Studiengebühren Auf der Kippe

Die Sozialdemokratische Partei Österreichs will vier Tage vor der Wahl die Studiengebühren abschaffen. Hochschulen und Studentenvertreter sind jedoch nicht begeistert

Das Aus kommt vermutlich im verflixten siebten Jahr: Nur vier Tage bevor die Österreicher ein neues Parlament wählen, wird das alte wahrscheinlich die 2001 eingeführten Studiengebühren an den Universitäten des Landes abschaffen.

Den Plänen zufolge, die der Nationalrat derzeit in Sondersitzungen berät, sollen vom kommenden Jahr an allen Studenten aus Österreich und den anderen Ländern der Europäischen Union die 363 Euro Studienbeitrag pro Semester erlassen werden; wer aus dem Rest der Welt in Österreichs Hörsälen sitzen will, muss künftig die Hälfte dieses Betrags bezahlen. Der Bund will den Universitäten allerdings die fehlenden Einnahmen ersetzen.

Damit erfüllt die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) ein wichtiges Versprechen aus dem Wahlkampf 2006, das sie aber im rot-schwarzen Regierungsbündnis nicht durchsetzen konnte. Statt mit dem verflossenen Koalitionspartner Österreichische Volkspartei (ÖVP) werden die Sozialdemokraten aber nun wohl mit den Grünen und den Abgeordneten der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) die nötige Mehrheit zusammenbringen. Die Abschaffung der Studiengebühren ist Teil eines Sofortprogramms, mit dem die SPÖ die Bürger in verschiedenen Bereichen des Lebens entlasten will.

Eigentlich müssten sich die österreichischen Studenten über die Pläne der Politiker freuen – doch so ganz trauen sie den Versprechungen der SPÖ nicht.

Samir Al-Mobayyed, Vorsitzender der Österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft (ÖH), fürchtet, dass sich die kurzfristig beschlossenen Änderungen schon bald als wenig durchdachte Schnellschüsse herausstellen könnten. Er erinnert sich an den Kompromiss, den die SPÖ in der rot-schwarzen Legislaturperiode eingegangen war: Wer sich die Studiengebühren nicht leisten konnte, sollte sie nach dem Willen der Regierung abarbeiten können – mit 60 Stunden gemeinnützigem Engagement. Doch das kam einem Stundenlohn von gerade sechs Euro gleich; den allermeisten Studenten war das einfach zu wenig. Sie gingen lieber kellnern.

Ein weiterer Punkt stört die Studentenvertreter: Für die Fachhochschulen gilt die Abschaffung der Gebühren zunächst nicht. Denn anders als bei den Universitäten ist der Bund an den Fachhochschulen nur ein Träger unter vielen. Und den Fachhochschulen war es von Beginn an freigestellt, ob sie Geld für ein Studium erheben wollen oder nicht. Darum haben das längst nicht alle getan. Wer nun die Gebühren abschafft, dem will das Land wie bei den Universitäten die Einnahmen ersetzen. Dann gehen jedoch diejenigen leer aus, die niemals Gebühren erhoben haben.

Auch die Universitäten sind vom Vorstoß zur Abschaffung der Gebühren nicht gerade begeistert. »Das ist ein erschreckender, pseudopopulistischer Wettbewerb, der uns im Stich lässt«, sagt Christoph Badelt, Präsident der Österreichischen Universitätenkonferenz und Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien. Für ihn kann die Abschaffung nur zulasten anderer Dinge gehen: Wenn das Land den Universitäten die Gelder ersetze, dann spare es diese eben an anderer Stelle wieder ein.

Im Herbst 2007 hatte die Regierung den Universitäten ein Aufbauprogramm zur Forschungs- und Nachwuchsförderung versprochen. Davon rede nun niemand mehr, sagt Badelt: »Ostern und Weihnachten fallen nun mal nicht auf einen Tag.«

Nach Ansicht von Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) reißen zudem andere Pläne, die das rot-grün-blaue Zweckbündnis kurz vor der Wahl ebenfalls durchsetzen will, weitere Löcher ins Budget der Universitäten. So sollen die Zulassungsbeschränkungen nur noch in den medizinischen Fächern beibehalten und in diesen die Zahl der Studienplätze von derzeit 1500 auf 2400 erhöht werden. Hahn rechnet damit, dass die Universitäten deshalb 25 bis 30 Prozent mehr Geld im Jahr brauchen werden.

In Erziehungswissenschaften, Publizistik, Psychologie und Betriebswirtschaftslehre müssen alle Studienbewerber bislang eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Allerdings schränkt Josef Broukal, Wissenschaftssprecher der SPÖ, ein: An den meisten Unis habe es in diesen Fächern in den letzten Jahren mehr Plätze als Bewerber gegeben, und die Beschränkungen waren ohnehin bis 2010 begrenzt. Jetzt fielen sie lediglich ein Semester früher als mit der ÖVP vereinbart. Und auch diese Einbußen sollen aus dem Bundeshaushalt ausgeglichen werden.

