In Berlin gab es kürzlich eine Debatte über Städtebau. Der Bürgermeister Wowereit hat den Berliner Alexanderplatz besichtigt, wo ein rosafarbenes Einkaufszentrum namens Alexa steht. Der Bürgermeister hat gesagt, das Einkaufszentrum sei hässlich. Er persönlich sei überrascht darüber, dass in seiner Stadt so etwas Hässliches überhaupt gebaut werden dürfe.

Die Hässlichkeit des Einkaufszentrums wird, so weit ich es überblicke, von niemandem bestritten. Es ging in der Debatte lediglich darum, wer an der Errichtung eines Gebäudes schuld ist, dessen Hässlichkeit auf dem Erdball ihresgleichen sucht. Keiner will es gewesen sein. Jeder sagt: Die anderen sind es gewesen. Jeder sagt: Ich war ein Widerstandskämpfer. Sie sagen: Nur zu gern hätte ich gegen dieses Bauwerk etwas unternommen. Aber es gab Zwänge. Wer damals, in dieser finsteren, zum Glück überwundenen Epoche, als das Bauwerk bewilligt wurde, nicht dabei gewesen ist, kann überhaupt nicht mitreden. Die Alexa-Debatte erinnert an alle anderen Debatten, die es in Deutschland zu allen anderen Themen gegeben hat.

Ich möchte dafür plädieren, einen neuen Straftatbestand in die Gesetzbücher aufzunehmen. Normalerweise bin ich liberal. Aber neulich hat ein FDP-Politiker dafür plädiert, die Kinder-Überraschungseier zu verbieten. Manchmal verschlucken Kinder nämlich die kleinen Spielsachen, die sie in Überraschungseiern finden. Deswegen wollte er das Verbot. Die Kinder könnten dann wieder, wie früher, Kieselsteine, Vogeleier und Wespen verschlucken. Das ist ja auch ökologischer. Jedenfalls sind Liberale manchmal durchaus für einen starken Staat.

Ich schlage vor, den Tatbestand "Architekturverbrechen" unter Strafe zu stellen. Der Paragraf könnte folgendermaßen lauten: "Personen, die an der Planung, Finanzierung und Errichtung von Bauwerken oder an der Bewilligung von Bauwerken mitwirken, die das ästhetische Gemeinwohl mehr, als nach Abwägung aller Umstände erforderlich, beeinträchtigen oder das Stadtbild schädigen oder die Lebensfreude der Bürger der Bundesrepublik Deutschland dauerhaft in Mitleidenschaft ziehen, werden mit Gefängnis nicht unter zwei Jahren bestraft. Der Versuch ist strafbar."

Wer die Umwelt verschmutzt, etwa durch das Wegwerfen von Müll, wird bestraft. Wer nachts hartnäckig lärmt, wird bestraft. Wer andere beleidigt, wird bestraft. Ein Architekt, der das Schamgefühl seiner Mitmenschen verletzt, indem er in einer Parkanlage sein erigiertes Geschlechtsteil entblößt, wird bestraft oder kommt in eine Klinik. Wenn aber der gleiche Architekt statt seines Geschlechtsteils in oder neben der gleichen Parkanlage ein für sensible Betrachter mindestens ebenso schockierendes, sogar deutlich größeres und deshalb für seine Mitmenschen noch viel besser sichtbares Einkaufszentrum entblößt oder aufstellt, kommt er straffrei davon. Das spricht jeder Gerechtigkeit Hohn, zumal, nach den Gesetzen der Biologie, das Einkaufszentrum dort länger stehen bleibt.

Juristen weisen mich auf ein angebliches Problem hin. Lärm lasse sich objektiv messen. Hässlichkeit dagegen sei subjektiv. Das lasse ich nicht gelten. Wie oft haben in meiner Studentenzeit Nachbarn wegen angeblich unerträglichen Lärms die Polizei gerufen, wir Partygäste fanden aber es gar nicht zu laut. Wenn wir wegen Hässlichkeit die Polizei rufen dürfen, werden sicher Bauherrn und Architekten auf der Straße stehen und heuchlerisch sagen, wieso, ist doch schön, unser Haus. Umso besser. Dann kann man sie gleich alle hopsnehmen.

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