Theateruraufführung Frauen, seid feige!

Denn die Männer sind es auch. Bertolt Brechts unbekanntes Drama »Die Judith von Shimoda« wurde in Wien uraufgeführt

Mavie Hörbiger als japanische Geisha

Mavie Hörbiger als japanische Geisha

Der Anfang ist so peinlich, wie erhofft, und im Zuschauerraum ertönt höhnisches Schnauben. Es wird an diesem Abend noch häufiger zu hören sein: ein selbstgefälliges Luftablassen der Brecht-Verächter, die ihre Vorurteile bestätigt finden; ein schadenfrohes Geräusch, das nicht nur dem linken Dichter, sondern dem politischen Theater überhaupt gilt; ein parfümierter Hauch von Ressentiment, in den sich die Seufzer der letzten Brechtianer mischen. Kann man heute noch Lehrstücke spielen? Die sozial erwünschte Antwort auf die Frage des Abends lautet Nein und wird im Programmheft auch so beantwortet. »Lehrstücke, mein Gott! Die Lektionen sind gelernt«, höhnt der Dramaturg des Wiener Theaters in der Josefstadt. Brecht ist tot, Kommunismus kaputt, Utopie perdu. Warum der Regisseur trotzdem ein lange verschollenes Exildrama des verpöntesten deutschen Dramatikers uraufführt, warum man es nach fast 70 Jahren nicht einfach den Germanisten und sonstigen Fans historisch-kritischer Werkausgaben überlässt, wird nur angedeutet. Ja, um Patriotismus, um Emanzipation geht es. Aber unausgesprochen bleibt, dass das Stück eine kalte Analyse von Machtverhältnissen und scharfe Inspektion der Herrenkultur ist. Glauben die Veranstalter nicht an die Brisanz ihrer Premiere?

Der Regisseur verkleinert die Gesellschaftskritik zur Posse

Sitzen zwei Lehrstückfiguren in einer roten Loge. Sitzen zwei andere Lehrstückfiguren in der Loge gegenüber. Werfen einander Lehrsätze zu wie schlappe Volleybälle. Lassen Kommentare von oben herab ins Publikum fallen wie schlecht verschnürte Carepakete. Wir erleben das klassische Vorspiel eines epischen Dramas, lustlos gegeben von Schauspielern, die nicht an Verfremdungseffekte glauben. Unter der Saaldecke glitzern die Josefstädter Kronleuchter. Auf der Bühne vorm Vorhang steht der Regisseur als er selbst und kündigt an, dass wir gleich eine Szene aus Japan sehen, die Hafenstadt Shimoda im Jahr 1856, einheimische Politiker im Streit mit dem amerikanischen Konsul.

Aber warum muss der Amerikaner so walrossdick sein, dass man gleich an alte Kapitalismuskarikaturen denkt? Warum müssen die österreichischen Japaner auf der Bühne dauernd katzbuckeln? Warum dieses schmierenkomödiantische Kulturkampfkabarett? Offenbar vertraut der Regisseur nicht auf die Aktualität seines Stoffs. Statt Bertolt Brechts Judith von Shimoda kühl zu rezitieren, statt seine Dialektik wirken zu lassen, verabreicht Heribert Sasse den Wienern, was sie angeblich seit Jahrhunderten lieben, das verplauderte Volkstück auf der Vorstadtbühne, die Gesellschaftskritik als Posse, die Weltpolitik als Schwank. Es ist der Fluch solchen Theaters, dass ihm exotische Kostüme und fremdländisches Gebaren ein schweres Gepräge von Provinz verleihen: Sasses Japaner, wie sie vor Amerikas fetten Bombendrohungen erzittern, gleichen falschen Asiaten im Musikantenstadl.

