Jugendrock

Alles muss raus jetzt

Drei Jungs aus Hamburg poltern gegen den verkopften, deutschen Diskurs-Pop: 1000 Robota sind so angesagt, dass die britische Musikpresse jubelt. Jetzt gehen sie auf Tour

Kaum hat man eine Meinung, schon ist man in die Falle gegangen. So sagt das Frank Lehmann, Sven Regeners von Weltschmerz heimgesuchter Romanheld in Der kleine Bruder. So ähnlich geht das auch den Diskurs-Pop-Herrschaften dieses Landes, den Vordenkern der Hamburger Bands Tocotronic, Kettcar und Sterne. In den Liedern der Dreißig- und Vierzigjährigen wird viel über das Einrichten in der Depression gesungen; so formvollendet zu kapitulieren wie Tocotronic wusste lange niemand mehr, da war sich die Kritik einmal einig.

Doch im Moment des stillen Sinnens und Reflektierens drängt der nächste Lärm schon auf die Straße. Das Scheppern und Klirren, die sägenden Gitarren und die verbalen Störfeuer, die man jetzt in den Songs der Hamburger Youngster-Band 1000 Robota ausmachen kann, erzählen von einem Bruch mit der Befindlichkeitsfixierung der herrschenden Pop-Boheme. Bei 1000 Robota muss alles schnell raus jetzt. Auftreten, Leute kennenlernen, Wirklichkeit aufsaugen, statt sich (und die Welt) zu erklären. Das Kompaktprogramm dieser hungrigen Jugend ist jetzt auf einem kompletten Album zu bestaunen, in nur 26 Minuten liefern die drei Hamburger ein intensiveres, widersprüchlicheres Stimmungsbild ihrer Generation als der komplette juvenile Rock-Jahrgang 2008.

Ein polternder Marschrhythmus steht am Anfang dieses Albums, der Sänger Anton Spielmann wischt sich noch kurz den Mund ab und sprüht sodann vor Ekel: »Heute darfst du lachen / jene Sachen machen / heute darfst du fressen / ich lass mich von dir fressen / mach doch bitte mit / so mach doch bitte mit«. Im Kern geht es in den Robota-Songs um den Rausch der Sekunde, in der man sich und ein paar Dutzend Menschen schwindelig spielt, das große Punk-Ding also, das von Anbeginn an mit der Sehnsucht verbunden war, sich ohne literarische Verschalung ausdrücken zu können. Mit Sätzen, die gar nicht erst bis morgen gelten wollen, heute aber unschön in die Magengrube fahren. Mit dem Minialbum Hamburg brennt, veröffentlicht beim Tapete-Label, nahm das Projekt Anfang des Jahres gleich Tempo auf, heute schießen 1000 Robota die Konfusion, die das Leben da draußen in Suburbia gebiert, in schnellen Worten raus, die ein noch nicht ganz volljähriges Publikum sich bitte zurechtbuchstabieren soll: »Ich rede von Moral / Moral Moral Moral / das Schlimmste ist Moral / Moral du hast die Wahl«.

Anton Spielmann (18), Jonas Hinnerkort (18) und Sebastian Muxfeldt (17) kommen aus den namenlosen Gegenden im südlichen Hinterland von Hamburg, Schlagzeuger und Bassist stehen noch vor dem Abitur. Als 1000 Robota treten sie erst seit einem Jahr auf. Über MySpace entdeckte nicht nur Tapete Records 1000 Robota, eine Autorin des britischen Jubel-Organs New Musical Express lud die Hamburger zu einem Konzert nach London und druckte einen knackigen Hype-Text dazu ab. Seitdem wartet man auf der Insel auf einen Ansturm der wüsten Teutonen.

So viel Aufmerksamkeit macht die Brust schon etwas breiter. Das läuft toll, findet auch Jonas Hinnerkort, aber diese schnelle Geschichte erzeuge auch ein Bedürfnis nach Rückzug. »In der Schule kennt man uns auch als Normale, als normale Verrückte. Viele wissen nicht mal etwas von unserer Band. Manchmal möchte man eben einfach auch ein Schuljunge sein, ohne den Poser rauszulassen, der am Abend zuvor auf der Bühne stand.« Die Erfahrungen werden sich verändern, wenn 1000 Robota jetzt im Oktober auf ihre erste ausgedehnte Deutschland-Tournee gehen. Dann muss sich zeigen, ob die dem Robota-Rock innewohnende Spannung über knapp 20 Konzerte aufrechtzuerhalten ist.

Der Feldzug gegen die Kopflast im deutschen Indie-Pop ist mit Du nicht er nicht sie nicht erst einmal eröffnet, die Feindbilder haben 1000 Robota an der nächsten Straßenecke verortet: »Tomte, Kettcar, Herrenmagazin, die Kilians. Trost suchende Gewohnheitstypen, die sich ab und an dazu entschließen, mit ihrem kleinen Reclam-Heftchen in Bars abzuhängen, Bier zu trinken, St.-Pauli-Fans und Freund von allem und niemandem zu sein.«

Am Ende müssen 1000 Robota aber vor ihrer eigenen Pop-Sozialisation kapitulieren. Gibt es noch Lieder, die nach Tocotronic geschrieben werden können, fragen sie in einem Song. Antworten gibt es keine. Dann sollen die Beats eben stolpern, die Gitarren verrecken, 1000 Robota taumeln so schön im Hier & Jetzt: »Schmeiß dein Ego weg und feier das, was du liebst. Was ist dein Leben wert, ohne das, was gerade geschieht?«

"Du nicht er nicht sie nicht", Tapete Records

Ausgesuchte Tourneedaten: 11.10. Berlin – Magnet, 13.10. München – Backstage, 16.10. Köln – Tsunami, 25.10. Hamburg – Übel & Gefährlich

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Leser-Kommentare

    • 14.10.2008 um 8:21 Uhr
    • JensW

    Alles ganz gut soweit, 'ne junge Band die sich dem Punkrock hingibt, clevere Texte macht, sich gegen die mittlerweile echt lahmen Sä**e von Tomte und Kettcar positionuiert...so weit so gut. Solche Bands gibt es doch ne Menge (und gab es kontinuierlich während der letzten 15 Jahre)...ich weiss also echt nicht, warum das jetzt gleich gehypt werden muss? Weil sie jung sind? weil sie aus Hamburg sind?

    Kann sich noch jemand an die Fotos erinnern? Waren glaube ich vor 1 oder 2 Jahren ein sehr ähnlicher Hype...hab lange nichts mehr von ihnen gehört...

    Na egal, man kann vermutlich viel Spass haben auf ihrem Konzert und am nächsten Tag geht man dann wieder mit dem Reclam Heftchen ein Pils zischen (zum Glueck wird in Hamburg noch Bier getrunken und nicht Latte Macciato...)

    Beste Gruesse!

  1. 2. Nett

    Aber mehr auch nicht. Gang of Four- Anleihen, gibt es massig Bands. Vielleicht schon zu abgebrüt fürs jugendliche Alter, d. h. ähnelt alles mehr einen Trend, als explosive Wucht aus der Mitte der NoName - Gesellschaft.

    Naja, die musikalische Nachfrage ist vorübergehend gefüttert...

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  • Von Frank Sawatzki
  • Datum 3.10.2008 - 12:32 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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  • Schlagworte Konzert | Pop | Rock | Musikgruppe
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