Um mindestens ein halbes Jahr verschiebt sich dagegen ein wichtiges Gesetzesvorhaben: Die Reform des österreichischen Universitätsgesetzes (UV). Die scheidende Regierung hat bereits im vergangenen November eine Novelle beschlossen. Unter anderem sollen bis 2020 die Ausgaben für den Hochschulsektor von derzeit 1,2 Prozent auf 2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steigen, darin sind sich die österreichischen Parteien weitgehend einig. Beide großen Parteien wollen Frauen an den österreichischen Hochschulen größeren Einfluss verschaffen. In allen Selbstverwaltungsgremien sollen mindestens 40 Prozent der Mandate von Frauen besetzt werden. Außerdem sollen die Hochschulen in die Lage versetzt werden, den Zugang zu Master- und Promotionsstudien von qualitativen Kriterien abhängig zu machen – ein Vorhaben, das die ÖH grundsätzlich ablehnt: Jeder Bachelor solle eine Garantie für einen Masterstudienplatz erhalten, sonst seien seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt schlecht. »Die Arbeitgeber wissen nicht, was sie mit Bachelor-Absolventen anfangen sollen«, sagt der ÖH-Vorsitzende Samir Al-Mobayyed.

Die SPÖ hat aber auch zum UV inzwischen einen neuen Vorschlag vorgelegt: Sie möchte einführen, dass Studenten künftig Schadenersatz einklagen können, sollte die Hochschule an der Infrastruktur gespart und damit eine Verzögerung des Studiums verursacht haben.

Was von alldem nach der Wahl übrig bleibt, ist vollkommen offen. Auch die Studiengebühren könnten binnen kürzester Zeit auferstehen. ÖVP-Spitzenkandidat Wilhelm Molterer hat bereits angekündigt, er werde sie wieder einführen – falls er die Wahl gewinnt.

 
Leser-Kommentare
    • tomde
    • 26.09.2008 um 10:42 Uhr

    Ich begrüße die Abschaffung der Studiengebühren, auch wenn dies vielleicht nur von kurzer Dauer sein wird. Am Sonntag werden wir mehr wissen.

    Grundsätzlich habe ich nichts gegen Studiengebühren, wenn sie tatsächlich den Unis zugute kommen würden. Ich habe als aktiver Student die Einführung der Studiengebühren miterlebt und kann aus eigener Erfahrung berichten, dass danch alles SCHLECHTER geworden ist. Nichts wurde besser, weder von der Infrastruktor noch vom Lehrangebot. Ganz im Gegenteil.
    Was sich in dieser Zeit allerdings verbessert hat, war die Studienbeihilfe. Diese wurde erhöht und der Kreis der Studienbeihilfebezieher erweitert. Die Studiengebühr wurde zu 100% ersetzt. Natürlich gab es einige wenige die davon nicht profitiert haben. Grundsätzlich war und ist das System aber sehr gut.

    Zusammenfassend, die Studiengebühren haben nicht dazu beigetragen die Qualität oder sonst irgendetwas an den Unis zu verbessern. Aus diesem Grund ist für mich kein Sinn der Studiengebühren erkennbar. Deshalb begrüße ich deren Abschaffung.

  1. In Deutschland ist die Debatte ja eigentlich schon ein/zwei Jahrzehnte alt. Vor etwa einem halben Jahrzehnt hat sich die politische Großwetterlage so verändert, dass die Einführung von Studiengebühren nur noch eine Frage der Zeit war. Mein Eindruck war, dass es sich um so eine Art Nachwehe der New-Economy-Zeit handelte. Erinnern kann ich mich an Fernsehdebatten, in denen beklagt wurde, dass es in Deutschland keine "Eliteuniversitäten" gäbe, die als "Inkubatoren" für Firmen à la Google etc. dienen könnten. Irgendwie hat sich bei den Politikern der Eindruck breitgemacht, dass man nur Studiengebühren einführen müsste und dann werden die bodenständigen deutschen Unis auf magische Art und Weise zu Eliteuniversitäten.

    Letztenendes zeugt dies von einer relativ naiven Weltsicht und völliger Unkenntnis des wissenschaftlichen Betriebes. Die Debatte ähnelt der leidigen PISA-Debatte. Jeder war einmal Schüler und hält sich daher für kompetent genug um an der Debatte teilzunehmen. Genauso war fast jeder Parlamentarier einmal Student und hält sich dafür für kompetent genug um bei einer Hochschulreform mitzureden.

