Vielleicht ist alles nur mehr eine Frage der Schmerzgrenze. Ja, er könne sich durchaus vorstellen, eines Tages seine Partei, die alte SPÖ, nicht mehr zu wählen, "allerdings nur mit den allergrößten Bauchschmerzen", sagt der Wirtschaftsexperte Ferdinand Lacina, der 13 Jahre lang während der Regierungszeiten von Kreisky, Sinowatz und Vranitzky in unterschiedlichen Funktionen für die Sozialdemokraten mit am Kabinettstisch saß. Demnächst werde er aber seine SPÖ wieder wählen – noch einmal: "Da ist das Bauchweh nicht ganz so groß."

Wenn ein ehemaliger Finanzminister darüber sinniert, ob er der Bewegung, in der er den größten Teil seines Lebens zugebracht hat, den Rücken kehren soll, nicht im Groll, sondern aus Resignation, dann müssten in der Parteizentrale die Alarmsirenen aufheulen. Sie bleiben jedoch stumm. Die Partei hat jetzt wichtigere Aufgaben: Sie muss mit allen Mitteln ihren neuen Hoffnungsträger zur Nummer eins machen. Koste es, was es wolle. Das hat auch Lacina eingesehen, und deshalb unterstützte er zum Beginn der heißen Wahlkampfphase in der vergangenen Woche den neuen Parteichef demonstrativ und öffenlichkeitswirksam. Loyalität hat Priorität.

Dennoch gilt Lacina, 65, vielen inner- und außerhalb der SPÖ derzeit als das linke Gewissen der Genossen. Im Vorfeld des letzten Parteitages in Linz, der eigentlich als Krönungsfeier für Strahlemann Werner Faymann gedacht war, verfasste er einen besorgten Brief, in dem der populistische Kurs, den die Partei neuerdings eingeschlagen hat, angeprangert wurde. Ein langjähriger Freund, der einmal in der Parteizentrale mit an den Fäden der Organisation gezogen hatte, habe ihn mobilisiert. "Ihr Alten solltet euch jetzt zu Wort melden", habe der Mann verlangt. "Bei vielen, die irgendwann einmal mit der Sozialdemokratie sympathisiert haben, herrscht mittlerweile ein tiefes Unbehagen", meint Lacina. Der berüchtigte Leserbrief an den Zeitungskönig Hans Dichand, die Unterwerfungsgeste vor dem Boulevardblatt Kronen Zeitung, sei da nur noch "das Tüpfelchen auf dem I" gewesen. "Es gibt aber auch einige, gar nicht so wenige, die haben inzwischen den Glauben an die Reformierbarkeit dieser Bewegung verloren", sagt der bedächtige Ökonom. Er sagt das wie ein Bilanzbuchhalter, dem die roten Zahlen großes Kopfzerbrechen bereiten.

Wie die Sozialdemokratie so ist die gesamte Linke in eine scheinbar ausweglose Sinnkrise abgedriftet. Auf die Umbrüche und rasanten Umwälzungen der vergangenen beiden Jahrzehnte fand sie kaum Antworten. Da ergeht es den Linken nicht anders als den Konservativen: Beide Antipoden haben den Boden unter den Füßen verloren. Sie stellten nicht einmal die entscheidenden Fragen: Wie verändert sich die Lebenswelt der Menschen, und vor welchen Problemen stehen sie nun in ihrem Alltag?

Tendenziell sind Sozialdemokraten strukturkonservativ. Sie orientieren ihre Politik an den Denkmustern einer Arbeiterbewegung aus der untergegangenen Welt einer Industriegesellschaft, in dem das Heer der Werktätigen täglich von dem Moloch Fabrik verschlungen wurde. "Von einer Arbeiterbewegung aber kann doch nicht mehr die Rede sein", meint Ferdinand Lacina, "Sozialdemokraten müssen sich heute als die Vertretung der weniger Privilegierten verstehen, denen sie neue Lebenschancen eröffnen sollten." Eine Idee, die, sollte sie die Parteizentrale erreichen, wahrscheinlich merkwürdig exotisch klänge. Zuerst verlor die mächtige Organisation ihre Massenbasis, dann entkamen ihr die Wähler. Nun fehlt ihr der Nachwuchs. Sie ist heute, mehrheitlich, die letzte Hoffnung der Pensionsempfänger. Ein triumphaler Wahlsieg würde heute bei 30 Prozent der Stimmen liegen. "Wer sich verengt, der stößt Talente ab", findet Lacina.

Als der junge Ökonom als Referent in der Arbeiterkammer mit konkreter Politik in Berührung kam, herrschten noch "ungeheure Technologiegläubigkeit und technokratischer Planungsoptimismus", erinnert sich Lacina. "Wir hatten das Gefühl: Die Zukunft ist machbar." Damals dampften noch die Schlote der verstaatlichten Industrie, und darin sahen auch junge Linke einen Garant für das "Gleichgewicht der Klassenkräfte". Nie mehr Massenarbeitslosigkeit, sondern allmähliches Wohlstandswachstum stolzer Gewerkschaftsmitglieder. Die wohlgeordnete Welt eines roten Biedermeiers.

Die Vorstellung, die Schlote könnten erkalten und die Energie eines Modernisierungsgenerators namens Globalisierung das fest gefügte System implodieren lassen, schlich sich nicht einmal in rote Albträume. Noch in seiner Zeit als Finanzminister musste Lacina aber beginnen, Abschied von diesem Schlaraffenland zu nehmen. Der Widerstand veränderungsresistenter Gewerkschafter zermürbte schließlich den Reformer. Er nahm den Hut.