Ulrike Meinhof – zunächst zögernd – springt aus dem Fenster des Zentralinstituts für Soziale Fragen in Berlin. Vorangegangen ist die gewaltsame Befreiung von Andreas Baader, der auf Betreiben seines Anwalts Horst Mahler aus der Haftanstalt Tegel in das Zentralinstitut gebracht worden war. Zu Studienzwecken. Es ist die Schlüsselszene: der Sprung in den Untergrund. Die Entscheidung für Gewalt ist gefallen.

Eine andere Szene: Das Gericht in Stammheim. Ulrike Meinhof gibt (wenige Monate vor ihrem Selbstmord) eine Erklärung ab. Sie sagt unter anderem: »Wie kann ein Gefangener den Justizbehörden zu erkennen geben, dass er sein Verhalten geändert hat?…Dem Gefangenen bleibt nur eine Möglichkeit, und das ist der Verrat.« Der Vorsitzende Richter – hier übrigens eher zu einer Karikatur geraten – unterbricht Frau Meinhof. Im Gegensatz zu den Mitgefangenen, die Ulrike Meinhof anschließend in eine heftige Auseinandersetzung ziehen, erkennt er die Brisanz ihrer Äußerung nicht.

Die Baader-Meinhof-Gruppe mit der von ihr begründeten »Roten Armee Fraktion« war das erste und folgenreichste Beispiel für terroristisches Handeln in der Bundesrepublik. Sie hat die Gesellschaft geschockt und herausgefordert. Sie führte zu einer beispiellosen staatlichen Aufrüstung der Sicherheitskräfte. Und dabei muss man sich vorstellen: Es waren nur ein paar Dutzend Männer und Frauen, die die Gesellschaft in Aufruhr versetzten. Bis heute beschäftigt der »Mythos RAF« die Menschen, obwohl die RAF schon lange nicht mehr existiert. Zahlreiche künstlerische Deutungsversuche entstanden in der Literatur, im Theater, in der Musik und bildenden Kunst – ich verweise nur auf die wichtige RAF-Ausstellung vor wenigen Jahren in Berlin. Hinzu kommen zahlreiche dokumentarische Filme wie etwa Stammheim von Reinhard Hauff (1985), Black Box BRD von Andres Veiel (2001), Starbuck: Holger Meins von Gert Conradt (2003), Todesspiel von Heinrich Breloer (1999) und Andreas Baader von Klaus Stern (2002), aber auch Spielfilme wie Die bleierne Zeit von Margarethe von Trotta (1981), Die Stille nach dem Schuss von Volker Schlöndorff (2000), Baader von Christopher Roth (2002) oder das Terroristendrama Die innere Sicherheit von Christian Petzold (2002).

Also: Warum überhaupt ein neuer Film?

Um es vorab zu sagen: Der Baader Meinhof Komplex, Uli Edels Film nach dem Buch von Stefan Aust, ist gut gemacht, mit hervorragenden Schauspielern und kraftvollen Bildern. Mit Sicherheit wird er die Debatte um die RAF neu entfachen. Verändern aber wird er sie nicht. Ich kann und möchte den Film nicht aus dem Blickwinkel eines Filmkritikers bewerten, sondern als Zeitzeuge. Und zusammenfassend muss ich sagen: Er bietet keinerlei neue Erkenntnisse, und er gibt keinerlei Anlass, die Geschichte des deutschen Terrorismus neu zu schreiben.

Beeindruckend in dieser Produktion von Bernd Eichinger ist allerdings die Realitätsnähe, mit der in beklemmenden Szenen die Taten nachgespielt werden. Es ist kein Dokumentarfilm im eigentlichen Sinne, aber ein von realen Ereignissen geprägter Film. Wir sind unmittelbar dabei, wenn auf Ohnesorg, Dutschke, Buback, Ponto und andere geschossen wird. Wir werden zu Zeugen der Zwangsernährung von Holger Meins, der trostlosen Situation der Täter in der isolierten Einzelhaft oder der kommunenartigen Gemeinschaft in Stammheim. Der ganze Film besteht aus Szenen, die mich Ereignisse aus nächster Nähe nacherleben lassen, um die ich zwar wusste, die ich aber nie gesehen hatte. Die Fantasie wird lebendig: Wir haben damals die Tatorte gesehen, aber nicht die Ausführung der Taten, deren Brutalität uns so tief getroffen hat.

Szenen, die man nicht leicht vergisst. Der Mord an Buback: Die Täter vollbringen die Tat und verschwinden dann mit dem Motorrad. Das Auto mit den Toten rollt noch langsam zum Bordstein, wo es schließlich zum Stehen kommt. Ähnlich unter die Haut geht die Ermordung von Ponto in seiner großbürgerlichen Wohnung, in der Idylle eines Sonntagnachmittags.

Es sind solche Bilder, die die Qualität des Films ausmachen. Auch ein mit den historischen Fakten nicht vertrauter Zuschauer wird auf seine Kosten kommen. Ich allerdings kann die Geschehnisse nicht vom zeithistorischen Kontext lösen, was bei der Betrachtung des Films widersprüchliche Empfindungen in mir ausgelöst hat. Durch die Action-Dramaturgie entsteht die Gefahr, in den Aktivitäten der RAF nur eine Serie von Gemetzeln zu sehen. Schon Jan Philipp Reemtsma war zu widersprechen, als er den Terrorismus mit der »Lust an der Gewalt« zu erklären suchte und damit einer Dämonisierung der Täter Vorschub leistete (ZEIT Nr. 11/07). Die Terrorismusforschung widerlegt diese These nachdrücklich. Das Töten auf einen Blutrausch zu reduzieren wäre ein falsches Deutungsmuster. Die Taten der RAF – so blutrünstig sie waren – hatten anfangs politische Ziele, reduzierten sich später aber auf die Befreiung der in Stammheim Inhaftierten.