Ende Juli trat das iPhone 3G in mein Leben. Seitdem habe ich es geliebt und gehasst, es waren heftige Flitterwochen. Und damit sind wir auch schon bei einer der auffälligsten Eigenschaften des vielseitigen Wunderhandys der Firma Apple: Unweigerlich landet man in seiner Beschreibung bei menschlichen Eigenschaften. Nach dem ersten Einschalten strahlt mich der berührungsempfindliche Bildschirm an: Tja, "berührungsempfindlich" – sind wir das nicht alle? Mensch und iPhone verstehen sich auf Anhieb, alles Trennende ist verschwunden, man tippt nur sanft ein paar bunte, runde Bildchen an, allesamt genau richtig geformt für unser Fingerspitzengefühl. Intuitiv, ohne jede Bedienungsanleitung, tastet man sich voran, schiebt zärtlich Programme, Bilder, Namen und Nummern über den Bildschirm.

Die Bedienung des iPhones: ein einziges Streicheln und Liebkosen. Und da sich das ganze Miteinander auf diesem empfindsamen Bildschirm abspielt, verwandelt jedes Programm das iPhone in eine völlig andere Gestalt. Keine gleicht der anderen, alle sind die reine Freude. Alle Möglichkeiten wollen ausprobiert werden, und so dauerte der Rausch des ersten Kennenlernens etliche Tage und Nächte, es war die Zeit der ungetrübten iPhorie.

Erst nach und nach wurde mir klar, dass sich hinter dem attraktiven Äußeren, hinter dieser verblüffenden Unkompliziertheit existenzielle Abgründe auftaten. Wir waren schon eine Woche zusammen, da sah ich eines Abends mein iPhone schwarz glänzend vor mir auf dem Schreibtisch liegen, ganz still. Und ich ahnte: Dieses raffinierte Ding krempelt noch mein ganzes Leben um.

Ein frühes Warnsignal: Ich verspürte den Wunsch, meiner geliebten Iphonia zuliebe meine Wohnung umzuräumen, alles zu entrümpeln, was nicht nach Moderne, Minimalismus, Apple aussah. Alles sollte Iphonias Makellosigkeit widerspiegeln. "Hallo?", hörte ich gerade noch rechtzeitig eine innere Stimme sagen. "Du willst dein Zuhause einem Telefon weihen?" Und nahm Abstand von dem Vorhaben. Stattdessen packte ich das glänzende, aber fragile Ding in eine robuste Schutzhülle, einem Autoreifen nicht unähnlich. Von nun an musste ich mir keine Sorgen mehr machen um Kratzer, Fingerabdrücke, Staubkörner. Und in ihrer neuen Arbeitsmontur wirkte Iphonia mehr wie das, was sie doch eigentlich sein sollte: ein Werkzeug. So begann ein neuer Abschnitt unserer Beziehung. Aber die Psychospiele gingen erst richtig los.

Nüchtern betrachtet ist das iPhone ein handflächengroßer Bildschirm, hinter dem sich ein Apple-Computer verbirgt, mit dem man unter anderem auch telefonieren kann. "3G" steht für "dritte Generation", damit ist vor allem das schnelle Mobilfunknetz UMTS gemeint. Neben diesem (meistens) rasanten Internetzugang ist das entscheidend Neue am neuen iPhone das satellitengestützte Ortungssystem GPS (Global Positioning System). Mit dessen Hilfe navigierten bisher vor allem Autofahrer, Piloten und Kapitäne. Nun navigieren wir so auch zu Fuß.

Den Möglichkeiten des iPhones sind prinzipiell keine Grenzen gesetzt. Wem die üppige Grundausstattung nicht überwältigend genug ist – Telefon, Browser, iPod, E-Mail, Kamera, die Erde in Satellitenbildern, Wettervorhersage, Börsenberichte et cetera –, der lädt sich weitere Programme dazu. Sie sind über Apples sogenannten AppStore online zu beziehen, zum großen Teil kostenlos oder gegen symbolisches Entgelt. Neben allerlei Spielen ist dort Unterstützung für alle Lebenslagen erhältlich (Übersetzungsprogramme, Weinführer, der komplette Shakespeare).

