Diesem Mann vertraut Udo Lindenberg beinahe grenzenlos. Er nimmt ihn mit zum Einkaufen, zum Schwimmen, zum Essen, er lässt sich von ihm seine Farben mischen, wenn er malt und vom Hotel abholen, wenn er einen Termin hat. In Eddy Kante hat der berühmte Sänger Bruder, Sohn, Kumpel, Beschützer, Mutter und Kindermädchen – alles in einem. »Wenn Udo ein Kaugummi braucht, ich hab es dabei«, sagt Eddy Kante, »ich trag seine Sonnenbrillen hinter ihm her, und ich habe immer genug Brillenputztücher dabei.« Kante hat auf Reisen außerdem immer einen Aktenkoffer mit, der alle Sachen, die Udo braucht, in doppelter Ausführung enthält. Kante ist im Grunde Udos Back-up.

Aber wenn man diesem Eddy Kante, 48, der seit 26 Jahren Lindenbergs Bodyguard ist, das erste Mal begegnet, würde man ihm nicht mal eine Sekunde lang den Hausschlüssel anvertrauen. Kante fährt mit seiner schwarzen Corvette vor, dem klassischen Ludenauto. Er schält sich aus dem Wagen, anders kann man das nicht nennen. Das Erste, was man sieht, sind Schlangenleder-Cowboystiefel. Dazu trägt Kante einen dunklen Nadelstreifenanzug, sein Kopf ist kahl rasiert. Er ist sehr groß, muskulös, am kleinen Finger steckt ein Totenkopfring, seine schwarze Sonnenbrille nimmt er nicht ab, als er sich vorstellt: »Eddy Kante, Eddy mit Y«, darauf legt er viel Wert. Dann schlurft er lässig auf das Spielcasino Hohensyburg zwischen Dortmund und Hagen zu, das er vorgeschlagen hatte als Treffpunkt. Im Spielsaal stehen Männer in schlecht sitzenden Sakkos, an der Bar sitzen Frauen, die aussehen, als verdienten sie ihr Geld damit, sich zu verkaufen, manche nennen so was halbseiden. Eigentlich passt einer wie Kante da gut hin, könnte man denken. Er sieht aus, wie er heißt, und dass er dann auch noch diesen Job hat, ist schon fast zu viel der Klischees.

Eddy Kante hat gerade frei, »weil der Udo ist auf’m Schiff. Kreuzfahrt. Aber echter Urlaub ist das nicht, da hat er dauernd Meetings. Ich bin froh, dass ich nicht dabei bin.« Denn frei hat ein Bodyguard eigentlich nie. Kante sagt, sein Job dauere mindestens 20 Stunden am Tag. Udos Tage sind lang, besonders die Nächte, vor allem im Moment. Udo Lindenberg hat im Frühjahr eine neue Platte gemacht, es ist die Wiederauferstehung zum x-ten Mal. Sein Album Stark wie Zwei hat sich fast 400000 Mal verkauft, bekam Platin und dreimal Gold. Seit über 13 Jahren malt Lindenberg außerdem, kürzlich hat er seine Werke in einem Bildband veröffentlicht. Am Sonntag eröffnet eine Ausstellung in Baden-Baden, vom 1.Oktober an ist er dann mit seinem Panikorchester auf Tournee.

Kante kommt aus Hagen, er ist dort aufgewachsen und wieder mal zu Besuch, sein Sohn wohnt dort. Eigentlich lebt Kante ja in Hamburg, wo Udo lebt. Aber er fand Hagen als Treffpunkt gut. »Denn das ist ja meine alte Heimat«, sagt er und geht aus dem Casino raus zu einer Aussichtsterrasse. »Aus Hagen gehen alle weg. Hier wirste nix. Nena, Extrabreit, die kommen alle von hier«, sagt Kante und guckt auf die Stadt, die unten in der Sonne liegt. Kante ist von zu Hause abgehauen, da war er zehn, sein Vater habe ihn oft verprügelt. Er trieb sich rum, fand bei Tante Hildegard und Onkel August Aufnahme, dann wurde er Rocker: Ein bisschen kriminell, jede Menge Schlägereien, schließlich kam er in den Jugendknast, weil er sooft beim Schwarzfahren erwischt worden war. Als er rauskam, wusste er erst nicht, wohin. Aber zum Glück gab es den Udo.

Angefangen hatte es mit Eddy Kante und Udo Lindenberg, da war Eddy 13 und ein ganz normaler Fan, der sich bei Konzerten in die erste Reihe kämpfte. Einmal schaffte er es bei einem Konzert sogar in den Backstage-Bereich und fragte Lindenberg nach einem Autogramm. Mit 15 tätowierte er sich selbst vor dem Spiegel »Udo Lindenberg« auf den Arm. Und bei einem der nächsten Konzerte gab ihm Udo seine Karte und sagte: »Komm mal nach Hamburg und besuch mich.« Mit 18 fuhr Kante tatsächlich hin. Kante war damals schon ein Brecher, »das letzte Mal Prügel bezogen hatte ich mit 14. Das war meine Referenz«, sagt er. Dann, als er Lindenberg besuchte nach dem Jugendknast, mit 22, fragte der ihn, ob er nicht sein Bodyguard werden wolle. Kante sagte Ja. Und in den 26 Jahren seit damals, sei niemand Udo mehr ernsthaft zu nahegekommen, sagt Kante.