Aber dann tritt Mavie Hörbiger auf und macht alles richtig. Verwandelt das naturalistische Gepolter in ein Schauspiel, führt den globalen Konflikt als private Tragödie vor, erzählt in schlichten Gesten die Geschichte vom Scheitern des anständigen Menschen in einer korrupten Gesellschaft. Eine ganze Weile steht die zierliche Person mit der turmhohen Frisur nur still da und lässt uns ihren Kimono bewundern. Dann, in einer plötzlichen kleinen Bewegung, wendet sie sich dem Publikum zu, mustert kurz ihren Gegenspieler, einen Beamten der Stadt Shimoda, und sagt angriffslustig: »Ich bin keine Dienstmagd, ich bin Sängerin.« Mavie Hörbiger spricht mit einer Herablassung, die zu ihrer Titelrolle als berühmte Geisha passt, aber in einem lässigen Ton, der ihr eigener ist. So muss man Brecht spielen: Eine Figur darstellen, aber man selbst bleiben. Mavie Hörbiger bleibt auch im Kimono die Jungmimin aus München, die Schöne des Jahrgangs 1979, die erprobte Viva-Moderatorin, die manchmal auf einem Motorroller durch Wien braust – und jetzt kanzelt sie den Beamten ab, als habe er von ihr persönlich verlangt, die Hure des amerikanischen Konsuls zu werden, damit Shimoda einem Bombardement entgeht. Mokant lächelnd erklärt Mavie alias Okichi: »Ich werde mein Mädchen schicken.«

Wenn das Vaterland ruft, stürze nicht los! Wenn mächtige Herren deine Dienste fordern, biete ihnen deine Dienstboten an! So könnte eine heutige Heldin das Problem angehen: mit Humor. Mavie Hörbiger spielt Okichi als frühe Emanze, die gern Widerworte gibt und Männer verspottet. Zum Verhängnis wird ihr jedoch klassisch ihr Herz. Ein Weiser Fürst Shimodas hält ihr nämlich die Bombenopfer vor Augen, die es gibt, wenn sie sich nicht opfert. Da ist die unkäufliche Geisha erpressbar. Na gut, okay, unter diesen Umständen! Traurig zwar registriert sie, dass ihr Verlobter sie nicht zurückhält, weil man ihn bestochen hat. Doch erhobenen Hauptes marschiert sie ins Bett des Konsuls. Tief verletzt ist sie erst hinterher, als die USA erfolgreich bezirzt sind, die Kanonenboote beidrehen, Japan jubelt und beide Länder scheinheiligst paktieren: Plötzlich nehmen die Leute ihr den Opfermut übel, beschimpfen sie als Amerikaner-Okichi, bespucken sie und machen sie zum Sündenbock der nationalen Demütigung.

Aber die junge Hauptdarstellerin begeistert uns für den alten Brecht

Brecht erzählt die Legende vom bitteren Lohn des Patriotismus, und Mavie Hörbiger bringt die pessimistischen Pointen zum Funkeln. Ein Lehrstück ist Die Judith von Shimoda eigentlich nicht, denn es hat keine positive Moral. Es lehrt: Sei feige, selbstsüchtig, intrigant! Misstraue den Menschen, besonders den feigen Männern! Brecht schrieb die elf kurzen Szenen 1940 im finnischen Exil, mit Hilfe der Schriftstellerin Hella Wuolijoki, nach einer Vorlage des japanischen Dramatikers Yamamoto. Bei der Weiterreise nach Amerika, im Wust anderer Arbeiten, ging ein Teil des Materials verloren, erst vor zwei Jahren hat der Germanist Hans Peter Neureuter es gefunden und eine Spielfassung rekonstruiert. Warum in Wien auch die halbgaren Zwischentexte, diese steifen Dispute für gesichtslose Lehrstückfiguren, nachgebetet werden, weiß nur der Regisseur.

Brecht kannte die Schwächen starker Frauen, weil sie sich drängelten, ihm zu dienen. Aber er schildert ihre Schwächen mit Respekt, vielleicht dachte er bei Okichi auch an die dänische Schauspielerin Ruth Berlau, die er gerade kennengelernt hatte, eine schöne junge Kommunistin, die allein per Fahrrad nach Moskau gereist war. Mavie Hörbiger kann man sich auch vorstellen, wie sie allein durch Europa radelt. Stolz, furchtlos und abenteuerlustig auf der Suche nach neuen, besseren Menschen. Ihre einsame Grandezza ist es, die uns über den deprimierenden Befund des Stückes tröstet und für Brecht begeistert.

 
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