Besonders neu und interessant sind jene Programme, mit denen GPS Teil unseres Alltags werden soll. In eine neue Dimension der Lebensführung brach ich mit einer Software auf, die den ominösen Namen OmniFocus trägt: Sie sortiert alles, was ich zu tun habe, nach "Kontexten". Bis vor Kurzem machte man so was noch manuell, auf dem iPhone 3G erledigt das die Satellitentechnik. Da das iPhone weiß, ob ich "zu Hause" oder "im Büro" bin oder auch in der Nähe eines bestimmten Buchlädchens, listet es Aufgaben auf, die ich am jeweiligen Ort erledigen kann. Ein sehr sinnvolles Prinzip eigentlich. Allerdings erzieht es, lückenlos implementiert, zur absoluten Passivität gegenüber dem Elektrohirn. Und entweder vertraut man OmniFocus diese Dinge ganz an oder gar nicht. Früher ratterte das Hirn mehr oder weniger unbewusst die Möglichkeiten der Umgebung durch, ich erledigte hier und da was und stieß nebenbei auf manche Überraschung. Mit so einer GPS-gesteuerten To-do-Liste in der Tasche durchquere ich die Stadt wie ein ferngesteuerter Roboter.

Das iPhone zeigt mir den Weg zur nächsten U-Bahn-Station. Es sagt mir, wie viele Minuten ich noch habe, bis die nächste UBahn losfährt. Für die Warte- und Fahrtzeit bietet es mir die Lektüre der New York Times an (im iPhone-gerechten Layout) oder auch das restliche Internet, wahlweise wären da noch drei neue E-Mails und zwei SMS, allesamt hübsch übersichtlich dargeboten. Verspüre ich Hunger, listet es mir sämtliche Restaurants der Umgebung auf, angefangen bei der Falafelbude, vor der ich gerade ausgestiegen bin. Sitze ich im nächstbesten Restaurant, sagt es mir, welche Speisen hier in letzter Zeit von den Gästen als besonders gut bewertet worden sind. Auf einer Landkarte kann es mir mit kleinen Fähnchen anzeigen, welche Freunde gerade in der Gegend sind (so sie bereit sind, ihren Standort via GPS zu offenbaren).

Habe ich angesichts dieser Informationsfülle vergessen, warum ich überhaupt in diese Gegend gekommen bin, nennt es mir die Hauptattraktionen der Umgebung. Komme ich an einem Supermarkt vorbei, sagt es mir: Du wolltest noch Milch kaufen. Habe ich das Gefühl, dass ich im Gegensatz zum iPhone nicht mehr weiß, wo ich bin, und langsam verrückt werde, kann ich auf dem iPhone eine Weile "Brain Challenge" spielen, ein Trainingsprogramm für Konzentration und logisches Denken.

Okay, danke, es geht wieder.

Für die Bewältigung des Alltags wurde bis vor ein paar Wochen noch das Gedächtnis benötigt, der Orientierungssinn, Überblick, Eigeninitiative. Intuition, Erfahrung, Entscheidungskraft – all diese wundersamen Kräfte, die etwas mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hatten, mit menschlichem Ermessen. Diese Dinge waren, seitdem unsere Vorfahren auf Nahrungssuche die Steppe durchquerten, ganz einfach: das Leben. Zurzeit verwandelt sich das Leben, dank iPhone, in eine Art Computerspiel.

