Volk Rassen im Paradies
Von der Völkerkunde bis zur Globalisierung: Der verräterische Blick auf die anderen, in Stichworten
Völkerkunde: Der Grieche Herodot, geboren um 480 vor Christus, wird oft Urvater der Völkerkunde genannt. Er schildert die Kulturen der Ägypter, Skythen, Perser und anderer Völker des Altertums. Auch der Römer Tacitus zählt zu den Ahnherren der Disziplin.
Ethnografie: Spätere Pioniere sind die arabischen Gelehrten Ibn Battuta und Ibn Khaldoun sowie der Venezianer Marco Polo, der vom Leben am Hof des chinesischen Kaisers berichtet. Diese reisenden Beobachter sind die Vorläufer der Ethnografie, der Völkerbeschreibung.
»Grimmige Menschenfresser«: In der Renaissance, dem Zeitalter der Entdeckungsreisen, werden unbekannte Völker mit eurozentrischem Blick zu Barbaren herabgestuft. Die Beschreibung dient ihrer Unterwerfung und Vernichtung. Ein Exempel liefert der deutsche Landsknecht Hans Staden im Bericht über die wilden nacketen grimmigen Menschfresser in der Newenwelt America (1557). Eine rühmliche Ausnahme ist der Dominikanermönch Bartolomé de Las Casas, der Leben und Leiden der südamerikanischen Indianer schildert und Gräueltaten der Konquistadoren anklagt.
Paradies: Während der Aufklärung im 18. Jahrhundert wird der böse zum edlen Wilden, bei Jean-Jacques Rousseau verkörpert er den Urzustand des Menschen, und in den Journalen von Louis-Antoine de Bougainville lebt er im Paradies von Tahiti.
Rasse: Philosophen wie Christoph Meiners begründen im 19. Jahrhundert die biologische Andersartigkeit außereuropäischer Völker und die Inferiorität der »primitiven« Eingeborenen – eine deterministische Lehre von der Ungleichheit der Rassen, die die Vorstellungen im Zeitalter des Imperialismus prägte.
Ethnologie: Zugleich entsteht eine Gegenbewegung durch den Engländer William Frederic Edwards, der 1838 die Society for the Protection of Aborigines gründet, die erste ethnologische Gesellschaft. Die Ethnologie steckt ihr Forschungsfeld ab und wird in den Fächerkanon der Universitäten aufgenommen.
Kolonialismus: In Europa entstehen völkerkundliche Museen, in denen bis heute Raubgut der Kolonialära ausgestellt wird. In Deutschland lehrt ab 1873 Adolf Bastian als Erster das junge Fach der Völkerkunde.
Anthropologie: Im 20. Jahrhundert entstehen verwandte Fächer wie die Kulturmorphologie von Leo Frobenius oder die Anthropologie, entwickelt durch Franz Boas, Bronislaw Malinowski, Alfred Radcliff-Brown oder Edward Evans-Pritchard. Margaret Meads romantisierende Feldstudien über Südseeinsulaner machen Furore; deren wissenschaftlicher Wert wird heute bezweifelt. In Frankreich vertritt Claude Lévi-Strauss den ethnologischen Zweig der strukturalistischen Denkschule. Sein Werk Traurige Tropen wurde zum Klassiker der (selbst)kritischen Völkerkunde.
Moderne Forschungsdisziplinen: Heute überschneiden sich die ethnologischen Forschungsgebiete mit denen der Geschichts-, Kultur- und Religionswissenschaften, der Soziologie und der Linguistik. Neben ihrer Arbeit in Museen und an Universitäten beraten Ethnologen heute Entwicklungshelfer und liefern Medien Einblicke in fremde Gesellschaften.
Globalisierung: Ethnologen sind Mittler zwischen den Kulturen, als »Übersetzer« in einer vielfältig verflochtenen globalisierten Welt tragen sie zur Völkerverständigung bei. Sie untersuchen aber auch Subkulturen und Minderheiten im eigenen Land.
- Datum 28.11.2008 - 11:18 Uhr
- Serie Bildungskanon
- Quelle DIE ZEIT, 11.09.2008 Nr. 38
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