Film "Baader Meinhof Komplex Es war kein KriegEs war kein KriegSeite 3/3

Denn das ist das Thema von heute, das mit der innenpolitischen Aufrüstung in der RAF-Zeit begann: Unsere Grundrechte werden im Kampf gegen den Terror beschädigt – damals wie heute. Wir leben eben leider nicht in den paradiesischen Umständen eines Rechtsstaats, wie Martina Gedeck, die Darstellerin der Meinhof, es im Spiegel äußerte. Auch hätte die Frage vertieft werden müssen, die Max Frisch schon auf dem SPD-Parteitag 1977 stellte, nachdem er deutlich Mord und Gewalt verurteilt hatte: »Aber wie schuldig waren wir?« Für das Nachdenken darüber, welche polizeilichen Maßnahmen ausreichen, steht im Film Horst Herold, der Präsident des Bundeskriminalamtes, dargestellt von Bruno Ganz. Herold hatte schon 1968 erklärt, man müsse anerkennen, dass Kritik an den bestehenden Verhältnissen richtig sei. Leider fehlt im Film auch der Hinweis darauf, dass Hanns Martin Schleyer hätte befreit werden können, wenn die Hinweise auf sein Geiselversteck nicht im Polizeiapparat untergegangen wären. Was wäre geschehen, wenn schon damals ein Teil der Täter gefasst worden wäre?

Die RAF darf keinesfalls zur Übergröße aufgeblasen werden

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Die RAF-Zeit ist in Wahrheit ein komplexes und schwer vermittelbares Stück Zeitgeschichte, das unterschiedlichste Deutungen erfährt. Sie ist nach wie vor eine offene Wunde. Die alten politischen Schlachten sind nicht vergessen. Die Versuche, die RAF-Debatte durch angeblich neue Fakten zu beleben – wie der Spiegel es tut –, gehen jedoch ins Leere. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und seine Regierung waren zu keiner Zeit bereit, »exotischen« Vorschlägen (zum Beispiel Todesstrafe für inhaftierte RAF-Täter) zu folgen und an Verfassung und Recht rütteln zu lassen. Es hat im Sommer 1980 auch keine geheim gehaltene Briefaktion gegeben, bei der RAF-Mitgliedern eine Million US-Dollar in bar und eine neue Identität offeriert worden wäre, wenn sie den bewaffneten Kampf aufgeben würden. Die damalige Bundesregierung hat den mit Haftbefehl gesuchten Mördern niemals ein solches Angebot unterbreitet. Auch hat sie nicht bereits 1980 durch den BND erfahren, dass RAF-Täter in der damaligen DDR untergetaucht seien. Ich traue den im Bundeskanzleramt verantwortlichen Personen, an der Spitze damals Staatssekretär Schüler, auch nicht zu, eine solche Information mit Rücksicht auf die deutsch-deutschen Beziehungen den zuständigen Ressortministern vorenthalten zu haben. Der Regisseur des Baader Meinhof Komplexes, Uli Edel, will nun erfahren haben, wer Schleyer erschossen hat. Warum sollten die Täter, die bisher in einem Schweigekartell über den Ablauf der Taten beharrlich geschwiegen haben, nun ausgerechnet Herrn Edel gegenüber sich offenbart haben?

Bedauerlich wäre auch, wenn sich die Debatte, befördert durch das filmische Action-Event, zu sehr auf die RAF fixierte. Denn die RAF darf keinesfalls zur Übergröße aufgeblasen werden. Das wichtigste Ereignis der damaligen Zeit ist nicht der Terror. Es sind die Reformen, die unsere Demokratie vertieft haben und bis heute fortwirken. Die terroristischen Aktivitäten haben diesen Prozess empfindlich gestört, sie haben uns aktive Reformer zurückgeworfen. Der Umweltschutz, die Bildungs- und die Rechtsreformen, die Verwirklichung der Gleichstellung der Frau, die Auseinandersetzung mit der Nazivergangenheit, die neue Ostpolitik: das waren unsere Themen. Es war eine Aufbruchphase, die bis heute nachwirkt.

Wenn wir eines aus dem Umgang mit dem RAF-Terrorismus lernen können, dann ist es dies: Angst darf unser Denken nicht vergiften. Wir müssen uns auch heute dagegen wehren, dass uns Bedrohungen wie der Dschihad-Terrorismus mental beherrschen und zu Sicherheitsmaßnahmen verleiten, die die Freiheit ohne Not beschädigen. Wenn der Film zu dieser kritischen Diskussion beitragen würde, dann wäre das ein Ergebnis – weit über einen Kinoabend hinaus.

 
Leser-Kommentare
    • kael
    • 18.09.2008 um 14:35 Uhr

    Was soll die filmische Inszenierung des (ausgezeichneten) Aust-Buches? Welche neuen Einsichten kann sie vermitteln? Und warum wird drum herum so viel Spektakel gemacht? Die Antwort ist ebenso bewährt wie typisch deutsch und schallt wie Donnerhall: "AUFARBEITUNG!"

    Aufarbeitung?

    Was gibt es denn noch aufzuarbeiten? Im Verlauf der letzten 30 Jahren ist über B-M längst alles geschrieben, dokumentiert, gesagt, diskutiert und analysiert worden. Und die allerletzten Geheimnisse werden auch in Zukunft allerletzte Geheimnisse bleiben.

    Was also soll der enorme Wirbel um einen deutschen Film? Er ist eine Marketing-Strategie. Und die ist amerikanisch perfekt. So einfach scheint mir die Antwort.

