Marie Antoinette Glaser ist enttäuscht. Nirgends klafft eine Baugrube, kein Presslufthammer wummert, eine Planierraupe ist im Herzen Zürichs schon gar nicht zu entdecken. Hätte sie doch nur auf den Internetseiten des Tiefbauamtes nach Baustellen geguckt – doch da! Sie bleibt stehen, lauscht wie eine Ornithologin, die das Flöten eines seltenen Singvogels vernommen hat. Tatsächlich – ein leises Sirren ist zu hören. »Eine Säge«, sagt sie, und ihre Augen leuchten. »Nein, eine Flex«, korrigiert sie sich, späht in die Seitenstraße. Und seufzt dann: »Ach, da renoviert nur jemand.«

Nichts wie weiter, in Richtung See. Dort am Bellevue bauen sie das alte Grand-Hotel um. Glaser stapft los. Was andere Menschen zur Verzweiflung treibt, weil es Lärm und Gestank, Dreck und Stau bedeutet, lässt ihr Herz höher schlagen: Marie Glaser ist Baustellenforscherin. »Mit dem Etikett werde ich wohl leben müssen«, sagt sie. Ganz falsch ist es ja nicht: Die 37-jährige Kulturwissenschaftlerin hat in den vergangenen beiden Jahren Baustellen inspiziert, mit Architekten, Bauunternehmern und Arbeitern gefachsimpelt, Literatur und Bildarchive durchforstet. Nun legt sie das Buch Baustellen. Metamorphosen in der Stadt (Verlag Lars Müller) vor.

Am liebsten hätte sie selbst auf dem Bau angepackt. Doch gibt es zwar immer mehr Bauleiterinnen und Kranführerinnen, aber Frauen verlegen keine Armierungseisen oder spritzen Beton. Also schickte sie einen Freund auf Maloche, der bald vom Bauarbeiterwissen profitierte: Haut man sich mit dem Hammer auf den Daumen, hält man die Hand eine Weile hoch über den Kopf – schon verschwindet der Schmerz.

»Bilder von Baustellen dienen seit 150 Jahren als Glücksversprechen«

Unter Baustellenforschung verstand man bisher Fachspezifisches zu Fragen der Logistik, der Materialkunde oder der Sicherheitsbestimmungen. Glaser hingegen nimmt die Baustelle als Lebensrealität und kulturelles Phänomen in den ethnologischen Blick: »Mich interessiert das vermeintlich allzu Bekannte in der eigenen Welt.« Ihr geht es nicht darum, einen neuen Forschungszweig zu etablieren. Sie will zeigen, dass die Baustelle mehr ist als ein Ärgernis. Hier realisiert sich schließlich der Plan des Architekten zum fertigen Bauwerk. Außerdem sagt die Baustelle, versichert Glaser, mehr über unsere Kultur aus, als uns bewusst ist.

Jene am Bellevue passt sich perfekt in die Stadt ein. Sie ist sorgfältig mit Planen verhüllt, die Baucontainer sind hübsch rot angestrichen und aufgesockelt, sodass der Autoverkehr darunter weiterfließen kann. »Längst betrachten die Generalunternehmer Baustellen als Visitenkarte«, erklärt Glaser. »Die Baustelle wird zur Schaustelle.« In Zürich-West, wo der Baubeginn des Prime-Towers, mit 126 Metern das höchste Gebäude der Schweiz, bevorsteht, wurde eine Webcam installiert, damit jeder den Baggern via Internet zusehen kann.

Marie Glaser arbeitet derzeit am Wohnforum des Architektur-Departements der ETH Zürich. Dort erforscht sie seit einigen Monaten, warum bestimmte Siedlungen über lange Zeit hinweg bei ihren Bewohnern beliebt sind und andere nicht. »Nur wenige Architekten interessieren sich für die Frage, was ein Haus für die Bewohner lebenswert macht«, sagt Glaser. Für sie ist die Architektur eben kein Kunstwerk, das für sich allein steht, sondern nur ein Element im Prozess des Entstehens und der späteren Nutzung. Das verbindet ihre Wohnforschung mit ihrem Interesse an Baustellen aller Art. Der erste Impuls zur Baustellenforschung war allerdings ein privater, zufälliger: »Ich habe mich über den Lärm geärgert«, sagt sie. Während ihrer Dissertation hatte sie eine Baustelle vor dem Fenster. Fast wahnsinnig sei sie dabei geworden. Doch irgendwann schlugen sie die Arbeiten auf der anderen Straßenseite in den Bann: Das Schweißen im Dunkeln fand sie toll. »Und die Bagger, das tiefe Loch in der Erde – mich packt das Grobe, Unfertige.«