Rock : Jetzt sägen sie wieder

Nicht menscheln, sondern übermenscheln: Nach fünf Jahren kehren Metallica mit ihrem Album »Death Magnetic« zurück

Friedrich Nietzsche würde Metallica lieben. Death Magnetic, das neue, neunte Album der Band würde sich der bekannte Verehrer des frühen Richard Wagner sicher mehrmals täglich und in betäubender Lautstärke zu Gemüte führen. Denn wie beim Komponisten dominiert auch beim Rock des Fachbereichs Metal der Wille zur Überwältigung. Und die chromatische Tonleiter, mit der Wagner etwa in Tristan und Isolde seine metaphysischen Nebelkerzen zündete, gibt es bei den Metallern auch.

Nietzsche wäre vielleicht einer der wenigen, die aus ihrem Wohlwollen für das Genre kein Geheimnis machten. Denn beim Metal hält sich in der Regel lieber zurück, wer etwas auf sich hält. Woran der Metal selbst nicht ganz unschuldig ist. Er ist so weiß und männlich, wie der Soul schwarz und weiblich ist. Und er ist nicht lustig. Abschreckend in Klang, Inhalt, Optik und Darbietung, hat das Genre sich überdies in zahllose Spielarten diversifiziert. So existieren, um nur einige zu nennen, Speed-, Thrash-, Doom-, Black-, Gothic-, Industrial-Metal oder Grindcore nebeneinander, und das keineswegs einträchtig, im Gegenteil. Die Verfechter verschiedener Schulen erachten ihre jeweiligen Substile als einzig wahre Lehre und sind daher einander oft spinnefeind. Was aber alle Stile gemein haben, sind die finster sägenden und rhythmisierenden Gitarren, das hektisch klappernde Schlagzeug und die oft kehlig bis unverständlich gebellten Texte zu komplizierten, meist apokalyptischen Themen. In den Songs geht es oft um Ritter, Tod und Teufel, vor allem aber um den Tod.

Auch auf Death Magnetic wird er wieder angedroht, gefürchtet, ersehnt, erlitten oder auch überwunden: »Suicide / I’ve already died / It’s just the funeral I’m waiting for«. Doch bei aller Wucht kommt hier nie etwas ins Schlingern, alles ist Kontrolle und Kalkül, auch wenn der Boden plötzlich wegrutscht und ein musikalisches Thema jäh das andere ablöst. Das mag nicht immer eine schöne Erfahrung sein, stumpfsinnig ist es nicht. Metal ist eine ernste Angelegenheit und mehr als eine vertonte Verneinung abendländischer Werte. Metal ist in seinem Kern eine verzweifelte Wette darauf, dass es aus der spirituellen Sackgasse unserer materialistisch-nihilistischen Welt zwei hypothetische Auswege gibt: die Umkehr zum wiederverzauberten Menschen einer verklärten Vormoderne – oder den gewalttätigen Durchbruch zum Übermenschen, wie Nietzsche ihn im Sinn hatte.

Auf eine so prekäre künstlerische Grundposition wirken freilich starke Kräfte. Deren musikalischer Ausdruck ist die demonstrative Verzerrung und radikale Atonalität der Gitarren. Wer von letzten Dingen zu singen versucht, der darf nicht anheimelnd klingen. Auch sollten die flirrenden Soli auf Death Magnetic nicht als Angeberei abgetan, sondern, wie beim Free Jazz auch, als existenzielle Setzung und Selbstbehauptung begriffen werden. Das will nicht hässlich sein, es muss. Typisch sind auch die mal böse gezackten, mal liebevoll verschnörkelten Schriftzüge all der Metal-Bands, die aus Traditionsbewusstsein oft jahrzehntelang nicht variiert werden. Wer sich gegen die Postmoderne stemmt, modernisiert eben nicht gerne. So sprechen allein die Veränderungen des Metallica-Logos Bände: Im Säurebad des Erfolges löste sich der ursprünglich scharfkantige Schriftzug auf – Zeichen für die musikalische Häresie und stilistische Heimatlosigkeit von Metallica in den vergangenen 15 Jahren. Auf dem Cover der neuen Platte ist nun die alte Form zu sehen – als kehre eine Reliquie in die Kirche zurück.

Ein ästhetisches Detail nur, das aber auf die Musik selbst verweist: Death Magnetic orientiert sich wieder am »klassischen« Sound der frühen achtziger Jahre, als das episch-komplexe Gebolze von Master Of Puppets oder die progressiven Rifflawinen von …And Justice For All neue Maßstäbe setzten im aggressiv dreschenden Thrash-Metal mit seinen perkussiven, ursprünglich dem Punkrock entlehnten Hochgeschwindigkeitsgitarrenattacken. Im Gegensatz zum Punk – oder auch den anderen Urhebern dieses Genres wie Slayer, Anthrax und Megadeth – gelang Metallica 1991 der ganz große Wurf, künstlerisch wie kommerziell. Das Schwarze Album mit gemäßigt metallischen Single-Hits wie Enter Sandman, The Unforgiven oder der geradezu rührseligen Ballade Nothing Else Matters verkaufte sich bis heute mehr als 36 Millionen Mal. Was die Beatles für den Beat waren, das wurden Metallica für den Metal – Überwinder des Bestehenden, indem sie es popularisierten.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Uff - jetzt sägen sie wieder

.. die Damen und Herren von der Kritik, und unter Nietzsche läuft bei Metallica eh nix.

Der Artikel hält sich nicht lange mit dem Anlaß auf, die Platte ist es nicht wert, im Detail besprochen zu werden, um dem Leser einen Eindruck zu vermitteln. Stattdessen muß wieder mal ein Abriß zur Geschichte von 42 herhalten. Und "unlängst" hat Rick Rubin Johnny Cash aufgenommen.. der ist seit fünf Jahren tot.

Auf dem tristen novembergrauen Münchener Flughafen las ich einst ein Interview von Angus Young - gute Musik ist die, bei der mein Fuß zu wippen anfängt.

Bei dem Artikel wippt und schwingt nichts, höchstens die Peitsche, um dem Kritiker einzubläuen, daß Metallica Musik und keine Philosophie schreibt und spielt.

Grmpf aus Melbourne
Peter

Zwei Kritikpunkte:

1. Metal als Subgenre des Rock zu betrachten ist blaßphemisch (Nein, mal im Ernst, von dem hat er sich schon vor Dekaden gelöst...die Tatsache, dass Metallica prinzipiell noch so klingen wie damals ist keine Begründung die zur Band bestehende Verbindung auf das ganze Genre zu übertragen)

2.Unter Metalhörern herrscht definitiv keine Feindschaft, sondern eine ziemliche Geschlossenheit gegen den Mainstream.