Denn das iPhone macht das Internet allgegenwärtig. Das versuchen zwar seit geraumer Zeit auch andere Handys, insbesondere alle sogenannten Smartphones, aber es besteht mehr als ein gradueller Unterschied zwischen den fummeligen Mikrocomputern der vorvorigen Saison und einem eleganten Taschenbildschirm, den so oder so ähnlich inzwischen auch andere Hersteller anbieten. Das iPhone-Display liegt genau am Schnittpunkt zwischen den Bedürfnissen des menschlichen Auges und den räumlichen Gegebenheiten der durchschnittlichen Hosentasche. Mit früheren Smartphones konnte man theoretisch ins Internet gehen, nötigenfalls tat man es auch. Mit dem iPhone geht man ständig ins Internet, einfach so. In ein bis zwei Jahren wird das allgegenwärtige Internet so selbstverständlich sein wie die vor gerade mal zehn Jahren noch befremdende Option, unterwegs ohne jegliche Telefonzelle telefonieren zu können.

Im Straßenbild lassen sich die Verhaltensauffälligkeiten der iPhonisten schon jetzt beobachten: Statt ihren Kopf dem Handy am Ohr zuzuneigen (das unbewusste Signal an die Außenwelt: Achtung, ich telefoniere!), reden iPhonisten einfach so vor sich hin, in das kaum sichtbare Mikro an einem der weißen Ohrhörerdrähte, den Blick schräg nach unten gerichtet auf ihren bunten Bildschirm. Dort lesen sie Informationen ab, die sie gerade für ihr Gespräch brauchen oder aber: zur Ablenkung von ihrem nicht hinreichend interessanten Gespräch. Jäh bleiben sie stehen, mitten im Menschenstrom, weil sie in ihrer iPod-Sammlung noch einen bestimmten Song finden wollen. Oder wissen wollen, wo sie sind, wohin sie wollen. Seltsam abgeschottet von ihrer Umgebung wirken die iPhonisten dabei. Ich kann bestätigen: Sie sind es auch. Weil sie gerade die ganze Welt in ihrer Hand halten.

Als iPhonist verpasse ich einiges und sehe dafür anderes: Mit dem Programm Locly kann ich Wikipedia-Einträge aufrufen, die mit meinem Standort zu tun haben, oder Fotos, die genau hier von irgendwem irgendwann gemacht wurden. Ich kann Supermärkte anzeigen lassen, Museen, Geldautomaten oder die nächste Bank (sieh an: Mitten in dieser unscheinbaren Wohnstraße sitzt also die Bank of Mongolia!). In jeder Stadt der Welt kann sich der iPhonist so auf Anhieb zurechtfinden. Der Mensch ist damit endgültig globalisierungskompatibel.

Und steht erst am Anfang eines neuen, gewöhnungsbedürftigen Lebensgefühls. Das iPhone erzwingt geradezu die Frage: Wie wird unser Leben aussehen, wenn wir demnächst alle mit solchen und ähnlichen Geräten durch die Gegend laufen?

Soziale Netze wie MySpace, Facebook, StudiVZ mit ihren Hunderten Millionen Teilnehmern werden nicht mehr über die heimischen Rechner genutzt werden, sondern jederzeit und überall über unsere Taschencomputer. Virtuelle Freundschaften werden zum Bestandteil der guten alten Offline-Wirklichkeit. Ein iPhone-Programm wie Loopt "hilft dem Zufall nach", wie seine Schöpfer sagen: Zufallsbegegnungen fanden bisher statt, wenn man im selben Augenblick denselben Punkt passierte. Mit Loopt lässt sich die Wahrscheinlichkeit von Begegnungen aller Art maximieren – vorausgesetzt, genügend virtuelle und analoge Freunde machen mit. Zurzeit wirken derlei Programme noch so avantgardistisch – oder überflüssig – wie die EMail im Jahr 1992.

