Architektur Rettet die Welt!Die Architektur-Biennale
Jedes Haus ist ein Stück Umweltverschmutzung. Damit der Mensch nicht zugrunde geht, muss er anders bauen. Die Architektur-Biennale von Venedig zeigt neue Ideen für eine saubere Zukunft
Warschau ist ein Haufen Müll. Alte Waschmaschinen, Fernseher, Möbel, Stahlträger, Pappkartons stapeln sich in Straßen und Vorgärten so hoch, dass die Marina Mokotów, eine ehemals teure und gut geschützte Wohnanlage des Postsozialismus, schon halb im Abfall versunken ist. Gelbe Bagger beackern notdürftig die wachsende Schrotthalde, doch die Straßen sind für Autos längst unpassierbar geworden.
Noch ist das nur ein Bild, eine dystopische Montage des polnischen Künstlers Kobas Laksa, der sich die Zukunft von Gebäuden und ganzen Städten vorstellt. Zwei italienische Architekturstudenten betrachten staunend das großflächige Foto, das im polnischen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig ausgestellt ist. Auch wenn man in so einem Schrottparadies gerne einmal herumkrabbeln wolle, sagt die Studentin, sei dieses Bild eine Warnung. »Wir können nicht so weiterleben wie bisher. Und nicht einfach so weiterbauen.« Ihr Kommilitone nickt mit ernstem Blick.
Die beiden haben ja auch recht mit ihrer Sorge: Wenn sich die Welt nicht ändert in den nächsten fünfzig Jahren, wird der polnische Pavillon versunken sein. Und mit ihm Venedig. Nicht im Müll, sondern im Meer, dessen Spiegel sich durch das Schmelzen der Polkappen um mehrere Meter anheben wird. Schuld ist – das wissen wir doch – der Klimawandel.
Aber wer ist der Hauptverursacher des Klimawandels? »Gebäude, Gebäude und noch mal Gebäude«, sagt ein Mann mit Glatze und Schnauzbart im Piccolo Teatro, nur einige Gehminuten vom polnischen Pavillon entfernt. Der Mann ist Ökonom, heißt Jeremy Rifkin und trägt trotz der schwülen Hitze Anzug, Krawatte und passendes Einstecktuch. Normalerweise berät er Vorstandsvorsitzende von Firmen wie General Motors oder Regierungschefs wie Angela Merkel. Heute erklärt er, der lockere Agitator, einigen Hundert angereisten Architekten und Journalisten, dass Häuser – vor der Fleischproduktion an zweiter und dem Transport an dritter Stelle – die meiste Energie verbrauchen und daher für 30 bis 40 Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstoßes verantwortlich sind. »Die Gebäude sind unser Untergang«, predigt Rifkin, »sie werden aber auch unsere Rettung sein.« Gemeinsam mit den Architekten will er die »Dritte Industrielle Revolution« vorantreiben. Dabei gehe es um nichts Geringeres als das Überleben unserer Spezies. Alles sei eine Frage der Verteilung: Jedes Haus solle in Zukunft als kleines Kraftwerk funktionieren und mit Hilfe von Sonne, Wind oder Abfall Energie gewinnen. Die Energie wird also demokratisiert, ihre Verteilung dezentralisiert und ihr Verbrauch besser kontrolliert. Denn der Strom, so Rifkin, werde in Zukunft nicht mehr mechanisch, sondern digital verteilt: Jeder Kühlschrank bekomme nur noch so viel, wie er wirklich gerade brauche.
Um sich anzusehen, wie solch eine intelligente Stromverteilung aussieht, muss man vom Piccolo Teatro wieder in die Giardini gehen, zum deutschen Pavillon. Was Rifkin Revolution nennt, wird hier mit einer simplen Vorrichtung demonstriert, die an den Werkunterricht in der fünften Klasse erinnert. Eine Reihe von Glühbirnen ist auf einem Brett durch ein Kabel miteinander verbunden. Wenn man den Lichtschalter betätigt, geschieht das Wunder: Die Glühbirnen leuchten unterschiedlich stark zu unterschiedlichen Zeiten – obwohl sie alle an demselben Kabel hängen. Kleine Chips in den gelben Lüsterklemmen vor den einzelnen Birnen steuern die Stromzufuhr. Durch diese kleinen Chips könne man in Zukunft bis zu 40 Prozent des gesamten Energiebedarfs einsparen, sagen Matthias Böttger und Friedrich von Borries.
Ökofundamentalisten sind out. Modern ist der effiziente Optimist
Die beiden sind weder Ökonomen noch Ingenieure, sie sind Architekten und tragen die von der Berliner Digital-Boheme so geliebten Blechbrillengestelle. Seit ein paar Jahren betreiben die eloquenten 34-Jährigen in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Berlin-Kreuzberg einen kleinen Thinktank, den sie Raumtaktik getauft haben. Sie haben Bücher über das städtische Guerilla-Marketing von Turnschuhherstellern und über die Räume in Computerspielen geschrieben. Und jetzt sind sie die Generalkommissare des deutschen Pavillons. Die letzten Monate über haben sie nach hundert Projekten für eine bessere Zukunft gesucht, von denen sie nun zwanzig in Venedig präsentieren – die restlichen achtzig finden sich im Katalog zur Ausstellung.
- Datum 12.08.2010 - 11:18 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








"Jedes Haus ist ein Stück Umweltverschmutzung. "
Nehmen wir doch mal die Jurten der mongolischen bzw. Steppen-Völker oder die Hütten von Wald-Indianern. Ja, auch diese, aus rein natürlichen Materialien gebauten Behausungen verstören ein wenig Natur, sei es etwas Gras oder etwas Wald. Nach eine gewissen Zeit verotten diese dann aber, Gras und Wald wächst dort dann weiter. Man ist hier und so noch ein Teil der Natur, ein harmonisch sich in die Biosphäre eingliedernder Teil - nur dass so leider nicht all die Milliarden Menschen leben können.
Man kann das Rad wohl nicht zweimal erfinden.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren