Selbstständigkeit Neustart mit Handicap

Eine Berliner Existenzgründerberatung hilft behinderten Menschen, sich selbstständig zu machen

Manchmal vermisst Jacqueline Arlt den Geruch der Bühne, die Aufregung vor einer Aufführung und die vielen Reisen, die sie als Angestellte einer Orchesterdirektion mit den Musikern machte. Sie war verantwortlich für die Flüge und Hotels und dafür, dass das sperrige Gepäck zur rechten Zeit am rechten Ort war. Doch dann erinnert sie sich an die permanenten Rückenschmerzen, im Frühjahr des vergangenen Jahres nahmen sie überhand: »Mittags habe ich weinend vor Schmerzen am Schreibtisch gesessen«, erzählt Arlt. Sie wusste keinen anderen Ausweg als die Kündigung. Dann war sie arbeitslos.

Schuld an Arlts Schmerzen ist eine Knochenstoffwechselkrankheit, die sie von Geburt an hatte. Sie hat ihre Wirbelsäule im Laufe der Jahre zweimal um 45 Grad verkrümmt. 1990 ließ sich Arlt operieren, seitdem stärkt eine Metallstange ihren Rücken. Die Ärzte stuften Arlt als 70 Prozent schwerbehindert ein. Sie kann nicht mehr lange sitzen und muss täglich starke Schmerzmittel nehmen. Ein normaler Arbeitstag – unmöglich.

Dass die 45-Jährige heute trotzdem wieder ihr eigenes Geld verdient, hat sie dem Berliner Projekt Enterability zu verdanken. Enterability – eine Wortschöpfung aus ability (Begabung) und enterprise (Unternehmen) – hat seit 2004 mehr als hundert Menschen mit Schwerbehinderung dabei geholfen, sich als Unternehmer selbstständig zu machen. So konnte Jacqueline Arlt ihr eigenes Online-Reisebüro gründen. Sie arbeitet heute von zu Hause aus und organisiert Geschäftsreisen für Manager oder Familienurlaube in Afrika.

»Meinen Arbeitsalltag plane ich um meinen Rücken herum«, sagt Arlt. Morgens arbeitet sie im Sitzen, mittags fährt sie zu Kunden oder lädt sie in ihr Büro ein. Am Nachmittag kurbelt sie ihren Schreibtisch auf 1,12 Meter hoch und macht im Stehen weiter – oder, wenn die Schmerzen zu groß sind, legt sie sich ins Bett. Und selbst dort kann sie arbeiten, mit Laptop und Telefon.

Dass die Existenzgründer detailliert besprechen, wie sie ihren Arbeitsalltag behinderten- und leidensgerecht organisieren, ist nur eine Besonderheit des Beratungskonzepts, das der Verein IQ Consult im Auftrag des Berliner Integrationsamtes entwickelt hat: Enterability soll Menschen mit Schwerbehinderung nicht nur bei ihrer Gründungsplanung helfen. »Wir unterstützen unsere Teilnehmer auch noch nach ihrer Gründung«, sagt Projektleiter Manfred Radermacher, der zuvor als freiberuflicher Unternehmensberater gearbeitet hat. Eine Psychologin spricht mit den Gründern regelmäßig über ihre gesundheitlichen und psychischen Belastungen. Sie sollen außerdem lernen, sich in einem Netzwerk gegenseitig zu stärken.

Wer sich mithilfe von Enterability selbstständig machen will, braucht eine geeignete Geschäftsidee. Die brachte Jacqueline Arlt bereits mit, als sie vor einem Jahr zur Beratung in die Muskauer Straße in Berlin-Kreuzberg kam. Ein kleines, helles Büro mit Glastischen und Flachbildschirmen, die Eingangstür steht meist offen. Manfred Radermacher fand Arlts Idee sofort gut. »Viele Gründer machen sich in einem Bereich selbstständig, in dem sie sich beruflich schon gut auskennen«, sagt er. Zusammen erarbeiteten die beiden einen Businessplan. Dann wurde Jacqueline Arlt beauftragt, mögliche Kunden und Partner zu befragen. Für viele sei dieses Rausgehen anstrengend, gibt Radermacher zu: »Aber nur, wenn man sich bewegt, ergeben sich auch Chancen.«

Chancen, die Menschen mit Behinderung in der Arbeits- und Geschäftswelt immer noch oft verwehrt werden: Besonders wenn es ums Geld geht, sind die Vorbehalte groß. Viele Projektteilnehmer hatten in der Vergangenheit vergeblich versucht, bei Banken ein Darlehen zu beantragen. Wer schwerbehindert ist, sei nicht belastbar, sagten die einen. Wie sollen sich Behinderte denn am Markt behaupten?, fragten andere. Deswegen vergibt Enterability auch kleine Kredite, zum Beispiel für einen Computer oder eine Nähmaschine.

