    informationsgehalt überwiegend meinungsgeklittert,
    kulturelles auf nabelhöhe gutverdienender (redakteure?),
    politisch zunehmend hugenbergscher polemik sich annähernd.

    an anderer stelle habe ich schon den ZEITschen wert(e)verlust bemängelt.
    die ZEIT ist nicht mehr mein erster klick, der matt(ussek) gewordenene spiegel bringt mir dennoch mehr information, die politische linie ist differenzierter und längst nicht so messianisch verquast und sachlich falsch.
    die ZEIT ist in ihrer gemächlichen art ein ärgerliches kampfblatt geworden.
    dieser artikel hier ist in seinen schmähungen, unlogischen schlußfolgerungen und widersprüchen beredtes, wenn auch harmloses beispiel.
    sachlich argumentieren, herr kuhn, da habe ich nun noch nicht mal mehr ansatzweise lust, auf pamphlete zu antworten lohnt nur dort, wo diskussion standpunkte relativieren hilft und austausch stattfindet.
    in der ZEIT nicht (mehr!).

    es ist mittlerweile, was spd, linke, arbeitnehmer, 'prekariat', usa, russland, georgien, islamischter 'terror' etc. etc. angeht interessanter die kommentare zu lesen als die artikel. nichts neues im westen, nichts neues von joffe, nichts neues von der ZEIT.
    merkel? nicht vorhanden in der politik, nicht vorhanden in der ZEIT: was sollte man auch von der unsichtbaren kanzlerin berichten. gossenprügleien in der cs/du? nichts über zerrissenheit, widersprüchliche konzepte - die ZEIT hat ruh', westerwelle, who???

    wenn es die 'unten' und die spd nicht gäbe - die ZEIT wäre weiß wie toilettenpapier.
    danke, es reicht jetzt nach vierzig jahren. das kleinere übel vetrage ich jetzt nun auch nicht mehr, will ich wissen, was 'reaktion' ist, lese ich BILD.
    dort schreibe ich keine kommentare.
    bald auch hier nicht mehr?

    weg mit der ZEIT-Verschwendung!

    Also mein lieber "korfstroem": Was soll dieser Beitrag? Was hat Sie dazu veranlasst zu behaupten, dass dieser Artikel bei Bild-Online besser aufgehoben wäre? Passt Ihnen vielleicht das Fazit nicht? Nämlich, dass die Pendlerpauschale alten Zuschnitts tatsächlich ordnungspolitischer Schwachsinn ist? Darüber sind sich fast alle Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler einig. Oder fühlen Sie sich entlarvt? Sie sind ein glühender Verfechter dieser ökologisch-ökonimisch und sozialen Widersinnigkeit? Warum? Hat man das vielleicht an Ihrem Stammtisch so dikutiert?

    Viele Grüße

  7. In der Wirtschaft werden Kosten für Benzin/Auto/Versicherung unbegrenzt mit den Einnahmen verrechnet. Es ist inkonsequent und ungerecht, wenn Arbeitnehmer ihre Kosten nicht bei der Einkommenssteuererklärung berücksichtigen können. Unternehmen und Selbstständige aber schin. Mit der Pendlerpauschale konnte man zumindest einen Teil der Kosten steuerlich geltend machen. Wenn schon, sollte die Absetzbarkeit gleichermaßen für Wirtschaft und Privatleute abgeschafft werden.

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