    Vergessen wird dabei leider, dass die meisten Parlamentarier Jura oder Politikwissenschaften studiert haben und daher überhaupt keine Ahnung von den Bereichen haben, auf die es bei der "Inkubatorfunktion" wirklich ankommt. Die Ausbildung und Forschung in den technischen, mathematischen, naturwissenschaftlichen Fakultäten. Die Ausbildung ist dort im Gegensatz zu den geisteswissenschaftlichen Fakultäten grundsolide (auch nicht so stark überlaufen) und international absolut spitzenklasse. Bei der Forschung liegt aber so einiges im Argen... Das hat nicht in erster Linie etwas mit Geldmangel zu tun. Die organisatorischen Defizite haben einen deutlich(!) größeren Anteil an der Misere. Der starke Fokus auf den großen, unkündbaren C4-Professor und die völlige Abhängigkeit der Nachwuchswissenschaftler von seinen Gnaden ist ein enormes Hindernis und treibt alle guten Köpfe aus der Uni direkt an die Max-Planck-Institute oder ins Ausland.

    Ob jetzt im Semester 500,- Euro pro Student zur Verfügung stehen macht bei den fünfzig Studenten pro Studiengang auch keinen Unterschied. Davon kann man mal ein paar mehr Bücher kaufen oder ein paar "Gradstudents" als Tutoren für die Vordiplomler/Bachelor einstellen aber dafür war vorher auch immer Geld da.

    Es lässt sich an den deutschen Universitäten vieles zu verbessern, ohne groß Geld in die Hand nehmen zu müssen. Die Studiengebührendebatte ist eine leidige Angelegenheit, die von den eigentlichen Problemen ablenkt.

    Grüße
    Trench

    • Rudi01
    • 27.09.2008 um 21:46 Uhr

    Studierende sollen in ihrer Studienzeit -- na was wohl? -- studieren. Und nichts anderes. Das BaFöG sollte dies auch für diejenigen sicherstellen, denen die Eltern nicht das Studium finanzieren können.

    Wenn man einmal einen Moment nachdenkt, sollte klarwerden, dass das Interesse der Eltern, dass aus ihren Sprößlingen mal "etwas wird", irrelevant ist. Der Staat, also die Vertretung von uns allen, die wir in Deutschland leben, sollte das Hauptinteresse daran haben, dass jeder studiert, dessen Fähigkeiten dazu ausreichen.
    In Skandinavien hat man das erkannt; da versteht man einen volljährigen Studierenden auch als genau das, was er sein sollte: erwachsen, unabhängig von seinen Eltern, und vor allem als jemanden, der im Berufsleben zum Wohlstand des Landes beiträgt -- wenn man sie oder ihn dazu durch eine gute Ausbildung in die Lage versetzt.
    Und deshalb gibt es zum Beispiel in Schweden keine Studiengebühren, sondern ganz im Gegenteil eine elternunabhängige finanzielle Förderung får Studierende, allerdings mit der Pflicht, im Studium am Ball zu bleiben.

    Bei uns hingegen immer noch das Denken aus dem 19ten Jahrhundert: Studieren ist ein Privileg. Und der Irrglaube, jemand werde später für sein abgelegtes Diplom gut bezahlt. Irrtum: man wird (in aller Regel) dafür gut bezahlt, dass man etwas leistet, nicht dafür, dass man es kann.

    Aber hier in Deutschland ist Erwerbstätigkeit im Studium etwas, das man gesellschaftlich eher positiv sieht. Da sieht man ja in klingender Münze, dass der Student/die Studentin etwas Nützliches tut.
    Wer sich auch nur ein wenig im wirklichen Hochschulleben auskennt, weiss, dass Erwerbstätigkeit "neben" dem Studium der wichtigste Faktor ist, durch den Probleme mit Prüfungen und letztlich eine Verlängerung der Studentenzeit (nicht des aktiven Studiums) entstehen. Wer arbeitet, kann in der Zeit nicht lernen. Und alle Studienpläne, gerade in den neuen Bachelor-Master-Studiengängen sind auf Vollzeit-Studieren ausgerichtet.

    Wer soll also die Studiengebühren bezahlen? Natürlich denkt man an die Eltern der Studierenden, kassiert aber bei den Studenten. Das für die Gebühren-Befürworter Schöne ist, dass man sich nun nicht mehr um die finanzielle Leistungsfähigkeit
    eben der Eltern zu scheren braucht. Und so zahlen halt der Zahnarzt oder die Ministerialdirigentin das Gleiche wie der Facharbeiter für ihre jeweiligen Sprößlinge. Das ist das einfache Prinzip: Flatrate statt einkommensabhängige Steuern.
    Und das wiederum heisst: wer vorher viel Steuern zahlte, zahlt jetzt weniger. Und umgekehrt.

    Leute, lasst Euch nicht veräppeln:
    Entlastung der hohen Einkommen ist angesagt. Darum geht es.

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