Noch ist die Bereitschaft, sich über GPS orten zu lassen, selbst bei den eifrigsten Netzwerkern begrenzt. Offenbar will man sich von den letzten Resten der Privatsphäre noch nicht trennen. Aber recht bald dürfte es mit den GPS-Programmen so gehen wie mit E-Mail und Handy: Je mehr mitmachen, desto mehr wollen mitmachen. Die in früheren Zeiten oft beklagte "Anonymität der Großstadt" wäre dann erledigt, verscheucht von Heerscharen wandelnder MySpace-Seiten. Bisher klickten wir durchs Internet, von nun an browsen wir durch die Wirklichkeit.

Nie war der PC so persönlich wie das iPhone. Das ist an sich schön, oft beglückend. Und nur hin und wieder höchst irritierend. Es geht nicht nur mir so: Während sich die einen in ihren Online-Foren noch obsessiv mit den technischen Macken ihrer iPhones beschäftigten – schwankende Datengeschwindigkeiten, abgebrochene Telefonate, die rührend dämliche Autotextfunktion –, machen sich auffallend viele iPhonisten Gedanken darüber, was das iPhone eigentlich gerade mit ihrem Kopf anstellt.

In der psychologischen Forschung steht das allmähliche Verschmelzen von Mensch und Computer schon lange unter Beobachtung. (Die MIT-Professorin Sherry Turkle etwa beschrieb diese Vorgänge in ihrem Buch The Second Self schon 1984 sehr genau.) Neu ist, dass so viele Menschen dieses Verschmelzen real erleben, gerade in trivialen Alltagsdingen. So macht das iPhone nun auch der Philosophie zu schaffen. Der Australier David Chalmers gehört zu den Vordenkern der sogenannten extended mind-These, die, vereinfacht gesagt, die strikte Trennung zwischen Bewusstsein und Computer überwinden will. Chalmers hat vor Kurzem das Vorwort geschrieben zu einem demnächst erscheinenden Buch seines Mitstreiters Andy Clark mit dem verheißungsvollen Titel Supersizing the Mind, es beginnt mit den Sätzen: "Vor einem Monat habe ich mir ein iPhone gekauft. Es hat bereits einige der zentralen Funktionen meines Gehirns übernommen." Das iPhone sei "nicht mein Werkzeug oder zumindest nicht nur mein Werkzeug. Teile davon sind Teile von mir geworden."

Ja, das Gefühl kenne ich. Da verschiebt sich gerade etwas. Es fühlt sich tatsächlich an wie Die ersten Tage der Zukunft – so der Titel eines soeben erschienenen Buches von Michael Maier, das, radikal optimistisch, das Internet als ein "Superhirn" feiert, in dem alle unsere Gedanken aufgehen. Mit diesem Superhirn sind wir nun via iPhone immer und überall verbunden.

Nach vier Wochen der akuten iPhonitis trat bei mir eine gewisse Linderung ein. Ganz bewusst ging ich ohne die weißen Ohrenstöpsel aus dem Haus, ganz bewusst testete ich auf dem Weg zur Arbeit nicht die GPS-Funktionen, studierte weder lokale Wikipedia-Einträge noch Blogs. Ganz bewusst starrte ich aus dem Fenster der Straßenbahn. Ich war dem iPhone entkommen!

Vorübergehend. Bis es das nächste Mal klingelte. Und wenn man das Ding schon in der Hand hat, kann man ja auch schnell die Weltlage checken. Oder die Umgebung aus der Satellitenperspektive erkunden. Oder googeln, was es mit diesem "iPhone-Killer" auf sich hat, dem womöglich noch smarteren Smartphone, das unter Schirmherrschaft von Google bald auf den Markt kommen soll und ausgerechnet den Namen Android trägt.

Es gibt kein Zurück mehr, das iPhone und ich gehen jetzt gemeinsam durchs Leben. Die hohe Kunst der iPhone-Ära wird sein, dieses wunderbare, maßlose Ding an den neuen Ufern, zu denen es uns führt, so lange wie möglich auszuschalten. Sicher wird es bald auch dafür ein Programm geben.