    Der Film ist ein Polit-Thriller - realistisch, dramatisch, spannend, hart. Und sicher ist er auch sehr gut gemacht. Im Unterschied zu anderen Polit-Thrillern erfährt der Zuschauer hier das wohlige Grausen der Realität. Reicht das nicht? Offensichtlich nicht. Denn nur nationale Schlagzeilen führen zur Oscar-Nominierung. Und nur eine Oscar-Nominierung, bestenfalls sogar ein Oscar, öffnen den Weltmarkt und dessen enorme Geldquellen.

    • Anonym
    • 18.09.2008 um 14:43 Uhr

    Bitte verzichten sie auf historisch unhaltbare Vergleiche. Danke, die Redaktion/fk.

    • Anonym
    • 18.09.2008 um 15:28 Uhr

    das was die paar Männeken von einem X-beliebigen Amokläufer unterschieden hat ist das es halt der Umstand das es denjenigen an den Kragen ging die das Geld und Sagen haben und teilweise in ihrer unrühmlichen Vergangenheit straflos Verbrechen begangen haben die denen dieser schwachsinnigen Guerilla in nichts nachstanden.

    Ich halte ihr tun für verwerflich. Das zweierlei Maß das dort in Gesetze gegossen wurde, die an Panik grenzende Überreaktion des Staates und v. a.m. zeigt nur mit was für Papiertigern man es auf der Entscheidungsebene zu tun hat

    Unsouverän bis zu geht nicht mehr, dazu eine hörige Presse die wie immer zeigt wie wenig Sie in der Lage ist auch nur ein Jota von dem zu relativieren was "von oben kommt".

    Pressetechnisch war das ganze ein innerdeutscher "Hufeisenplan". Das erbärmliche auftreten muß natürlich anschliessend verbrämt werden, schliesslich will Herr und Frau Journalist sich irgendwann wieder im Spiegel ins Gesicht sehen.

    Mit anderen Worten. Kein Arsch in der Hose, aber Journalist und Politiker sein wollen.

  1. dem Beitrag in weiten Teilen zu, nur in einem Wesentlichen nicht - die Darstellung. Wo sind bitte die hervorragenden Darsteller? Vielleicht ist es Geschmackssache, aber ich glaube Bleibtreu einfach nichts und auch die anderen Darsteller bleiben sehr extrovertiert und oberflächlich und wirken wie in anderen Filmen auch - immer gleich. Tiefe erhält der Film durch die Darsteller jedenfalls nicht, es wirkt alles aufgesetzt.

  2. Gerhart Baum schreibt über Stefan Austs Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex":

    "Es ist die Arbeit eines Journalisten, nicht die eines Wissenschaftlers."

    Ein diplomatischer Satz!

  3. ist stefan aust der einzige, der sich bislang an den taten der raf bereichern konnte und jetzt einfach seine rente aufbessern will.

    http://www.tv3.de/kety3_t...

  4. Jetzt wird auch dieses Thema massenwirksam durch den Kommerzwolf gedreht werden-RAF -T-shirts
    -Kaffeetassen
    -Soundtracks
    -Buch zum Film
    -Film zum Buch
    -kleine Baader-Püppchen als Terror-Wacel-Elvis
    etc etc etc.
    Nichts wird verschont werden-Herzlichen Glückwunsch-WUNDERBAR!

    • hagego
    • 19.09.2008 um 11:34 Uhr

    Die Rezension des neuen Films "Der Baader-Meinhof-Komplex" des Ex-Innenministers Dr. Gerhard Baum halte ich für ausführlich und sachlich. Sie scheint auch aus einer relativ neutralen Perspektive geschrieben zu sein, was für den Verfasser sicher nicht immer einfach war.

    Der Hinweis auf die Zeitumstände ist zugleich richtig als auch wichtig. Inzwischen sind mehr als 30 Jahre vergangen. Eine neue Generation hat die "Geschichte der RAF" nicht mehr direkt erlebt und zum Teil wahrscheinlich nur als ein Marginal-Intermezzo wahrgenommen.

    Aber gerade für diese jüngeren Menschen in Deutschland scheint es mir wichtig zu sein, sich diesem Thema einigermaßen objektiv (so weit dies überhaupt möglich erscheint) zu nähern. Hier seien nur die Stichworte "Studentenunruhen in Frankreich", der "Schahbesuch in Berlin" und zeitgleich die "Erschießung Benno Ohnesorgs" erwähnt. Grenzüberschreitend kam es jetzt auch in der Bundesrepublik zu großen Auseinandersetzungen, die anfangs im Hörsaal und auf der Straße ausgetragen wurden. Im Laufe dieser Demonstrationen machten auf Seiten der Studenten charismatische Köpfe, wie u.a. Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit, auf sich aufmerksam.

    Diese Auseinandersetzungen wurden mit einer im Nachkriegsdeutschland bisher nicht bekannten Vehemenz geführt. Zum Teil wurden diese Studentendemonstrationen auch in den Zeitungsverlagen (selbstverständlich nicht von der Springer-Presse, die zum Teil Gegenstand dieser Demos war) mit Empathie; ja, sogar mit Sympathie bedacht.

    Diese "Anteilnahme" hat m.E. auch dazu geführt, dass die "Rote Armee-Fraktion" damals annahm, sie könne eventuell auch andere als nur studentische Bevölkerungsschichten "für ihren Kampf" mobilisieren.

    In dem Film von Uli Edel haben die "Action-Szenen" den Sinn, die Ebene der Glorifizierung der Baader-Meinhof-Gruppe zu verlassen und darauf zu verweisen, mit welcher Brutalität diese doch sehr isolierte RAF den "Kampf gegen den Staat" geführt hat.

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