Die Sehnsucht könnte größer nicht sein, nach dem Alten, nach barocker Pracht, klassizistischer Größe, nach Fachwerkgemütlichkeit. Ein heftiges Rekonstruktionsfieber hat die Republik erfasst, überall werden Schlösser, Kirchen und Bürgerhäuser im alten Stil neu erbaut. Wer nach den Gründen für die Retrolust fragt, bekommt meist eine Antwort: Die Architektur der Gegenwart sei schuld, zu viel Glas und Stahl und Nacktbeton, zu kalt, zu herzlos.

Tatsächlich lässt sich nicht bestreiten, dass vieles von dem, was heute gebaut wird, banal und nichtssagend ist. Doch wer genauer hinsieht, wird überrascht feststellen: Die zeitgenössische Architektur ist weit vielfältiger und fantasiereicher, als viele meinen, ja, sie ist eine Wunderkammer aus Technik und Sinnlichkeit. So jedenfalls lässt sie sich derzeit in Basel besichtigen, in einer staunenswerten Ausstellung des Schweizerischen Architekturmuseums. Dort werden kunstvoll verdrehte Ziegelsteinwände gezeigt, glänzende, in Acryl eingeschlossene Bronzespäne, feine florale Verästelungen aus Stahl und viele weitere Beispiele dafür, wie sehr sich die Architekten wieder für Schönheit, für Ornamente interessieren.

Die kunstvolle Ziegelwand zum Beispiel umgibt das Weingut Gantenbein in Graubünden, vor zwei Jahren errichtet. Nicht Maurer-, sondern Roboterarme haben die Steine gegeneinander versetzt aufgeschichtet, so elegant, dass dabei ein wechselndes Lichtspiel entsteht, das an die sinnliche Wirkung ornamental durchbrochener Wände in der islamischen Architektur erinnert. Aus der Ferne betrachtet, meint man sogar, das Bild von Weintrauben zu erkennen, gewissermaßen einen dezenten Hinweis auf die Funktion des Gebäudes. So veranschaulicht das Schweizer Weingut genau den Balanceakt, der oftmals den Reiz des heutigen Ornaments ausmacht: modernste, technomediale Finesse auf der einen Seite, auf der anderen die Rückbindung an lokale oder auch exotische Ornamenttraditionen. Kühl-rationale Konstruktionen werden von geheimnisvollem Zauber kontrastiert. Technik und Schönheit gehen ein neues Bündnis ein.

Damit scheint sich zu bewahrheiten, was John Ruskin bereits 1853 in The Stones of Venice als die Aufgabe des Ornaments beschrieb: die Menschen »glücklich zu machen«. Allerdings bedeutet Schönheit via Ornament, das verdeutlichen andere Beispiele in Basel, keine glatte, idealisierte Schönheit, sondern eine gebrochene, bisweilen deformierte Schönheit. Manchmal sind es Ornamente aus Industrieabfällen, manchmal verwandeln sich aber auch Verwitterungsspuren oder Zufallsprozesse in Schmuckformen.

Es sind technische Ornamente, nicht kitschig, nicht rückwärts gewandt

Woher die neue Freude am Ornament rührt? Zum einen gibt es eine neue Offenheit für die Architekturgeschichte; da der Griff in die historische Schatztruhe jedoch meist mit dem technologischen Experiment einhergeht, wirkt das Ornament nicht kitschig oder rückwärts gewandt, sondern wird zu einer Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Zum anderen gibt es in unserer mit Bildern und Informationen überladenen Gegenwart ein wachsendes Bedürfnis nach Orientierung. Ornamentale Gebäude ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, sie lösen Erinnerungen und Assoziationen aus, sie appellieren an frühere Sinneseindrücke, können so Identität stiften oder festigen.

Gerade durch die ständige Innovation von Entwurfs- und Herstellungsweisen, insbesondere durch die Möglichkeiten individueller Maßanfertigung, kommen Ornamente auch dem heutigen Bedürfnis nach Einmaligkeit, nach Individualisierung entgegen.

Den größten Experimentalraum bieten derzeit Medienfassaden, dort mischen Ornament, Bild, Schrift und digitale Kunst. In Córdoba zum Beispiel wird bis 2011 nach Plänen von realities:united und Nieto Sobejano Arquitectos eine Medienfassade für ein neues Medienkunstzentrum am Flussufer entstehen. Schon im Miniaturmodell zieht sie uns in ihren Bann: Die mit wabenartigen Vertiefungen modulierte Betonwand wird in Anlehnung an die lokale maurische Ornamentik tagsüber als sinnlich-taktile Ornamentfläche mit wechselnden Lichteffekten faszinieren. Nachts werden dank indirekter Hinterleuchtung abstrakte Muster oder Personen in tänzerischer Bewegung auf der Fassade erscheinen.