Neben finanzieller Unterstützung ist aber vor allem die Betreuung auch noch während der Selbstständigkeit entscheidend für den Erfolg des Konzepts. Das Berliner Integrationsamt hatte bereits in der Vergangenheit Gründungsdarlehen an Menschen mit Behinderungen vergeben, doch viele gingen früher oder später pleite. Heute zeigen die Enterability-Mitarbeiter stolz auf ihre Zahlen: 328 Menschen haben sie in den vergangenen vier Jahren beraten. Ein Drittel der Projektteilnehmer hat sich danach auch tatsächlich selbständig gemacht. Und von den neuen Unternehmern arbeitet ein Drittel nun schon länger als drei Jahre, die Hälfte länger als zwei Jahre. Sie sind jedoch womöglich bald auf sich allein gestellt: Nur noch bis Ende Januar 2009 wird das Projekt aus den Mitteln des europäischen Sozialfonds und von Aktion Mensch bezahlt, die anschließende Finanzierung ist ungewiss.

Dabei führt Enterability inzwischen eine Warteliste von sechs Monaten; Nachfrage ist also vorhanden. Die meisten Gründer wollen sich wie Jacqueline Arlt in der Dienstleistungsbranche und im Online-Handel selbstständig machen, weil das Arbeiten von zu Hause aus für sie am einfachsten ist. Andere eröffnen einen Hundesalon, eine Computerschule oder eine therapeutische Praxis. Ein Elektromeister und ein Tierpräparator zählen bislang zu den eher mageren sechs Prozent, die sich im Handwerk selbstständig machten. Eine Verteilung, meint Radermacher, wie sie aber auch bei Unternehmensgründungen ohne Behinderungen üblich sei.

Jacqueline Arlt hat, zusammen mit ande- ren Enterability-Gründern, an den Seminaren und Fortbildungen teilgenommen, die im Hinterhaus stattfinden. Die Seminarteilnehmer lernen Gesellschaftsrecht, sprechen über Gründungsformalitäten und entwickeln ein Marketingkonzept. Doch bevor es endgültig zur Gründung kommt, steht den Gründern ein ernstes Gespräch mit ihren persönlichen Beratern bevor: Es geht um eine realistische Einschätzung der eigenen Behinderung. Zum Beispiel, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein psychisch Erkrankter wieder einen schizophrenen Schub bekommt. Oder ob die Aussprache eines spastisch gelähmten Menschen deutlich genug für ein Kundengespräch ist. »Was passiert, wenn du vor Rückenschmerzen nicht arbeiten kannst?«, lautete die Frage an Jacqueline Arlt.

»Es ist falsch, die Projektteilnehmer mit Samthandschuhen anzufassen«, meint Manfred Radermacher. Jede Gründung durchlaufe Krisen, und diese Risiken müssten von vornherein einkalkuliert werden. Trotzdem wissen die Enterability-Berater, dass sich ihre Gründer von anderen Gründern unterscheiden: Sie planen kein prosperierendes Unternehmen mit Filialen auf der ganzen Welt. Stattdessen ist die Selbstständigkeit für viele Projektteilnehmer die letzte Chance zu arbeiten. »Dafür nehmen wir auch manchmal ein Scheitern in Kauf«, sagt Radermacher. Das Geld, das Jacqueline Arlt verdient, reicht für ihre kleine Wohnung und ihren Lebensunterhalt. Doch es soll weitergehen: Jacqueline Arlt hat vor kurzem ein Touristikfernstudium angefangen.

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    • Serie Audio
    • Quelle DIE ZEIT, 18.09.2008 Nr. 39
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    • Schlagworte Selbständigkeit | MIT | Afrika
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