Der Kultursommer ist vorbei, über der Bayreuther Soap-Opera hat sich der Vorhang gesenkt, der Alltag hat uns wieder. Pünktlich zu Schulbeginn flattert uns da der nächste Aufreger auf den Schreibtisch: Das Schwarzbuch Waldorf von Michael Grandt will allen Eltern, die mit der alternativen Waldorfschule liebäugeln, die Augen öffnen. Dafür hat der Verfasser, selbst ernannter Experte in Sachen »Nationalsozialismus, Scientology, Satanismus«, selbst die Augen zugekniffen und alles, was nicht ins Raster seiner Verschwörungstheorie passt, ausgeblendet. Und das ist ziemlich viel.

Vor zehn Jahren hat Grandt den Schulgründer Rudolf Steiner (1861 bis 1925) schon einmal ins Visier genommen, und zwar mit niederschmetterndem Ergebnis. Sein Schwarzbuch Anthroposophie, das die weltanschaulichen Hintergründe der Schulen zu erhellen vorgab, strotzte vor Fehlern und verschwand schließlich im Orkus. Gelernt hat der Autor daraus offenbar nichts.

Das Schwarzbuch Waldorf (Gütersloher Verlagshaus; 224 S., 16,95 €) zeugt davon, dass Grandt das Internet abzugrasen weiß (die Literatur-Recherche hat er sich grosso modo erspart) und Ahnung davon hat, wie man Skandal macht. »Muss ein Autor, der über den Nationalsozialismus publiziert, etwa ein Nationalsozialist sein?«, fragt er. Er meint damit, ob nur Anthroposophen über die Anthroposophie dozieren dürfen. Diese Vergleichsebene ist schändlich. Dass die Waldorfschulen im Nationalsozialismus verboten waren und Anthroposophen in den Konzentrationslagern starben, erfährt der Leser nicht.

Und zwar mit gutem Grund: Für Grandt ist die Anthroposophie eine okkult-esoterische Veranstaltung mit rassistischen Untertönen und ihr Begründer ein Rassist. Wahr ist, dass Rudolf Steiner Äußerungen von sich gegeben hat, die nach Auschwitz unerträglich klingen; wahr ist aber auch, dass die Waldorfschulen, die mit den einschlägigen Passagen aus Steiners Werk nie gearbeitet haben, hier längst und überdeutlich auf Distanz zu ihrem Gründervater gegangen sind. Und wahr ist schließlich, dass Steiner sich in den Denkfiguren seiner Zeit bewegt hat und dezidiert »kein Rassist sein wollte«, wie der waldorfkritische Historiker Helmut Zander 2007 in seinem Opus magnum Anthroposophie in Deutschland festgestellt hat.

Michael Grandt schert das nicht. Er will bru-talstmögliche Aufklärung betreiben, auch wenn die Fakten dabei auf der Strecke bleiben und der Satzbau regelmäßig entgleist. Dass es keinen Lehrplan auf den Waldorfschulen gebe, ist ebenso großer Unfug wie die Behauptung, dass der Hausbesuch des Klassenlehrers der elterlichen Kontrolle diene. Gegenläufige Argumente knetet der schwäbische Zielfahnder so lange zurecht, bis sie in sein Munitionsdepot passen: Aus einer insgesamt positiven Studie werden ein paar abschätzige Wortmeldungen ehemaliger Schüler extrapoliert, die Beschneidung des Fernsehkonsums für Sechsjährige, inzwischen State of the Art in der Hirnforschung, wird als irrationale Manipulation verteufelt. Den Geboten wissenschaftlicher Objektivität, die Grandt hochhält, spricht sein Prozedere Hohn.

Es ist ein Leichtes, Rudolf Steiner lächerlich zu machen. Seine kurvenreiche Sprache wirkt heute befremdlich, sein Denken sozialromantisch aufgeladen. Dennoch teilen viele Eltern Steiners Überzeugung und pädagogisches Leitmotiv, dass in jedem Kind »verborgene Möglichkeiten schlummern, die erweckt werden können«. Sie mögen sich über zu große Klassen ärgern, über schlechtes Krisenmanagement und andere Fehler im System. Nirgendwo aber wird vehementer über den Umgang mit Steiners Schriften gestritten als unter den Anthroposophen selbst. Das wissen offenbar auch die Kultusministerien, die Michael Grandts Konspirationswahn nicht nachvollziehen können. Und das ist gut so.